Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Liebe ist, wenn es Landliebe ist

Wo und wie will man leben? In der Stadt? Auf dem Land? Abseits vom städtischen Trubel inmitten einer idyllischen Landschaft? Fragen, die jede Menge Diskussionsbedarf aufwerfen. Insbesondere dann, wenn mehrere Familienmitglieder eine einvernehmliche Entscheidung zu treffen und zu leben haben. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Als wir vor Jahren eine Familie gründeten, war uns klar, der Nachwuchs soll behütet gedeihen und naturnah im Grünen aufwachsen. Ein Haus auf dem Land mit Garten, das wäre doch was Feines. Dieses Ideal von Frischluftidylle ließ sich auch mit dem beruflichen Standort meines Mannes vereinbaren, der dafür allerdings jeden Tag in die Stadt fahren musste. Morgens 35 Kilometer hin, abends 35 Kilometer zurück. Gern bei Tempo 30, dafür zusammen mit all den anderen Pendlern, die im Stau vereint den Kolonien ländlicher Einfamilienhäuser entgegenrollten. Wir hatten unser Paradies in Alleinlage gefunden, umgeben von Wald und Wiesen, direkt an einem See gelegen. Dafür nimmt man dann auch die Unannehmlichkeiten in Kauf. Klar, dass wir abends oft keine Lust mehr hatten, noch mal in die Stadt zu fahren, um Freunde zu treffen. Ja, in unserer Wohnsituation musste man sogar das Auto bemühen, um Brötchen oder einen Liter Milch zu kaufen. Radeln? Theoretisch möglich. Aber mit den Einkäufen für eine mehrköpfige Familie auf dem Gepäckträger, inklusive der Getränkeflaschen, eher unpraktikabel.

Täglich 70 Kilometer Schneckentempo

Die Kinder wurden größer, Muttis Aktionsfeld verlagerte sich von der Sandkistenanimation hin zum allzeit bereiten, ausgeklügelten Fahrservice. Schließlich wollte man in der einsamen Lage nicht das Risiko eingehen, dass den lieben Kleinen etwas zustößt. Als dann die Phase kam, dass Höhlenbauen und Detektivspiel im Wald keine große Option für die Kinder darstellten und die uns umgebende Stille von den XXL-Bässen der Musikanlagen torpediert wurde, erlahmte auch die Attraktivität des Gartens. Der wurde allenfalls von den stets auf ihr Äußeres bedachten Pubertierenden zum Sonnenbad genutzt. Umso mehr standen auf der Liste der Freizeitaktivitäten unserer Youngsters Shoppingtouren in der City, wofür selbst zeitaufwendige Bustouren mit dem öffentlichen Nahverkehrssystem geduldig akzeptiert wurden.

Ein Luxus, Land und Stadt zu haben

Nach dem Motto, nichts ist für die Ewigkeit, hieß es plötzlich, auf nach Berlin. Und zwar mitten hinein nach Prenzlauer Berg. Welch ein Unterschied: gleich drei Bäckereien in hundert Metern Luftlinie. Der Lieblingsitaliener direkt gegenüber, das Kino am anderen Ende der Straße, flankiert vom Supermarkt und der Reinigung. Die gesamte Soziallogistik auf nicht mal einem Quadratkilometer. Sagenhaft! Statt mit dem Schulbus fahren die Kids nun mit den Rädern zur Schule. Der Mann ist auf dem Weg zum Job nur noch zwölf Autominuten unterwegs. Zu meinem Geschäft ist’s ein Katzensprung, wobei ich zum Leidwesen meines Mannes täglich meine neue Lieblingsboutique passiere. Und die Wauzis? Die werden in der Hundekita bespaßt und von der Dogsitterin ins Grüne chauffiert. Theater, Oper, Partys, Freunde. Da ist man irgendwann echt müde. Leider schläft es sich in der Stadt zumindest bei geöffnetem Fenster nur unter Anwendung von Oropax. Die Luft ist hier auch nicht die beste, was das zwangsläufig häufige Staubwischen eindeutig dokumentiert. Und dass der Göttergatte allabendlich mit einem eher gequälten Gesichtsausdruck nach Hause kommt, liegt daran, dass zu unserer schicken Dachgeschosswohnung leider kein Parkplatz gehört. Der muss unter großem Nervenaufwand in den angrenzenden Straßen gefunden werden.

Tja, zum Glück gibt es noch das Haus auf dem Land. Am Wochenende sagen wir der Hektik des Großstadtdschungels Tschüs und auf geht’s in die mittlerweile doch wieder lieb gewonnene Pampa, wo wir uns am Sonntagabend wieder auf Berlin freuen. Ein wahrer Luxus, wenn man beides hat.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit von Heintze: Herr, es ist Zeit

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