Früher retteten die Grünen Frösche, heute eben den Kanzler. Harald Schmidt

Serve and volley

Das Jetsetdasein eines Inneneinrichters hat auch seine Schattenseiten – vor allem, wenn es in Ibiza 39 Grad heiß ist und der Schatten von einer 1,80-Blondine geworfen wird.

Inneneinrichter sind manchmal wahre Globetrotter. New York, Rio, Tokio: Kaum ist das Erstgespräch mit dem potenziellen Auftraggeber beendet, steht der Interiordesigner mit gepacktem Koffer abflugbereit am Check-in-Counter. Mit Air Berlin nach Ibiza. Pass, Ticket, alles dabei. Inklusive Übergepäck. 32 Kilo, von denen die Hälfte auf die Reisebibliothek entfällt. Unzählige Coffeetablebooks wie “Modern Baroque Interiors”, “Ethno Lifestyle” und “Great Escapes Mediterranean”. Daneben Möbel-, Farb- und Teppichmuster. Nur das Wichtigste und bloß nichts dem Zufall überlassen, dachte ich mir und quetschte neben meinem Zollstock auch noch meinen Skizzenblock in den Koffer. Und das Elementarste: mein Notebook mit ersten Gesprächsnotizen, Grundrissen, Gedanken.

Zweieinhalb Flugstunden später stehe ich etwas benommen, aber kein bisschen orientierungslos am Flughafen Aeropuerto San José auf der Suche nach einem Autoverleiher. “Sie haben keine Reservierung?”, fragt mich die Mietwagen-Señora mitleidig. Alles ausgebucht. Schiete, denke ich und steige ins Taxi mit einer Innentemperatur kurz vorm Siedepunkt. “No air condition”, antwortet der Taxifahrer auf meine Bitte nach Frischluft. Macht ja nix, ermuntere ich mich, sind ja nur gefühlte 39 Grad.

Luxuszelte à la “Jenseits von Afrika”

Wir fahren die Strecke Richtung Santa Eulària, biegen links, rechts, links ab und landen auf einem Holperweg mit Endstation. Ich rufe meinen Auftraggeber an und bitte um eine Wegbeschreibung. “Ach, Sie”, höre ich ihn am anderen Ende fast ein wenig überrascht sagen. Minuten später: Ich stehe auf der Baustelle, wo bald – wenn‘s nach dem Bauherrn geht, eigentlich schon heute – ein kleines, aber feines Refugium entstehen wird mit sechs großzügigen Suiten sowie zehn komfortablen Doppelzimmern. Der Outdoor-Clou: Luxuszelte à la “Jenseits von Afrika”, umgeben vom eigenen, sichtgeschützten Garten.

Sichtlich stolz führt mich der künftige Hobby-Hotelier übers vier Hektar große Areal, erklärt, gestikuliert, schwärmt. Ein tolles Projekt, freue ich mich und denke an den 25 Meter langen und fünf Meter breiten Pool, gesäumt von eleganten Deckchairs, als sich ein Schatten über meine gute Laune legt. “Das ist Tatjana”, sagt der Hobby-Hotelier und deutet auf ein 1 Meter 80 großes Wesen mit blonder Haarextensionsmähne. Und Tatjana, geschätzte 20 Jahre jünger als der Bauherr, weiß genau, was sie will. Und mich will sie eigentlich nicht. Jedenfalls nicht auf dieser Baustelle oder sonst in diesem Projekt.

So schnell gebe ich nicht auf und treffe beide zum Abendessen in Ibiza-Stadt.
Ich: “Wie wäre es mit gehämmerten Messingwaschbecken für die Bäder?”
Tatjana: “Nee, da hab ich schon was Italienisches ausgesucht.”
Ich: “Wollten wir nicht maurische Elemente zeigen?”
Tatjana: “Also, die Mauern werden verputzt. Alles ganz cool.”
Serve and volley. Und der Bauherr schweigt betreten.

Tief durchatmen und Ruhe bewahren

Wie lässt sich das Gefühl großer Enttäuschung gepaart mit ansteigender Wut Marke ”Kurz vorm Vulkanausbruch” am besten beschreiben? Stilles Toben, eine in Gedanken geballte Faust? Und wie verhält man sich in so einem Moment? Ein Auftritt à la Rumpelstilzchen, unterlegt mit wortreichen Drohungen? Ich lehne mich demonstrativ gelassen zurück, trinke meinen Cosmopolitan auf ex und bestelle einen zweiten. Tief durchatmen, Ruhe bewahren, Profilächeln aufsetzen, kurzer Händedruck, Abflug. Berlin-Tegel. Zu Hause angekommen, setze ich mich sofort an meinen Schreibtisch und schreibe eine Rechnung – gemäß Kostenvoranschlag. Es geht mir schon ein kleines bisschen besser.

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