Freier Handel – überall

von Bjørn Lomborg11.10.2013Außenpolitik, Wirtschaft

Die USA und Europa setzen ihre Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen fort. Schon das stößt auf Kritik. Dabei sollten wir über noch viel radikalere Varianten nachdenken.

Der Freihandel wurde das vergangene Jahrzehnt über stark vernachlässigt und angeblich wichtigeren und interessanteren Problemen der Weltpolitik geopfert. Ein fataler Fehler, da gerade der Freihandel einer der wenigen Wege ist, um wirtschaftlichen Aufschwung und Entwicklung zu garantieren. Unlängst erfährt der Freihandel aber wieder mehr Beachtung. Der britische Premier David Cameron hat das Thema, ganz zu Recht, ganz oben auf seine G8-Agenda gesetzt. In dieser Woche sollten die USA und die EU in Brüssel die Verhandlungen “über ein gemeinsames Freihandelsabkommen fortsetzen”:http://ec.europa.eu/trade/policy/in-focus/ttip/. Das Treffen musste jedoch aufgrund des „Shutdowns“ der amerikanischen Regierung vertagt werden.

Freihandel fördert Innovation

Aber wieso sollten wir uns eigentlich wieder dem Freihandel zuwenden? David Cameron hat “im Vorfeld des letzen G8-Treffens erklärt”:http://online.wsj.com/article/SB10001424127887324216004578478652537662348.html, dass der freie Handel das globale Einkommen um mehr als eine Billion Dollar steigern könnte. Eine klare Untertreibung.

Das klassische Argument für den Freihandel behauptet, dass die eingehende Spezialisierung und der Tauschhandel jedem zugutekommen, da die Güter in Ländern produziert werden, die sich auf diese Güter spezialisieren und sie folglich effizienter herstellen können. Die Weltbank-Modelle zeigen, dass echter Freihandel, alleine bis zum Ende dieses Jahrzehnts, das globale Bruttoinlandsprodukt jedes Jahr um mehrere Hunderten Milliarden Dollar ansteigen ließe. Davon könnten sogar 50 Milliarden Dollar an Entwicklungsländer gehen. Gegen Ende dieses Jahrhunderts wird der alljährliche Gewinn voraussichtlich Camerons Eine-Trillion-Dollar-Prognose toppen. Die Hälfte davon wird in die Entwicklungsländer fließen.

Viele akademische Studien zeigen, dass der Spezialisierungseffekt, der mit dem Freihandel einhergeht, nur ein Argument für freieren Handel ist. Die Geschichte beweist, dass offene Volkswirtschaften sehr viel schneller wachsen als andere: Südkorea seit 1965, Chile seit 1974 und Indien seit 1991 “sind nur einige Beispiele”:http://copenhagenconsensus.com/sites/default/files/Working%2Bpaper_Trade.pdf, die dies bestätigen. Die Wachstumsraten dieser Länder stiegen nach der Liberalisierung ihres Marktes rapide an (was in Chile selbstverständlich mit einer wenig wünschenswerten Militärdiktatur einherging). Selbst Märkte, die nur ein wenig offener und freier sind als andere, haben eine höhere Effizienz und können Versorgungsketten besser integrieren. Ein schöner Nebeneffekt: Freihandel hat zur Folge, dass wir nicht ständig das Rad neu erfinden müssen, sondern unser Wissen sich verbreitet und Innovation fördert.

“Eine kürzlich erschienene Literaturanalyse”:http://copenhagenconsensus.com/Admin/Public/DWSDownload.aspx?File=%2FFiles%2FFiler%2FCC12+papers%2FWorking+paper_Trade.pdf von Professor Kym Anderson für das Copenhagen Consensus Center bringt es auf den Punkt. Anderson, einer der führenden Modellierer der Weltbank, zeigt, dass selbst die langfristigen Vorzüge einer nur mäßig erfolgreichen Doha-Runde zum Freihandel enorm wären. “Im Jahr 2020”:http://copenhagenconsensus.com/sites/default/files/Working%2Bpaper_Trade.pdf wäre das jährliche Bruttoinlandsprodukt fünf Trillionen Dollar größer als wenn es keinen freieren Handel gäbe. Alleine drei Trillionen davon würden an Entwicklungsländer gehen. Gegen Ende des Jahrhunderts würden größere Wachstumsraten dafür gesorgt haben, dass sich ein jährlicher Gewinn von über 100 Trillionen Dollar angehäuft hat. Diese Gewinne würden zu einer “jährlichen 20-Prozent-Steigerung”:http://copenhagenconsensus.com/sites/default/files/Working%2Bpaper_Trade.pdf des Bruttoinlandproduktes der Entwicklungsländer beitragen.

Politik im Würgegriff

Selbst ein maßvolles Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA hätten einen massiven Effekt. Eine gerade erschienene Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass der freie transatlantische Handel das Bruttoinlandsprodukt der EU um fünf Prozent steigern würde und alleine Deutschlands Wirtschaft “um 4,86 Prozent wachsen könnte.”:http://www.ged-shorts.org/content/issue-1-ttip-june-2013/# Auf dem deutschen Arbeitsmarkt würden etwa 160.000 neue Jobs entstehen. Die Löhne würden fast unweigerlich steigen und am meisten profitieren würden davon “geringqualifizierte Arbeitnehmer.”:http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/freihandelsabkommen-wie-deutschland-profitieren-wuerde-a-925849.html

Eine andere Politik, die ähnlich große Prosperität verspricht, ist schwer vorstellbar. Vergleichen Sie es mit dem bekannten Versprechen, die Erderwärmung zu bekämpfen. Selbst wenn die politischen Entscheider dabei Erfolg hätten – was bislang nicht der Fall war –, zeigen ökonomische Modelle, dass sie damit bis zum Ende des Jahrhunderts nur einen Schaden von etwa einem Prozent am Bruttosozialprodukt abwenden würden. Ein weniger nützliches Ergebnis also, das deutlich schwieriger zu erreichen ist und vermutlich wesentlich mehr kosten würde.

Die Vorteile von globalem Freihandel muten demgegenüber krass offensichtlich an. Gleichzeitig ist klar, dass es, insbesondere in der Landwirtschaft Interessen bestimmter (Lobby-)Gruppen gibt, die dem im Wege stehen. Etwa 40 Prozent aller staatlichen Subventionen “fließen in die Landwirtschaft.”:http://copenhagenconsensus.com/sites/default/files/Working%2Bpaper_Trade.pdf Unabhängig davon, dass Bauern in entwickelten Industrienationen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen, halten sie die Politik im Würgegriff. Jedenfalls schaffen sie es, die jährliche Versorgung mit 252 Milliarden US-Dollar “aufrechtzuerhalten.”:http://www.keepeek.com/Digital-Asset-Management/oecd/agriculture-and-food/agricultural-policies-in-oecd-countries-2010_agr_oecd-2010-en

Eine ineffiziente Landwirtschaft vom Wettbewerb abzuschirmen, mag politisch wünschenswert erscheinen, hat aber hohe Kosten. Der Verbraucher zahlt die Rechnung für teurere Nahrungsmittel. Und die erstaunlichen Möglichkeiten, die sich für die Entwicklungsländer bieten, werden ignoriert.

Viele Gründe sprechen dafür, Landwirte und andere vom Tropf der Subventionen zu nehmen. Selbst während der Austerität der letzten Jahre plant die EU, den größten Teil ihrer Mittel (363 Milliarden Euro zwischen 2014 und 2020) für die “Förderung der Landwirtschaft auszugeben.”:http://copenhagenconsensus.com/sites/default/files/Working%2Bpaper_Trade.pdf Das in den USA anstehende Landwirtschaftsgesetz könnte im nächsten Jahrzehnt “950 Milliarden Dollar verschwenden.”:http://www.economist.com/news/united-states/21578688-awful-farm-bill-faces-opposition-trough?frsc=dg%7Cb

Ein monumentales Erbe

Unsere Politiker sollten deshalb besser den kreativen und mutigen Schritt wagen. Sie könnten beispielsweise Entschädigungen zahlen für verlorene Subventionen, zumindest für die nächsten zehn oder 20 Jahre. Das würde zwar weltweit noch mal “rund 50 Milliarden pro Jahr kosten.”:http://copenhagenconsensus.com/sites/default/files/Working%2Bpaper_Trade.pdf Doch das wären vernachlässigbare Kosten angesichts des riesigen Gewinns, den freier Handel bringen würde: Für jeden ausgegebenen Dollar bekäme die Welt langfristig mehr als einhundert Dollar zurück.

Unsere Politiker könnten der Welt also ein monumentales Erbe hinterlassen, wenn sie jetzt nicht nur das transatlantische Freihandelsabkommen auf die Agenda setzen, sondern die gesamte Welt in den Blick nehmen. Die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung würde heute wie morgen davon profitieren. Wir haben die Möglichkeit, den Armen der Welt ebenso zu helfen wie uns selbst. Wir brauchen nur den Mut dazu.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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