Schwestern bis in den Tod

von Birgit Kelle10.04.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

In Berlin hat ein Friedhof für lesbische Frauen eröffnet. Warum diese Abgrenzung?

„Liebe Gästinnen und Gäste, es wird möglich sein, auch nach dem Tod unter Schwestern zu sein“ – mit diesen Worten eröffnete am Sonntag der erste Friedhof nur für Lesben am Prenzlauer Berg in Berlin.

Vereint unter Lesben bis in den Tod, ohne störende Heten oder Männer, das ist jetzt möglich auf dem Georgen-Parochial-Friedhof, auf dem ab sofort 80 Grabstellen exklusiv bereitstehen für verstorbene Lesben. 15.000 Euro hatte man gesammelt, um das Areal herzurichten, sechs Präventivanmeldungen lagen zum Sonntag bereits vor. Frau hat schon mal reserviert. Gut, wenn man auf den Tod vorbereitet ist. Und zunächst der Gedanke, ja, warum nicht, schließlich werden Ehepaare auch nebeneinander begraben, wenn sie es wollen. Oder Familien in Familiengräbern. Ist ja zutiefst menschlich, dass man neben seinen Liebsten in ewiger Ruhe liegen möchte.

Ein seltsamer Widerspruch

Warum aber diese Abgrenzung, die angeblich keine sein soll, wie die Initiatorin in die TV-Kamera betont? Niemand hat Lesben jemals ausgeschlossen von dem Friedhof für Jederfrau. Keiner fragt auf dem Totenschein nach der sexuellen Orientierung. Ist nicht gerade die Unvermeidlichkeit des eigenen Todes die größte Verbindung, die wir Menschen haben, abseits von Hautfarbe, Religion und Geschlecht? Im Tod sind wir alle vereint. Asche zu Asche, Staub zu Staub, jetzt aber auch Lesben zu Lesben.

Man wolle nur nach dem Tod mit denen bestattet werden, die man kannte und die man geliebt habe, erklärt eine der Damen der Presse. Ach, geht das auf einem normalen Friedhof nicht? Liegen dort keine geliebten und bekannten Menschen? Es drängt sich die Frage auf: Haben Lesben nur lesbische Mitmenschen, die sie kennen und lieben? Keine Mutter, keinen Vater, keinen Bruder, keine Hetero-Schwester und auch keine nicht-lesbischen Freunde? Das sollte mich doch sehr wundern. Was ist mit den möglichen heterosexuellen Kindern von Lesben, dürfen die ins Familiengrab mit auf den Prenzlauer Berg, oder muss man ein dokumentiert lesbisches Leben vorweisen, um dort einen Platz zu bekommen? Was ist mit Bisexuellen und schwulen Männern, irgendwie sind sie ja doch Mitstreiter, Leidensgenossen der Ausgrenzung. Kein Platz für sie? Es wird komplizierter, je länger man darüber nachdenkt.

Also warum diese Abgrenzung, die in so seltsamem Widerspruch steht zu einer Bewegung, die doch darum kämpft, nicht diskriminiert und als normaler Teil der Gesellschaft betrachtet zu werden. Da kämpft man für gleiche Rechte und Normalität, um sich dann bis in den Tod selbst zu separieren auf Grund seiner sexuellen Orientierung? Ist es nicht ein Schritt in die falsche Richtung? Interessant ist auch die Frage, wie man einerseits dafür kämpfen kann, dass niemand auf Grund seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden darf – eine Forderung, der die Bewegung sogar Verfassungsrang geben möchte – gleichzeitig aber auf diesem Friedhof Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung als der lesbischen ausgrenzt. Das könnte noch spannend werden, sobald sich der erste Heteromann einen Platz einklagt auf der Reservierungsliste.

„Trägerinnenschaft“ für den Friedhof hat übrigens die Sappho-Frauenwohnstiftung übernommen, die sich selbst nach einer griechischen Dichterin von der Insel Lesbos benannt hat. Kann man dort seine Asche im Meer verstreuen lassen? Vielleicht ist das noch eine Export-Idee, wenn die 80 Plätze einmal voll sind. Es gibt ja auch Schalker Fans, die sich in Gelsenkirchen mit Blick auf die Veltins Arena bestatten lassen, ich weiß nur nicht, ob heimliche Dortmunder dort auch ihre letzte Ruhestätte bekommen. Werden wir demnächst vielleicht auch separate Männer-, Frauen-, Schwulen- und Vegetarierfriedhöfe haben? Und gibt es nicht auch muslimische Friedhöfe und jüdische? Gut, das sind Religionsgemeinschaften, der Vergleich hinkt ein bisschen, allerdings nur auf den ersten Blick. Denn der Eifer, mit dem hier Lesben eine Grenze zu männlichen und heterosexuellen Menschen ziehen, hat ja auch irgendwie religiöse Züge.

Spontan fällt mir der schwule Weihnachtsmarkt in Köln ein, der im Winter 2012 erstmals für Aufsehen sorgte und nicht wenige wegen seiner provokanten Dekoration verärgerte. Damals kam ich am Rande einer TV-Sendung ins Gespräch mit einem der Initiatoren dieses Weihnachtsmarktes.

Ich stellte die gleiche Frage: Warum grenzt ihr euch absichtlich ab, niemand hat euch doch den Zugang zu einem der vielen Weihnachtsmärkte der Stadt verweigert? Ihr hättet euch einfach mit euren Buden dazustellen können. Die entwaffnend ehrliche Antwort: Ja, hätten wir machen können, aber das hätte nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit gegeben. Es folgte eine Aufzählung, welche Zeitungen und TV-Sender schon da waren.

Opfer-Status in Erinnerung rufen

Auch auf dem Lesben-Friedhof in Berlin waren am Sonntag viele Medien zugegen. Und mit einem Hauch von Untergrund-Feeling aus den guten alten Kampfzeiten kam der mahnende Hinweis an die Presseleute, man möge doch bitte keine Einzelpersonen fotografieren, man wissen ja nicht, ob sie sicher seien. Ganz eindeutig, in der Ausgrenzung ist der Medienrummel deutlich größer als in der gelebten Normalität.

Man kann es positiv betrachten und eigentlich wäre es doch für euch ein Grund zum Freuen, liebe lesbischen Schwestern: Offenbar ist Homosexualität bereits derart in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dass man die Ausgrenzung extra organisieren muss, um den eigenen Opfer-Status noch einmal in Erinnerung zu rufen.

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