Deutschland ist nicht Stalingrad, die CSU ist nicht die Wehrmacht, und die Einwanderer sind nicht die Rote Armee. Dieter Janecek

Einstürzende Altbauten

Wissen Sie, was ein Hamburger Knochen ist? Es ist weder eine neu aufgelegte Variante des “Hamburgers” noch ein Spezialrezept von Mutti und auch kein Spezial-Leckerli für den Wauzi. Aber als kontroverses Gesprächsthema durchaus geeignet, sich daran die Zähne auszubeißen.

Als “Hamburger Knochen” wird sinnbildlich der Grundriss einer hanseatischen Altbauwohnung bezeichnet. Sezieren wir einmal den Wohnklassiker: Nach vorne gelegen befinden sich die repräsentativen, ineinander übergehenden Räume, manchmal sogar drei oder vier – je nach Wohnungsgröße; herrliche Flügeltüren; original Stuck; mannshohe Decke; wer Glück hat, Blick inklusive. Daran grenzt die Albtraumvariante eines nicht enden wollenden Flurs. Zehn Meter lange, oft nur einen Meter schmale Gänge sind keine Seltenheit. Davon gehen dann kleinste Kämmerchen ab, auch Kinderzimmer genannt, die nicht größer sind als Omas Besenkammer. Irgendwo dazwischen die Küche, am Ende des Tunnels ist wieder Licht, denn da gibt’s dann noch ein meist größeres Zimmer. Der Weg dorthin führt über knarrendes, ächzendes Parkett – Geräusche, die auch der Nachbar hört. Und umgekehrt. Das gilt auch für die Klospülung, deren Rohrsystem häufig zu einem unerwünschten Geräusche-aller-Art-Übertragungsschacht mutiert.

Der Koch fristet ein isoliertes, kommunikationsarmes Dasein

In Berlin ist es ähnlich. Da kommt noch das nutzlose Berliner Zimmer hinzu, das aufgrund einer Vielzahl von Türen bei seinen heutigen Bewohnern nur schwer eine sinnvolle Verwendung findet. Anno dazumal wurde das Berliner Zimmer für repräsentative Zwecke genutzt. Das Personal huschte mal durch die eine, mal durch die andere Tür, um die Gäste zu bedienen. Aber wer hat heute schon noch Personal? Und sitzt man mit den Gästen nicht viel lieber in einer großen Küche? In Altbauten ist die Küche oft nur Kochstation. Gespeist wird im vorderen Bereich der Wohnung, insbesondere wenn Freunde da sind. Es ist ein isoliertes, kommunikationsarmes Dasein, das der Koch fristet, wie auf einer einsamen Insel. Gut, wenn er bei den Entfernungen noch die Zeit findet, sich rechtzeitig von den Gästen zu verabschieden. Als Wohnungseigentümer hat man gestalterisch gewisse Möglichkeiten. Aber als Mieter? Über die Hälfte meines Lebens habe ich in diversen Altbauten gewohnt. Nicht nur aus nostalgischen Gründen. Im Vergleich zu Neubau- waren bzw. sind Altbaumieten deutlich niedriger.

Ein wunderschönes Gründerzeitlandhaus, Baujahr 1913, in Schleswig-Holstein: Einfachverglasung und original Fensterrahmen, alles sehr hübsch. Aber bei Regen und Westwind wurden wir geflutet, weshalb auf den Fensterbänken stets gut saugende Frotteehandtücher lagen. Eine dekorative Augenweide allemal. Beim Duschen in einer minimalistischen Nasszelle dauerte es stundenlang, bis das Wasser warm wurde. Ein feuchter Keller mit typischem Salpetergeruch und eiskalten Wänden – im Sommer von Vorteil, im Winter die sichere Erkältungsquelle, verbunden mit einem zwanghaften Mummenschanz. Mit meinen Filzpantoffeln und drapierten Schals sah ich aus wie Witwe Bolte. Ich habe die Nase voll von historischen Häusern und ihrer tollen Geschichte. Wer da schon alles gewohnt hat, ach, könnten die Mauern doch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Interessiert mich null.

Die Bäder befinden sich, wo man sie braucht

Schnurstracks wurde der Rest der Familie von der Wahl einer Neubauwohnung überzeugt, als es darum ging, nach Berlin zu ziehen. Wie herrlich ist das, morgens den Duschhahn aufzudrehen und sofort sprudelt das warme Wasser. Selbst an trüben Tagen ist die Wohnung lichtdurchflutet dank Oberlichter und bodentiefer Fenster. Statt eines Flurs gibt es eine Diele, von der die großzügigen Räume abgehen. Und die Bäder befinden sich, wo man sie braucht – neben den Schlafzimmern. Ein großer, zum Innenhof gelegener Balkon mit Blick in die ausladende Baumkrone einer alten Kastanie – und auf wunderschöne Altbaufassaden. Ein netter Anblick. Aus der Distanz.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit von Heintze: Herr, es ist Zeit

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Inneneinrichtung, Wohnraum

Debatte

Grüne drohen Wohnungsvermietern mit Enteignung

Medium_273efd4366

Robert Habecks Enteignungspolitik

Wohnungsgesellschaften droht die Enteignung. Nach der gescheiterten „Mietpreisbremse“ treibt die Politik eine neue Sau durchs Dorf. Besser gesagt, durch Deutschlands Städte. Und sie hat leichtes Sp... weiterlesen

Medium_42121ee6e7
von Ramin Peymani
12.04.2019

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
07.02.2018

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
01.12.2016
meistgelesen / meistkommentiert