Demnächst wird die Gleichstellungsrichtlinie erzwingen, dass der nächste Bundeskanzler eine Frau wird. Edmund Stoiber

Totgesagte leben länger

Als der Deutschen Lieblingsmöbel galt jahrzehntelang die Schrankwand. In unterschiedlichen Optiken erhältlich, ob Gelsenkirchener Barock, englischer Noblesse oder skandinavischer Zurückhaltung, diente das gute Stück als Hort von Nippes und Schnickschnack, Büchern und Bilderrahmen. Lange Zeit verpönt, kommt sie heute im neuen Gewand daher.

Ich erinnere mich noch an die gruselige Schrankwand, die bei uns zu Hause in den 70er-Jahren im Wohnzimmer stand. Meine Eltern hatten sie mit großem Stolz und für viel Geld bei einem kleinen Händler ausgesucht, der die Jahrzehnte zuvor schon meine Großeltern beliefert hatte. Ein riesiges Ungetüm aus dunkelbraunem Mahagoniholz, das den gesamten Raum dominierte. Der Clou waren die eingebauten Lautsprecherboxen der Stereoanlage, die voll aufgedreht die Glastüren des Schranks vibrieren ließen.

Dass die offenen Regale allesamt illuminiert waren, um die Chinafiguren, die mein Vater von seinen Reisen mitgebracht hatte, entsprechend in Szene zu setzen, verstand sich von selbst. Hinter einer Doppeltür war der Fernseher verstaut, darüber und darunter die Bücher, daneben Vasen, Sektgläser, Silberware und anderer Hausrat. Ein wahres Aufbewahrungswunder.

Irgendwann in den 90ern verschwanden diese Möbelmonster aus vielen deutschen Wohnzimmern. Ein antiker Bauern- oder Weichholzschrank war als TV-Versteckstation sehr beliebt, hatte er doch darüber noch die Kapazität für die Hausbar und sämtliche Videokassetten – die übrigens auch gern als Buch getarnt in buchcoverähnlichen Hüllen verwahrt wurden. Ich frage mich im Nachhinein, wo all die Dinge, die zuvor in den Schrankwänden lagerten, anschließend ihr Dasein fristeten?

Der Bücherbesitzer gilt als gebildet, der Betrachter staunt

Schon als Teenager fand ich die Bücher in den Schrankwänden immer am interessantesten. Goethe, Schiller, die griechischen Sagen und sämtliche Johannes-Mario-Simmel-Ausgaben standen in trauter Eintracht nebeneinander, mit Ausnahme von “Es muss nicht immer Kaviar sein”, das bei uns wegen der Rezepte in der Küche verstaubte.

Kürzlich erzählte mir eine Buchhändlerin, dass es nur noch selten Bestellungen nach dem Motto “Einmal Regal auffüllen” gibt. Da werden dann Pflicht- und Standardlektüre nebst Klassikern und dem, was man gelesen haben sollte, gleich meterweise zusammengestellt, je nach Volumen der zu bestückenden Bibliothek. Der Bücherbesitzer gilt als gebildet und belesen. Der Betrachter staunt und ist beeindruckt.

Heute lässt sich über die Lesevorlieben des Gastgebers nur noch bedingt etwas in Erfahrung bringen, da ja allenfalls sogenannte Coffeetablebooks wie zum Beispiel “Luxury Interiors” oder “Great Escapes Mediterranean” ganze Sofatische füllen, sodass für ein abzustellendes Glas oft kaum noch Platz ist. Normalen Lesestoff sucht das Auge vergeblich. Kein Wunder, schließlich gibt es keine Schrankwände mehr.

Anonyme Präsentationsflächen

Seitdem sich die Formate der TV-Geräte von der Tiefe in die Breite zogen und heute als dekorative Flatscreens Einzug in die Wohnzimmer gehalten haben, erlebt die bereits totgesagte Schrankwand eine Art der Wiederauferstehung. Das moderne Design des Fernsehers gilt als vorzeigbar und braucht eine adäquate Präsentationsfläche. Gern als Design-Wohnwand bezeichnet, hilft fortan ein flaches Schranksystem in Massivholz oder Hochglanzlack, die weitere Technik und Zusatzgeräte zu verstauen.

Zur Bewältigung des Kabelsalats gibt es dann eine Rückwand, hinter der die Strippen verschwinden und an der vereinzelte Regale installiert werden. Wie man den “Schöner Wohnen”-Annoncen der Möbelhersteller entnehmen kann, kommt hier aber nur erlesene und in Gruppen arrangierte Deko zum Einsatz. Bitte nicht mehr als drei Vasen, die selbstverständlich farblich mit dem Möbelmaterial harmonieren. Die Kraft der Werbung scheint gerade jüngere Konsumenten total in ihren Bann zu ziehen, denn die Wohnzimmer dieser Generation sind in ihrer Optik fast austauschbar. Anonym. Unpersönlich. Einfallslos. Schade.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit von Heintze: Herr, es ist Zeit

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