Auf den Geschmack gekommen

Birgit von Heintze21.08.2010Gesellschaft & Kultur

Was ist eigentlich guter Geschmack? Ist es eine bestimmte Art der Kombination, wie man sich kleidet oder einrichtet? Definiert sich Geschmack über teure oder günstige Objekte? Hat jemand Geschmack, nur weil er über ein prall gefülltes Konto verfügt? Oder weil er eher aus dem Kreativen schöpft?

Über Geschmack lässt sich bekanntermaßen streiten. Vor allem über den sogenannten guten Geschmack. Aber nicht über die häufig völlig sinnfreie Verwendung des Wortes geschmackvoll. Es ist mein Lieblings-Hasswort, sofern es sich nicht auf den Küchenbereich und meine Geschmacksnerven bezieht. Schließlich handelt es sich beim Thema Geschmack um eine rein subjektive Wahrnehmung und nicht um eine amtliche Verkündung. Nehmen wir mal das Beispiel eines Immobilienmaklers, der – statt über Ausstattungsdetails und Materialwahl – ein Objekt als geschmackvoll anpreist. Da möchte man ihm doch das Exposé am liebsten um die Ohren hauen. Insbesondere dann, wenn sich bei näherer Betrachtung der Immobilie eine Geschmacklosigkeit an die nächste reiht. Natürlich ist das alles reine Geschmackssache.

Ein gelungener Lifestyle beginnt nicht jenseits eines 50.000-Euro-Investitionsvolumens

Kürzlich war ich auf einer Party. Stolz präsentierte der Gastgeber in ausführlichen Führungen sein Penthouse, das durchgehend mit Möbelklassikern eingerichtet war. Im Entree der “Barcelona Chair”, selbstverständlich samt Fußhocker, von Mies van der Rohe, dem genialen Architekten und letzten Direktor des Bauhauses, bevor die Nazis sich auch zum Herrscher über Volkes Geschmack erhoben. Im Salon der Ottomane “LC4” von Le Corbusier, daneben der “Adjustable Table” von Eileen Gray, und raten Sie, welche Lampe darauf stand? Richtig, die Wilhelm-Wagenfeld-Tischleuchte mit dem charakteristischen weißen Opalschirm, Glasfuß und Glassäule. Ich war nicht wirklich überrascht, als im Wohnzimmer und Esszimmer die “Wassily”-Sessel Marcel Breuers und die “Tulip Chairs” von Eero Saarinen auf meinen kritischen Kennerblick stießen. “Wow, was für’n abgefahrenes Design”, hauchte eine neben mir stehende Blondine ergriffen. Während ich dachte, dass ein gelungener Lifestyle nicht zwangsläufig jenseits eines 50.000-Euro-Investitionsvolumens beginnt. Und mich in dieser katalogartigen Designoase ehrlich gesagt ein wenig unbehaglich fühlte. Ich beobachte immer wieder, dass eine gewisse Verunsicherung besteht hinsichtlich der Frage, wie man sich einrichten will und soll. Die Einrichtung als Ausdruck unserer Persönlichkeit – und unseres sozialen Status. Weshalb gern auf designorientierte Luxusmarken gesetzt wird zur äußeren Wahrnehmung und Imagepflege. Nach dem Motto, was gut ist, muss auch teuer sein. Oder um es mit Oscar Wilde zu sagen: “Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.”

Ein persönlicher Mix unterschiedlicher Stile und Stücke

Nicht dass Sie mich missverstehen. Design sei jedem gegönnt. Von mir aus auch in Hülle und Fülle. Trotzdem rate ich gern zu einem persönlichen Mix unterschiedlicher Stile und Stücke. Ist es doch ein gutes Gefühl, wenn auch der antike Sekretär, das alte Familienerbstück einen Platz in der ansonsten eher modern eingerichteten Wohnung finden. In Kombination mit einem Mies-van-der-Rohe-Freischwinger eine geradezu optische Offenbarung. Die Wohnung meiner liebsten Freunde ist ein Relikt, ein Dokument ihrer längst vergangenen Studententage bis heute. In der Küche die Kuckucksuhr in vollendeter Harmonie mit den darunter arrangierten Flohmarktstühlen – und einem sehr schönen italienischem Designersofa. An den Wänden ein Bildermix aus Neu und Alt. Fundstücke aus Fernost auf einem geradlinigen Hochglanz-Sideboard der Portugiesin Luisa Peixoto. Ein marokkanischer Coffeetable mit einer Plexiglaslampe von Philippe Starck. So kann Einrichtung auch funktionieren. Wissen Sie, wie der Unternehmer Philip Rosenthal dieses Thema resümierte? “Der einzige Geschmack, der einem Menschen wirklich Befriedigung geben kann, ist sein eigener.” Recht hat er.

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