Vergib deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen. John F. Kennedy

Die Sprache der Gewalt weicht nur langsam

Als alle anderen das Land verließen, blieb sie: Welt-Korrespondentin Birgit Svensson ist eine von nur noch zwei deutschsprachigen Journalisten im Irak. Ihr Bild von dem Land an Euphrat und Tigris ist ernüchternd. Gewalt und Tod gehören immer noch zum Alltag der Iraker.

Das gewaltige westliche Medienecho auf das veröffentlichte Video, das einen US-Angriff auf irakische Zivilisten zeigt, lässt die Iraker ziemlich kalt. Denn jeder, der seit dem Einmarsch der Amerikaner vor sieben Jahren im Irak lebt, kennt derartige Szenen. Ob Folterungen durch US-Personal in Abu Ghraib oder die willkürlichen Erschießungen durch “Rambos von Blackwater”, die Morde durch “friendly fire”: Die Verfehlungen der Amerikaner sind hinlänglich bekannt. Die Iraker sehen in den neuerlichen Veröffentlichungen daher lediglich die Spitze des Eisbergs.

Dass es auch immer wieder Journalisten trifft, ist ebenfalls zur Alltagsmeldung geworden. Angefangen mit dem Beschuss des Hotels Palestine, bis hin zu unzähligen vermissten Kollegen seit der Militäroperation in Falludscha im Herbst 2004, über deren Verbleib bis heute keine Auskunft seitens der US-Truppen zu bekommen ist. Noch immer ist das Zweistromland einer der gefährlichsten Arbeitsplätze für Journalisten. Erst letzte Woche entging der Vorsitzende der Journalistengewerkschaft, Muayad al-Lami, nur knapp einem Mordversuch.

Jeder brachte jeden um

Gewalt ist nicht neu im Irak. Auch Saddam Hussein bediente sich ihrer, um seine Ziele durchzusetzen. Mit einer beispiellosen Brutalität ging der Herrscher gegen seine eigenen Landsleute vor. Das hat Spuren hinterlassen. Die Gewaltbereitschaft der 26 Millionen Einwohner ist entsprechend hoch. In den schlimmsten Jahren des Terrors – 2006 und 2007 – brachte buchstäblich jeder jeden um.

Studenten erschossen ihre Professoren, wenn diese sie durchs Examen fielen ließen. Nachbarn legten einen Sprengsatz vor die Tür eines ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters, der sie verraten haben soll. Ärzte und Rechtsanwälte wurden umgebracht, weil man eine “neue Elite” schaffen wollte. Schiitische und sunnitische Milizen kämpften gegeneinander und alle gegen die Amerikaner. El Kaida und der Iran machten sich diese Situation zunutze und mordeten ebenfalls. Es entstand der Eindruck, als ob das gesamte Gewaltpotenzial dieser Erde an Euphrat und Tigris kulminierte.

Deshalb findet die Botschaft, mit der die Amerikaner im Irak angetreten sind, nur langsam Gehör – auch weil sie ihr selbst oft zuwiderhandeln. Die Erkenntnis, Konflikte auch anders, jenseits von Gewalt, lösen zu können, braucht noch viel Zeit. “Demokratija” ist derzeit zwar in aller Munde und wurde selbst von den älteren Irakern in den Wahllokalen am 7. März als Grund für ihre Stimmabgabe genannt. Die jüngeren erklärten stolz, dass sie mit der Demokratie am weitesten in der gesamten Region gekommen seien. Aber so richtig weiß keiner, was damit gemeint ist.

In Bagdad glaubt keiner an den Truppenabzug der Amerikaner

Anhänger der knapp unterlegenen Rechtsstaatspartei von Premierminister Nuri al-Maliki nennen die neuerlichen Demonstrationen für die Forderung einer nochmaligen Auszählung der Stimmen als ihr demokratisches Recht. Wahlgewinner Ijad Allawi ermahnt seinen Kontrahenten indes, den demokratischen Willen des Volkes zu akzeptieren und die Wahlergebnisse anzuerkennen. Demokratie bedeute auch friedliche Rotation der Macht, sagt Allawi. Maliki solle sein kindisches Benehmen aufgeben und seinen Hut nehmen. Inzwischen spricht wieder die Sprache der Gewalt auf Iraks Straßen. Über 100 Menschen sind in den letzten vier Tagen durch Bombenanschläge ums Leben gekommen. In Bagdad glaubt deshalb niemand, dass die Amerikaner tatsächlich im Sommer ihre Kampftruppen abziehen werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Daniel Gerlach.

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