An einigen Stellen sind die Löhne inzwischen sittenwidrig. Franz Müntefering

Oder Shop till you drop

Fachmessen – z.B. für Interior-Design – sind kein Freizeitpark für Jedermann. Und auch kein Einkaufstripp durchs Schlaraffenland. Sie ziehen aber durchaus Privatleute an, die dort agieren frei nach dem Motto “Shop till you drop”.

paris inneneinrichtung luxus messe

Bald erklingen sie wieder, die Buschtrommeln der großen Messeveranstalter. Dann werden die Flieger gestürmt und aus allen Himmelsrichtungen fallen die internationalen Besucher wie Heuschreckenschwärme in die Messemetropolen ein. Zweimal im Jahr absolviere ich diesen Frankfurt-Mailand-Paris-Köln-Marathon, um mich über neueste Interior-Trends zu informieren, Geschäftskontakte zu knüpfen, Ware zu ordern, Anregungen zu erhalten. Als Trendscout suche ich das noch nie da Gewesene, Seltene, Ultimative, Originelle. Finde Hersteller, die meine Ideen und Entwürfe produzieren. Denn über allem steht jede Saison erneut die Frage: Womit kann ich meine Kunden begeistern? Wie kann ich sie oder ihn bewegen, Geld für Wohnaccessoires auszugeben, die gerade in den Augen des männlichen Betrachters gern als “überflüssiger Staubfänger” definiert werden. Und in angeblich krisengeschüttelten und wirtschaftlich schwachen Zeiten sitzt auch bei den Gutsituierten das Geld nicht wirklich locker.

Messebesuche verursachen akute Atemnot

Obgleich die Frankfurter “Ambiente” als weltgrößte Messe ihrer Art gilt, ist die “Maison & Objet” in Paris für mich die schönste aller Messen. Alle großen Marken, aber auch geheime Newcomer präsentieren sich mit aufwendigen, fantasievollen Ständen und entführen den Betrachter in irreale Konsum-Welten gewürzt mit einer Prise Glamour. “Whow, Du fliegst in die Stadt an der Seine, wie romantisch,” kichert meine Freundin. Mit Romantik hat ein Messetrip soviel gemein, wie eine Tüte Mehl mit einer Schachtel Pralinen. Messebesuche verursachen akute Atemnot, weil in vielen Hallen eine keimerfüllte und zum Schneiden dicke Luft herrscht. Und hämmernde Kopfschmerzen, weil die Synapsen hunderttausend Sinneseindrücke im Sekundentakt verarbeiten. Nicht, dass Sie mich für einen Hypochonder halten. Trotzdem fühle ich mich abends um fünf Zentimeter an Körpergröße geschrumpft, verarzte diverse Blasen an den Füßen und aus dem Spiegel schaut mir Quasimodo entgegen. Dagegen hilft nur positives Denken, Moodboards und saisonale Themenwelten zum Beispiel, die ich anhand erster Eindrücke und Fotos für den Showroom entwickle, anschließend kalkuliere, bis der Taschenrechner qualmt. Gut gelaunt gehe ich ins kleine Bistro gegenüber, bestelle ein Glas Sancerre und den Coq au vin. C’est la vie!

Millionenschwere Luxus-Schnäppchenjäger sind mir ein Dorn im Auge

Am nächsten Tag heißt’s dann ready to order! Jedoch nicht nur für mich. Ist das nicht der ehemalige, sehr erfolgreiche Tennisprofi, der da Hand in Hand mit seiner aufgestylten Gattin durch die Ethno-Halle schlendert, die schweren Kataloge schleppend und auf der Suche nach dem – ja, was eigentlich? – ultimativen Shopping-Kick. Am Stand meiner ehemaligen Lieblingsfirma zeigt die bekannte Bestseller-Autorin mit gestrecktem Finger in Zack-zack-Manier auf zierliche Zebra-Hocker, auf mannshohe Pudelstatuen und ausgestopfte Alligatoren gefolgt von den Worten “..und davon auch drei Stück!” Nein, ich habe mich nicht verhört. Was machen denn die Vertreter der “Geiz ist geil”-Gesellschaft auf einer Fachmesse für Fachpublikum?

Leider ist die Promi-Dichte auf Interior-Messen überdurchschnittlich hoch. Geschäftsleuten, die jedoch wie ich vom Verkauf dieser Waren leben, sind diese millionenschweren Luxus-Schnäppchenjäger ein Dorn im Auge. Denn dieses Einkaufsverhalten vorbei am normalen Handel zerstört Branchen nachhaltig. Ich habe mir jetzt übrigens einen neuen Lieblingslieferanten gesucht. Der beliefert nur den ausgewiesenen Händler und nicht den “ich-bekomm’-den-Hals-nicht-voll”- Privatmann.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit von Heintze: Herr, es ist Zeit

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