Verbot der Leihmutterschaft in Thailand | The European

Moderner Menschenhandel

Birgit Kelle20.02.2015Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Was unterscheidet Leihmutterschaft noch vom Kauf eines Autos, wenn ein Kind bestellt, bezahlt und abgeholt wird? Die Antwort ist einfach: Nichts.

c865005c62.jpeg

sajola / photocase.de

Lassen wir all die verzweifelten Geschichten von Menschen außen vor, die sich ein Kind wünschen, aber keines kriegen. Die sich ein Kind wünschen, aber gar keins gemeinsam zeugen können, weil sie zum Beispiel alleinstehend oder ein gleichgeschlechtliches Paar sind. Persönliche Schicksale, die uns Tränen in die Augen treiben und Betroffenheit erzeugen, sind nicht dazu geeignet, das große Ganze im Auge zu behalten, sondern verhindern sogar, die Dinge nüchtern zu betrachten.

Und nüchtern betrachtet, macht es keinen Unterschied, ob ich ein Auto kaufe oder ein Kind, wenn sich faktisch die Abläufe gleichen. Produzenten aussuchen, bestellen, bezahlen, Lieferung. Bloß muss im Fall der Leihmutterschaft nicht die Frage „Audi oder BMW?“ geklärt werden, sondern eher „Thailand oder Indien?“. Der Vorgang bleibt gleich, man kauft etwas. Im Falle der Leihmutterschaft kauft man aber ein Kind und kein Objekt. Thailand versucht aktuell, dieser Praxis einen Riegel vorzuschieben. Man wolle den „Miete-dir-einen-Bauch-Tourismus“ unterbinden, zitieren Nachrichtenagenturen Parlamentsmitglieder. Das Gesetz solle dafür sorgen, „dass die Bäuche von Thailands Frauen nicht zu den Bäuchen der Welt werden“. Seit gestern ist nun in Thailand ein Gesetz in Kraft, das Ausländern verbietet, eine Leihmutter in Thailand zu beschäftigen. Weiterhin möglich ist jedoch eine Leihmutterschaft in Auftrag zu geben, wenn mindestens ein Partner Thailänder ist. Kritiker befürchten nun, dass das Geschäft in die Illegalität abdriftet und die Frauen, die als Leihmütter arbeiten, jetzt medizinisch und rechtlich nicht mehr abgesichert sind.

Thailändische „Baby-Fabriken“

Das Verbot in Thailand kommt nicht von ungefähr. Im vergangenen Jahr machte die Geschichte von dem australischen Paar, das ein Kind mit Down-Syndrom nicht abgeholt haben soll, weltweit die Runde. Das bestellte Modell hatte also Fehler, um in den Auto-Jargon zurückzukehren. Ebenfalls medial diskutiert wurde ein Japaner, der insgesamt 16 Kinder bei thailändischen Frauen geordert hatte. Worte wie „Baby-Fabrik“ “machten die Runde()”:http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/thailand-verbietet-leihmutterschaft-fuer-auslaender-nach-fall-gammy-a-1019457.html.

Auch in Indien blüht das Geschäft der Leihmutterschaft vor allem mit den Kunden aus dem Ausland. Agenturen haben sich längst darauf spezialisiert, vermitteln die Leihmütter, garantieren die medizinische Versorgen und erledigen den Papierkram. Auch dort gibt es genug Frauen, die damit den Lebensunterhalt für den Rest der Familie sichern, oder die Schulbildung für die Kinder, die sie bereits haben. Was ist es anderes, als das Ausnutzen einer finanziellen Notlage? Was ist es anderes, als die Ausbeutung von Frauen? Es besteht gesellschaftlicher Konsens darüber, dass Sex-Tourismus in Thailand nicht akzeptabel ist. Dass die Ausbeutung der Sexualität von Frauen moralisch verwerflich sei. Nun sind wir einen Schritt weiter, jetzt wird die Fruchtbarkeit von Frauen vermarktet, verwertet und ebenfalls ausgebeutet.

Verfechter der Freiheit mögen nun einwenden, dass doch jeder frei sei, selbst über seinen Körper zu entscheiden und niemand diese Frauen zwinge, ihren Bauch zur Verfügung zu stellen. Manche mögen es sich sogar schönreden, dass es doch für diese Frauen eine vergleichsweise hohe Einnahmequelle ist und sie damit sogar ihre Rest-Familie, die nicht verkauft wird, ernähren können. Dieses Argument wird übrigens gerne auch in der Prostitution verwendet – auch hier in Deutschland. Schließlich gibt es die Frauen, die sagen, ich mach das freiwillig oder gar gerne.
Widersprüchlich ist dann aber, dass beim Verkauf von Organen jedenfalls ein Konsens besteht, dass es Ausbeutung ist. Nicht umsonst ist der weltweite Organhandel verboten, um zu verhindern, dass Menschen, die unter Druck stehen, einzelne Teile ihres Körpers verkaufen.

Ist ein Kind weniger wert als eine Niere?

Und jetzt also Kinder. Eine Niere aus Afrika kaufen? Geächtet. Ein Kind aus Thailand kaufen. Alles ok? Sind Kinder weniger „wert“ als eine Niere? Die Messlatte bei einem ganzen Menschen niedriger als bei einem menschlichen Einzelteil? Ein Einzelteil ist auch die Eizelle. Deren Spende ist in Deutschland noch verboten, genau wie die Leihmutterschaft. Doch schon innerhalb Europas gibt es bereits keinen Konsens mehr. Sowohl “Eizellspende()”:http://de.wikipedia.org/wiki/Eizellspende als auch “Leihmutterschaft()”:http://de.wikipedia.org/wiki/Leihmutter ist in zahlreichen Ländern bereits legal.

Reproduktionsmediziner machen Druck, es ist ein einträgliches Geschäft mit dem verzweifelten Kinderwunsch. Oder auch dem Kinderwunsch, den man zu spät realisiert.

Es gibt kein Recht auf ein Kind. Es ist kein Aston Martin, den ich mir in Übersee bestelle und weiterverkaufe, wenn ich ein neues Modell haben will. Es ist kein Auto, an dem ich Produktionsmängel geltend machen kann. Es ist ein Mensch. Ein Kind zu bestellen, zu bezahlen und abzuholen, ist deswegen nur eines: moderner Menschenhandel.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Letzte Atomkraftwerke in Sicherheitsbereitschaft halten

Nach Auffassung der Akademie Bergstraße empfiehlt es sich, die letzten sechs Atomkraftwerke Ende diesen und Ende des nächsten Jahres nicht endgültig stillzulegen und abzureißen, sondern vielmehr in die Sicherheitsbereitschaft zu überführen und betriebsbereit zu halten. Die Bundesregierung soll

„Sind kein Haufen von Verbrechern“

Die Beziehungen zwischen Russland und Europa sind frostig. Kreml-Berater Sergej Karaganow findet, die EU habe ein falsches Bild von Russland und die NATO sei auf Aggression aus. Während Europa zerbricht, wendet sich Russland China zu. Das Interview haben Anne Liebig und Robert Perischa von „Der

Mehr als 1200 Astronomen weltweit fordern das Webb-Teleskop umzubenennen

Sein Name wird für Jahrzehnte mit jenen Informationen verbunden sein, die das nach ihm benannte James-Webb-Space-Telescope künftig zur Erde funkt. Doch James Webb ist ein umstrittener Mann, jedenfalls im Nachhinein: Die Schwulen-und-Lesben-Community macht gegen ihn Front. Sie will das Teleskop umb

Die sieben schlimmsten Fehler der deutschen Corona-Politik

Verstehen Sie mich richtig: Ich gehöre durchaus zur Abteilung Vorsicht, wenn es um den Umgang des Bürgers mit Corona geht! Ich erkenne jedoch an einer wachsenden Zahl von Beispielen, wie immer mehr politische Entscheidungen in die falsche Richtung gehen und die Menschen verunsichern. Es ist höchs

Friedrich Merz: Wir müssen aufpassen, damit sich unser Land nicht spaltet

Der CDU-Politiker Friedrich Merz kritisiert die Gewalt auf den Straßen und schreibt: "Unter den Demonstranten sind nicht nur notorische Gewalttäter, sondern immer mehr Bürger, die bisher ein ganz normales Leben geführt haben, und die sich von Verschwörungstheorien, Angstszenarien und zweifelhaf

Lobbyisten-Check wäre der beste Fakten-Check

Die öffentlich-rechtlichen Sender machen denselben Fehler, obwohl ihre Nachrichtensendungen keine Satiresendungen sind. Sie melden immer häufiger, um wieviel die Zahl der „Corona-Toten“ gestiegen ist und vergessen darauf hinzuweisen, dass man, wenn Menschen mit einer Corona-Infektion sterben,

Mobile Sliding Menu