Es muss uns zu denken geben, wenn Menschen vielen Wirtschaftsführern und Politikern keinerlei Glaubwürdigkeit mehr zubilligen. Wendelin Wiedeking

Ich möchte kein Eisbär sein

Die Interiorbranche hat sich mal wieder etwas Neues im Dekorationsbereich ausgedacht. Während man ausgestopften Füchsen, hiesigen Vogelarten und Exoten allenfalls im Naturkundemuseum begegnete, sollen die Echttierpräparate in dieser Saison die heimischen Wohnzimmer schmücken. Einfach tierisch.

Zähnefletschende Alligatoren, fauchende Tiger, mannshohe Eisbären und bunt schillerndes Federvieh überall. Nein, ich schreibe nicht über tierische Begegnungen im Berliner Zoo. Es sind Beobachtungen auf der “Maison & Objet” in Paris, der weltweit wichtigsten Interiormesse. Hier werden die Trends von morgen gezeigt. Hier taucht man ein in eine Welt der Fantasien, der Träume, der Emotionen und Sehnsüchte. Den kommerziellen Aspekt nicht zu vergessen. Der neueste Trend: Echttier-Dekorationen. Wer will, in Lebensgröße – jedoch ganz ohne Leben. Der exotische Mitbewohner fürs traute Heim, anspruchslos, denn er muss nicht gefüttert werden, nicht Gassi gehen, nicht bespaßt werden.

Tiere sind die Trends von morgen

Wer Angst vor großen Tieren hat, dem empfehlen sich als eine Art Einsteigermodell Schmetterlinge. Einzeln oder in Gruppen angeordnet, schillern die präparierten Exemplare farbenfroh in hübschen Rahmen. Sie stammen meistens nicht aus heimischer Flur und Fauna, denn die Farbpracht und Größe haben nichts mit dem uns vertrauten Zitronenfalter gemein. Wem das zu langweilig ist, hat die Wahl zwischen Vogelspinnen, Kobras, Schädeln oder ganzen Skeletten, die je nach Größe auch gern in Glaskästen – sogenannten Showcases – angeboten werden. Eine hübsche Ergänzung im heimischen Bücherregal neben der geerbten Vase von Oma und Goethes Jubiläumsausgabe.

Als besonders grässlich empfand ich die Kollektion großer schwarzer Käfer, deren Anblick, obgleich hinter Glas, in mir echte Ekelgefühle heraufbeschworen. Wer soll sich denn dieses Albtraumpotenzial in die Wohnung stellen? Da möchte man doch reflexartig zum Puschen greifen, um die Krabbelviecher zu erschlagen. Bevor ich mich hier noch zum Härtefall für die Tierschützer mache, sei noch zu erwähnen, dass es sich beim Präparieren von Käfern um sehr zeitaufwendige Pusselarbeit handelt. Jedes einzelne Glied wird seziert und mit einem feinen Metalldraht stabilisiert. In Frankreich boomt die Branche der Tierpräparatoren, dass eine eigene Berufsbezeichnung des “Taxidermisten” geschaffen wurde.

Rauch und Regen – kein Problem

Besonders beeindruckend war die Zebrabüste eines spanischen Anbieters. Die Augen gesäumt von einem dichten Wimpernkranz, die Nüstern samtweich, aber kalt, da mausetot. “Das Fell des bereits toten Tieres wird auf eine gegossene Plastik, die der Originalgröße des Tieres entspricht, aufgezogen”, erklärt Marie Sanchez von Masai Gallery und schwärmt: “Dabei kann der Kunde entscheiden, ob der Zebrakopf nach rechts oder links zeigt.” Selbstverständlich handele es sich bei den Tigern, Bären und auch dem Zebra nicht um Tiere, die für Dekorationszwecke in freier Wildbahn erlegt würden, um anschließend die heimische Kaminecke aufzumotzen. Madame Sanchez beruft sich auf staatliche Instruktionen und Reglements. So stamme das zertifizierte Zebra aus dem Londoner Zoo, hingerafft von Altersschwäche. So eine tierische Maßarbeit hat ihren Preis. Ab 5.000 Euro aufwärts. Ein echtes Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass der ehemals gefährliche Tiger im Ganzkörperformat um die 25.000 Euro kostet. “Dafür ist er äußerst pflegeleicht”, erklärt Madame Sanchez, die mit ihren Produkten unterschiedliche Branchen ausstattet, vom Privatier bis zum Hotelgewerbe. Nur Motten können die Echtfelle zersetzen und Feuchtigkeit mag der Pelz auch nicht. Deshalb werden für unstete Wettersituationen zum Beispiel Nashörner angeboten, gewaltig an Größe, einer authentischen Haptik und Optik. Dafür aber aus 100 Prozent Plastik. “Rauch und Regen – kein Problem”, meint Madame Sanchez. Na, wenn das kein Argument ist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit von Heintze: Herr, es ist Zeit

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