Schufa besitzt sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Unternehmen | The European

Björn Hartmann20.01.2022Medien, Wirtschaft

Die Wirtschaftsauskunftei besitzt sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Unternehmen. Sie ist ein Datenschatz und auch noch hochprofitabel. Das lockt den schwedischen Finanzinvestor EQT. Sparkassen und Genossenschaftsbanken wollen die Schweden ausbremsen. Nach ihrer Ansicht soll alles weitergehen wie bisher. Von Björn Hartmann.

Schufa in Wiesbaden, Quelle: Shutterstock

Menschen kommen meist mit ihr in Kontakt, wenn sie ein Girokonto eröffnen oder einen Mobilfunkvertrag abschließen. Die Auskunft der Schufa ist Pflicht und meist eine Formalie. Wenn nicht, droht Ärger, denn wenn die Schufa zur Kreditwürdigkeit eines Kunden mit dem Kopf schüttelt, klemmt es für Betroffene überall. Die Schufa – sie ist so etwas wie das höchste Gericht in Bonitätsangelegenheiten.

Und wie immer äußern sich höchste Gerichte zu sich selbst am liebsten gar nicht. Das Wiesbadener Unternehmen macht keine Ausnahme, sondern bleibt lieber im Hintergrund. Bis jetzt. Denn jetzt will ein Finanzinvestor die Schufa übernehmen. Die bisherigen Eigentümer, insgesamt rund 30, unter ihnen vor allem deutsche Sparkassen und Genossenschaftsbanken, finden das jedoch nicht so gut und wollen es verhindern. Es geht um sensible Daten von rund 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Unternehmen.

Die Schufa hat über die Jahre mehr als eine Milliarde Daten vor allem über Privatleute gesammelt. Sie liefert ihren mehr als 10.000 Kunden – etwa Banken, Sparkassen, Händlern und Telekommunikationsunternehmen – Informationen darüber, wie zahlungskräftig jemand ist, der zum Beispiel einen Kredit aufnehmen möchte. 490.000 Abfragen gibt es der Schufa zufolge täglich. Und bei jedem neuen Vertrag, für den bei der Schufa angefragt wird, bekommt sie neue Daten. Es gibt noch andere derartige Wirtschaftsauskunfteien, die Schufa, 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet, ist aber die größte und wichtigste.

Das lockt finanzstarke Investoren, vor allem, weil sie das Potenzial sehen, das Geschäftsmodell durch Zukäufe und Investitionen auf Europa auszuweiten. Außerdem ist die Schufa sehr profitabel. 229,2 Millionen Euro setzten die rund 900 Mitarbeiter 2019 um, der Jahresüberschuss betrug 41 Millionen Euro. Hinzu kommt: Die Schufa gehört vielen Einzelaktionären, keiner hat die Mehrheit, mancher will verkaufen, weil die Schufa nicht Kerngeschäft ist. Der Widerstand gegen eine Übernahme könnte also überschaubar sein – so zumindest das Kalkül.

Als im Oktober 2021 bekannt wurde, der schwedische Finanzinvestor EQT wolle den Anteil der französischen Großbank Société Générale an der Schufa übernehmen, war das denn auch eher eine Nachricht für die Fachpresse. Das Handelsblatt berichtete, EQT spreche bereits mit Deutscher Bank und Commerzbank über deren Schufa-Anteile. Auch die Targobank gilt als verkaufswillig. Doch dann hat der Finanzinvestor diese Woche beim Bundeskartellamt angemeldet, die Wiesbadener Auskunftei komplett zu kaufen. Und seither ist der Frieden vorbei.

Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die zusammen nach eigenen Angaben rund 47 Prozent der Schufa-Aktien halten, blasen zum Widerstand. Sie planen offenbar, die Anteile der Franzosen zu kaufen, um die Mehrheit zu übernehmen und die Schweden auszubremsen. Möglich machen soll das ein Vorkaufsrecht, das all jene haben, die schon Aktionäre sind. Sollte das nicht funktionieren, so die Idee, will man anderen Schufa-Aktionären Anteile abkaufen.

Offiziell heißt es beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband, der Dachorganisation der Sparkassen: „Wir werden alle Optionen prüfen, die die bewährten Strukturen der Schufa dauerhaft sichern.“ Und: „Die Sparkassen stehen fest zur Schufa und unterstützen die bisherige Strategie des Managements.“ Viel konkreter wird es nicht, aber es ist deutlich genug. Das Schufa-Management will sich wie bisher weitgehend auf Deutschland konzentrieren.

Die Nürnberger Teambank, die zur DZ-Gruppe gehört, dem Dachinstitut der Genossenschaftsbanken, hat jedenfalls schon einmal Zukäufe beim Kartellamt angemeldet. Die Schufa habe als Datenlieferant strategische Bedeutung. Und: Bestandsaktionäre hätten ein Interesse daran, stabile Mehrheitsverhältnisse zu erlangen. Derzeit hält die Teambank nach eigenen Angaben 7,9 Prozent an der Schufa. Die Zukäufe dürften nicht billig sein. Denn mit der Société Générale hatte EQT einen Preis vereinbart, der die Schufa insgesamt mit mehr als zwei Milliarden Euro bewertet. Die Franzosen halten knapp zehn Prozent der Anteile.

Es sieht also so aus, als kämen die Schweden bei der Schufa nicht zum Zuge. Jedenfalls nicht als Mehrheitsaktionär. Ob eine Beteiligung an der Schufa dann noch interessant ist? EQT äußert sich zunächst nicht. Hinter dem börsennotierten Finanzinvestor steht die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg. EQT verwaltete 2021 Fonds im Wert von 73,4 Milliarden Euro. Am Mittwoch kündigte der Finanzinvestor an, einen neuen Fonds mit 20 Milliarden Euro Kapital auflegen zu wollen. Das Geld soll bei Anlegern gesammelt und dann investiert werden.

EQT hat im vergangenen Jahr bereits mit dem kalifornischen Finanzinvestor Hellman und Friedman den deutschen Online-Tierbedarfshändler Zooplus übernommen. EQT ist auch am Prothesenspezialisten Ottobock und dem Breitbandnetzbetreiber Deutsche Glasfaser beteiligt, der als Kandidat für einen Börsengang in diesem Jahr gilt. In der Vergangenheit brachten die Schweden den Aroma- und Dufthersteller Symrise an die Börse – heute im Deutschen Aktienindex Dax notiert.

Die Schufa ist vor allem bei Verbraucherschützern nicht immer wohlgelitten. Sie gilt als Datenkrake. Zuletzt verärgerte der Plan der Wiesbadener, genaueren Einblick in Kontodaten zu bekommen. Das Projekt wird seit März 2021 offiziell nicht weiter verfolgt. Die Schufa errechnet sogenannte Scores für jede Person, für die die Kreditwürdigkeit abgefragt wird. Für den Score werden unter anderem Name, Adresse, Geburtsdatum mit Informationen zu Bankkonten, Krediten, Kreditkarten, Mobilfunkverträgen verwendet. Wie der Score genau entsteht und was alles einfließt, ist undurchsichtig, wie Verbraucherschützer bemängeln. Immerhin: Jeder Deutsche kann die Scores, die die Schufa in den vergangenen zwölf Monaten übermittelt hat, bei der Auskunftei abfragen. Ändern lassen können er oder sie die Ergebnisse aber nicht.

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