Technologie hat einen stark männlichen Ethos an sich. Jessica Erickson

Herr, es ist Zeit

Der Sommer war zwar nicht wirklich groß, dafür ist umso klarer: Der Herbst steht vor der Tür. Zeit für ein Update in Sachen Gemütlichkeit. Und die Zutaten der Wohlfühlliste dafür heißen: Fell, Wolle, Filz, Holz – Natur pur.

Dass der Sommer zu Ende ist, merke ich auch daran, dass die Kunden pfundweise Kerzen kaufen, als stünde uns ein nicht enden wollender Stromausfall bevor. Schön, der dunklen Jahreszeit mit Kerzenlicht zu begegnen, das Holz im Kamin zu entzünden (wer keinen hat, dem sei ein Bioethanol-Kamin empfohlen). Abends gemütlich Füße hoch und Puschenkino, am liebsten mit einer Kuscheldecke – Fellfreunde greifen zur Decke aus Tibetlamm oder Kanin. PETA-Anhänger werden die handgestrickte Variante aus 100 Prozent Schurwolle bevorzugen. Wie es euch gefällt! Hauptsache, die Zutaten haben einen natürlichen Ursprung. Denn das Motto dieses Herbstes heißt “Zurück zur Natur”. Möbel und Wohnaccessoires präsentieren sich im Eco-Style, made by nature. Treibholz, Filz, Wolle, Tierfelle sind die Zutaten für diesen Look, der auch die Wand- und Fußbodengestaltung mit einschließt.

Made by nature

Die Hamburger Künstlerin Ulrike Plüschau hat die Natur schon vor Jahren als Ideenlieferant und Quelle ihrer Inspiration entdeckt. Sie fertigt aus jahrzehntealten, ausgetrockneten und verholzten Agavenstämmen Skulpturen, die anschließend mit Paraffin gefüllt werden. Jede dieser Riesenkerzen, die wie Elefantenfüße aussehen, ist ein Unikat und einzigartig in Form und Haptik.

Um es noch mal mit Rilke zu sagen: Wer jetzt kein Haus gebaut hat, baut sich keines mehr. Aber es muss ja auch nicht gleich ein ganzes Haus sein. Eine Wohnung umzugestalten kann schon eine ziemliche Herausforderung bedeuten. Die Zielvorgabe in diesem Fall lautet, die vorhandene Baustelle in eine zünftige Alpenhütte zu verwandeln.

Opas Jagdtrophäen werden entstaubt

Als Wandverkleidung wähle ich ein aus Tausenden von Stöckchen zusammengesetztes Holzpaneel. Alternativ bieten sich Schiefer oder auch Backstein an, jedoch nur an einer Wand des Raums, als optisches Highlight sozusagen. Wie wäre es mit Filz für die Füße? Tatsächlich gibt es Teppiche, die wie aneinandergereihte Kiesel aussehen. Der weiche Filz sorgt für warme Füße und eine originelle Optik. An der Decke hängt ein Leuchter aus alten Geweihen, zusammengebastelt aus Opas Jagdtrophäen. Möbel werden gern aus Holz im Used-Look gebaut. Kommoden, deren Material alten Schiffen entstammt, sind genauso im Angebot wie Tische aus alten Türen.

Vorsicht ist jedoch geboten bei Materialien undefinierbarer Herkunft. Denn nicht alles, was organisch ist, ist gut. Ein vermeintlicher Traumtisch, bestehend aus drei Meter langen rauen Holzplanken, das Tischgestell aus Chrom, entpuppte sich als wahrer Albtraum. Aufgrund der eigenwilligen und Kopfschmerzen verursachenden Gerüche beauftragte mein Kunde, nachdem der Tisch schon einige Wochen in seiner Wohnung stand, einen Schadstoffexperten. Das Ergebnis der Expertise war ein Schock: Giftstoffe, Teer in hoher Dosierung, Feinstaub – allesamt krebserregend. Der Anbieter, ein belgischer Lieferant, hatte beim Verkauf des Tisches verschwiegen, dass es sich bei dem Holz um alte, aus China stammende und mit Chemikalien versetzte Eisenbahnbohlen handelt. Unfassbar, dass der Großhändler diesen Tisch immer noch anbietet – trotz Kenntnis der Schadstoffexpertise. Solche Fälle werden in den USA mit Millionen-Dollar-Klagen verfolgt und abgestraft. Zu Recht.

Anmerkung in eigener Sache: Dies ist meine vorerst letzte Kolumne bei The European. Wohnweisheiten wird es demnächst unter www.birgit-von-heintze-blog.de geben.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Birgit von Heintze: Kachel, Mann!

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