Das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten. John F. Kennedy

Kachel, Mann!

Vorbei die kachellosen Zeiten! Die Steingutfliese hat ihr Spießerimage abgestreift und kommt nun im modernen Gewand daher. Quadratisch, praktisch, gut war gestern. Heute überzeugt diese Art der Wandgestaltung durch ungewöhnliche Formate und Haptik.

Currygelb und moosgrün sind die eingeprägten Farbbilder meiner Kindheitserinnerungen. Unser Gäste-WC war bis zum Anschlag in beige-braune Kacheln gehüllt, auf denen ein dezentes Blumendekor eine optische Ablenkung vom curryfarbenen Waschbecken und Klo bot. Im großen Bad hatte sich mein Vater – ein Kenner und Liebhaber der Wiesen und Wälder – durchgesetzt, weshalb hier die Wandkacheln in Moosgrün gewählt wurden, die sanitären Objekte hingegen in Lindgrün. Gekachelt waren auch der Flur, der Küchen- sowie der Kaminbereich. “Ist ja so praktisch”, befand meine Mutter und schien sich dabei keineswegs unwohl zu fühlen. Das waren die Geschmacksverirrungen der 70er-Jahre, die das Auge des Betrachters so arg strapazierten, dass Kacheln bald darauf als Synonym des Spießertums nahezu ganz von der Bildfläche und damit aus den deutschen Haushalten verschwanden.

Geschmacksverirrungen in den 70er-Jahren

Dabei ist die Geschichte der Keramikfliese bis ins Altertum zurückzuführen, wo sie in Ägypten, Mesopotamien und Persien als Wandschmuck genutzt wurde. Mit den Mauren kam diese Art der Wandgestaltung über Spanien und Portugal nach Europa. Im Mittelalter erlebte die Fliesenkultur in den Niederlanden ihren Höhepunkt: Delfterkacheln waren gefragt, besonders in Norddeutschland und Dänemark. Mit diesen handgefertigten blau- oder rot-weißen Unikaten wurden zum Teil ganze Stuben (Pesel) ausgestattet. Manche Hausbesitzer haben heute ein kleines Vermögen an ihren Wänden kleben, habe ich doch kürzlich auf einer Antikmesse Delfterkacheln für 176,- Euro gesehen. Pro Stück, versteht sich. Das nennt man gut angelegt. Auch um die Jahrhundertwende galten Kacheln, verziert mit Jugendstilelementen, als letzter Schrei und sind noch heute wertiges Ausstattungsmerkmal von Altbauwohnungen.

Eine Wertschätzung, die so eine olle Kachel in den 50er- und 60er-Jahren nicht erfuhr. Im Gegenteil, denn nach Nostalgie war den Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zumute. Weg mit dem alten Plunder. Etwas Neues musste her. Da wurden Jugendstilrelikte schnell mal Opfer eines Presslufthammers, verschwanden hinter Rigipswänden oder wurden der Einfachheit halber mit modischem Fliesengut überkachelt. Beliebt waren die 15 × 15 cm großen Steingutfliesen mit glasierter, unempfindlicher Oberfläche, gern in den Pastelltönen Zitronenfaltergelb, Wildrose oder Enzianblau. Nach dem Mustermix und Farbschock der 70er-Jahre und dem Öko-Terrakotta-Hype in den 90ern erstrahlten Bäder und Küchen fliesenlos. Wände wurden lediglich verputzt. Allenfalls der Nasszellenbereich wurde mit kleinen Glasmosaiksteinchen versehen. Das galt als schick und trendy.

Bild der gesellschaftlichen Befindlichkeit

Aber die Fliesenindustrie hat nachgelegt. Nun wird wieder gekachelt, was das Zeug hält. Interessant sind dabei die Formate und die Materialien. Bodenfliesen aus Steinzeug oder Feinsteinzeug in der Größe 120 × 120 cm sind keine Seltenheit. Für Wände werden längliche Formate aus Naturstein favorisiert. Ob Zementfliesen, Kacheln im Craquelé-Effekt oder in Holzoptik, Fliesen, die wie eine Tapete oder gekalkte Eiche wirken … nichts scheint unmöglich.

Das ist Ihnen nicht außergewöhnlich genug? Okay, hier noch der ultimative Vorschlag: Eine französische Firma bietet jetzt ein Fliesenmodell mit Platinanteilen an, original aus der Pariser Metro. Begrenzte Stückzahl. Preis auf Anfrage.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit von Heintze: Herr, es ist Zeit

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