Corona-Pandemie: Island verzichtet auf Impfnachweise | The European

Während Deutschland erbittert streitet, ist den Isländern der Impfstatus völlig egal

Björn Hartmann1.02.2022Medien, Politik

Während Deutschland über die Impfpflicht debattiert, führt Österreich sie ein. Island verzichtet dagegen sogar auf Impfnachweise. Europas Nationen gehen ihre eigenen Wege – nicht nur Schweden. Und welche Reiseempfehlung spricht das Auswärtige Amt aus? Ein Überblick. Von Björn Hartmann.

Fahne von Island, Quelle: Shutterstock

Wie sehr darf der Staat in der Corona-Pandemie in das Leben der Menschen eingreifen? Wie viel Zwang darf sein? In Deutschland diskutiert das Parlament intensiv über eine allgemeine Impfpflicht. Denn Impfen, da sind sich die meisten Experten einig, hilft Leben retten.
Ob die Pflicht kommt und wann, ist unklar – trotz einer hohen Zahl von Neuinfektionen und Notfallplänen für die sogenannte kritische Infrastruktur wie Nahverkehr, Feuerwehr, Krankenhäuser. Andere Länder in Europa gehen rigoroser vor, Österreich etwa. Und manche sind deutlich zurückhaltender. Vor allem Island hat damit Erfolg. Ein Überblick über ausgewählte Länder.

Island: Kein Impfzertifikat, nirgends

Die Insel im Nordatlantik ist eine Besonderheit innerhalb Europas: Der Impfstatus ist egal. Das Land will nicht zwischen Geimpften und Ungeimpften unterscheiden, unter anderem offenbar, um die Gesellschaft nicht zu spalten. Auch ohne staatlichen Druck (oder weil es keinen gibt) lassen sich die Isländer impfen: Dreifach immunisiert sind inzwischen 62,9 Prozent der Bevölkerung.

Allerdings haben die Insellage und genaue Einreiseregeln nicht verhindert, dass die Omikron-Welle über das Land geschwappt ist. Binnen zwei Wochen steckten sich mehr als fünf Prozent der rund 370.000 Einwohner an. Die Regierung verschärfte die Versammlungsregeln, Clubs und Bars bleiben geschlossen und die Sperrstunde wird auch nicht aufgehoben. Ein Impfzertifikat wird nicht eingeführt. Auch Island ist Hochrisikogebiet, das Auswärtige Amt rät von Reisen ab.

Dänemark: Lockerung dank Superwaffe

Deutschlands nördliche Nachbarn wollen die Corona-Regeln praktisch abschaffen. Bereits vor zwei Wochen hatte die Regierung Kinos und Musiksäle wieder geöffnet. Regierungschefin Mette Fredriksen sieht die Impfquote (einschließlich Booster) von 60 Prozent als hoch genug an, sprach von der hohen Impfbereitschaft als „Superwaffe“. Und: Wer sich mit der Omikron-Variante ansteckt, erkrankt nicht mehr so stark wie bei den Vorgängervarianten.

Nach dem Willen der Regierung soll deshalb die ohnehin schon lockere Sperrstunde entfallen, die Maskenpflicht für die 5,8 Millionen Dänen ebenfalls und auch Impfnachweise müssen von Februar an nicht mehr vorgezeigt werden. Das Parlament muss noch zustimmen. Zuletzt erkrankten nach Zahlen des Europäischen Zentrums für Krankheitsvorbeugung und -kontrolle rund sieben Prozent der Dänen an Corona. Das Land testet auch sehr viel und entdeckt deshalb deutlich mehr Fälle. Das Auswärtige Amt warnt vor nicht notwendigen Reisen nach Dänemark.

Großbritannien: Rettungsversuch des Premiers

Premierminister Boris Johnson hat das Land mit einer Hin-und-her-Strategie eher schlecht durch die Pandemie gesteuert. Es gab zwar aufwändige Einreiseregeln und zu Beginn beachtliche Impferfolge, allerdings reagierte die Regierung zu spät und musste das Land in einen harten Lockdown schicken. Sehr viele Menschen starben. Inzwischen sind die Regeln etwas entspannter, es gelten allerdings noch eine Maskenpflicht und andere Einschränkungen für die 67,2 Millionen Einwohner des Vereinigten Königreichs.

Die Regeln fallen jetzt, zumindest in England, denn Johnson hat das Ende der Pandemie erklärt. Die Zahlen zeigen das nicht so recht, aber der Premier kämpft wegen zahlreicher Verstöße gegen die eigenen Lockdown-Regeln um sein politisches Überleben. Das Ende der Pandemie-Regeln sehen Kritiker deshalb als Teil eines Programms, das von den Fehlern des Premiers ablenken soll. 55,1 Prozent der Bevölkerung sind dreimal geimpft. Binnen 14 Tagen steckten sich 1,8 Prozent der Briten an. Die Zahl der Todesfälle liegt immer noch weit über dem europäischen Durchschnitt. Das Auswärtige Amt warnt vor touristischen Reisen.

Italien: Draghis harte Hand

Zu Beginn der Pandemie schockten Bilder aus Norditalien von nächtlichen Leichentransporten Europa. Das Land hat danach unter Ministerpräsident Mario Draghi einen sehr harten Corona-Kurs genommen: Wer nicht geimpft ist, kann seine Job im öffentlichen Dienst verlieren oder muss vom Unternehmen ohne Bezahlung freigestellt werden. Lehrpersonal, Sicherheitskräfte und Beschäftigte im Gesundheitswesen müssen sich impfen lassen. Seit Dezember gilt zudem 2G in Restaurants. Alles als Vorbereitung für die nächste Welle, die mit Omikron auch kam.

Die Infektionszahlen sind hoch. Rund 3,1 Prozent der gut 60 Millionen Italiener steckten sich binnen 14 Tagen an. Rund 53 Prozent sind bereits dreimal geimpft. Die Regierung schätzt die Lage als so gut ein, dass sie die Einreisebestimmungen zu Ende Januar lockert: Ein 2G-Nachweis reicht aus, zusätzliche Tests sind nicht nötig. Die Bundesregierung warnt dennoch vor touristischen Reisen.

Österreich: Impfpflicht von März an

Während Island eher locker mit dem Impfen umgeht, ist Österreich deutlich rigoroser. Ende Februar führt das Land die allgemeine Impfpflicht ein, bewehrt mit Strafen. Noch gelten eine Maskenpflicht, eine Sperrstunde sowie eine 2G-Regel (doppelt geimpft oder genesen), unter anderem für Restaurants, Hotels, Ausstellungen und Sportstätten. Diese Woche will unser Nachbarland jedoch mehrere Corona-Auflagen lockern. Ab kommenden Freitag soll die Gastronomie wieder bis Mitternacht öffnen dürfen. Auch 2G soll fallen –  zunächst im Handel, Mitte Februar dann auch in der Gastronomie und im Tourismus.

Zuletzt steckten sich binnen 14 Tagen 3,2 Prozent der 8,9 Millionen Österreicher mit dem Virus an. Dreifach geimpft sind inzwischen 51,9 Prozent der Bevölkerung. Auch wenn viele Deutsche gern zum Skifahren nach Österreich reisen: Das Auswärtige Amt empfiehlt, das nicht zu tun.

Schweden: Keine Maskenpflicht

Die Schweden gehen seit dem Beginn der Pandemie einen Sonderweg: Restaurants waren nicht geschlossen, Schulen auch nicht. Die Regierung appellierte an die 10,4 Millionen Schweden, sich vernünftig zu verhalten. In Schweden starben anfangs vergleichsweise viele Menschen, dafür lief das Leben weitgehend normal, wenn auch gebremst.

Inzwischen ist die Regierung nicht mehr so entspannt, von deutschen, österreichischen oder italienischen Verhältnissen sind die Schweden allerdings weit entfernt. Die Impfquote (einschließlich Booster) liegt bei geringen 36,5 Prozent. Binnen 14 Tagen steckten sich rund vier Prozent der Schweden mit dem Virus an. Eine allgemeine Maskenpflicht gibt es nicht. Zuletzt demonstrierten Tausende in der Hauptstadt Stockholm, weil die Covid-App verpflichtend werden soll – in Deutschland und Frankreich ist sie praktisch Standard, in Schweden für einige ein Eingriff in die Freiheit des Einzelnen. Von nicht notwendigen Reisen rät das Auswärtige Amt ab.

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