Auf keine Zigarette mit …

Birgit Kelle4.07.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Im Belehren und Vorschriftenmachen sind unsere Politiker Könige, allen voran die Grünen. Was ein Kneipenbesuch so alles über deutsche Politiker verrät.

Ich wollte bloß Zigaretten kaufen. Ja, ich gebe zu, trotz gefühlter 100 Jahre Abstinenz wegen ständiger Schwangerschaften und allen bekannten Risiken gehöre ich zur Fraktion der Unverbesserlichen. Auf der Suche nach einem Automaten in der örtlichen Fußgängerzone landete ich neulich also abends in einer dieser gemütlichen Stehkneipen, die es im Rheinland zahlreich gibt. Man braucht keine 20 Leute, dann ist es schon voll, dafür aber herrlich gemütlich. Halb war ich schon durch den Schankraum, als die Wirtin mir hinterherrief: „Junge Frau, Sie sind doch nicht etwa eine Grüne?“

Kurzer Blick an mir runter, trag ich etwa unwissend geheime Erkennungszeichen an mir? Oder wurde mir gar die äußerliche Ähnlichkeit zu “Katrin Göring-Eckardt”:http://de.wikipedia.org/wiki/Katrin_G%C3%B6ring-Eckardt zum Verhängnis, die manche mir nachsagen? Nein, rief ich. Wieso? „Die dürfen bei uns nicht rein“, lachte die halbe Theke. Das ist gut sagte ich, dann kann ich ja auch mal wiederkommen. Und weil nichts mehr vereint als gemeinsame politische Gegner, gesellte ich mich auf eine Zigarettenlänge an den Stehtisch vor der Türe und innerhalb von Sekunden waren wir in eine politische Diskussion verwickelt. Über den Wahnsinn, dass wir jetzt alle hier draußen stehen, obwohl drinnen auch nur Raucher anwesend sind. Die Wirtin rechnete vor, wie viele Gläser Weinschorle ihr verloren gehen, dadurch dass das halbe Lokal ständig in Bewegung ist, und schimpfte auf die zuständige Grünen-Ministerin Barbara Steffens.

Der Stammtisch hat nicht ganz unrecht

Ihre einzige Protestmöglichkeit gipfelte also im Lokalverbot für Grüne. „Was kommt als Nächstes?“, empörte sich die rheinische Frohnatur neben mir: „Isch han Überjewicht, verbieten die mir jetzt auch Schokolade?“ Kein abwegiger Gedanke, ist doch die Liste der grünen Verbotsinitiativen lang und ihr Ideenreichtum beim Verbieten weiterer irdischer Freuden beachtlich. Verkaufsoffene Sonntage, Fleisch in Kitas, Limonade in Schulen, Süßigkeitenwerbung im Fernsehen, Motorroller, die 1. Klasse bei der Bahn – die Abschaffung all dieses Teufelszeugs hat man schon als Vorschlag – wenn auch ohne Erfolg – auf den politisch korrekten grünen Gesinnungstisch gebracht. Und nicht einmal im Tod ist man vor ihnen sicher, in NRW sollen uns jetzt nur noch „fair gehandelte Grabsteine“ auf der “letzten Ruhestätte in die Ewigkeit begleiten”:http://www.bild.de/regional/koeln/koeln-regional/rotgruen-fair-gehandelte-grabsteine-und-bessere-24927282.bild.html.

Nein, grüne Politiker, die mit deutscher Gründlichkeit in NRW eines der strengsten Nichtrauchergesetze des Landes durchgesetzt haben und ständig neuen Spaß finden, den man verbieten könnte, sollten sich in dieser Kneipe definitiv nicht blicken lassen – und zwar zu ihrer eigenen Sicherheit. Schnell hatten wir eine schwarz-gelbe Mehrheit am Stehtisch ausgemacht – nicht aus Begeisterung, sondern eher aus der Not. Man wählt das kleinere Übel. Denn über den Umweg Innenpolitik, Reiche, Arme, Steuererhöhungen und Familienpolitik dauerte es ebenfalls keine Minute, bis der Standardsatz jeder Stammtischdiskussion fiel: „Die machen doch sowieso, was sie wollen in Berlin.“ Gepaart mit: „Die haben doch keine Ahnung vom normalen Leben.“ Und ganz unrecht haben sie damit nicht.

“Der Nachwuchspolitiker”:http://www.theeuropean.de/florian-bernschneider/6712-welche-bedeutung-das-private-in-der-politik-hat heute hat nicht selten niemals in einem normalen Job gearbeitet, sich über politische Jugendverbände und Uni direkt auf ein Mandat hochgearbeitet, das so weit weg ist in Status und Bezahlung von dem, was an diesem Stehtisch als normales Leben gilt.

Und noch während ich mich verabschiedete, kam mir der Gedanke, wie einfach es doch wäre, gerade für die Politik, die Stimme des Volkes zu hören, würde sie sich ab und zu mal unerkannt unters Volk mischen. An den Stammtisch stellen, dessen Niveau doch oft viel höher ist als sein Ruf. „Ha! “Populismus”:http://www.wiwo.de/politik/deutschland/bettina-roehl-direkt-teufelskarte-populismus/8434274.html!“ schreien dann gleich die Ersten, so als wäre es bereits etwas Absonderliches, auf die „Vox Populi“ zu hören. Dabei ist es doch die ureigenste Verpflichtung als gewählter Vertreter des Volkes, dieses auch tatsächlich anzuhören, um seine Wünsche dann umzusetzen.

Wir haben uns schon so an eine belehrende Politik gewöhnt, die selbstverständlich immer nur zu unserem Besten gemacht wird, dass der Gedanke, dass ein Volk gar nicht belehrt werden muss, bereits reaktionär erscheint.

Treffen im Alltag, nicht nur für die Pressebilder

Dabei wollen doch alle Parteien gerade jetzt im startenden Wahlkampf „mit den Bürgern ins Gespräch kommen“. Ja, da gibt man sich ganz dem Bürger auf der Straße hin und steht ein paar Stunden in der Fußgängerzone von Bochum. Richtig volksnah. Gleichzeitig offenbart dieser Satz leider auch: In der restlichen Zeit der Legislaturperiode ist man in der Regel nicht im Gespräch, das muss extra organisiert werden. Und so manchem Politiker fällt es dann gar nicht so leicht, auf Kommando plötzlich so zu tun, als sei man ganz normal einer von den anderen.

Unvergessen Norbert Röttgen im NRW-Landtags-Wahlkampf 2012, als er “ein kleines Kind in gewohnter Professionalität förmlich siezte”:http://www.ftd.de/politik/deutschland/:norbert-roettgen-absturz-eines-ueberfliegers/70034662.html. Ja, so mancher ist ein bisschen aus der Übung, wenn nur alle vier Jahre Wahlkampf ansteht. Dabei könnte man Volkes Stimme ständig haben, dort wo das normale Leben stattfindet und kein Dienstwagen je hinkommt. Und damit meine ich nicht Wahlkampfveranstaltungen mit Bad in der Menge, das immer so hübsche Pressebilder produziert, sondern den Alltag.

Die Kneipe um die Ecke, das Fußballstadion – aber nicht in der VIP-Lounge, wo man nebenher Tennis gucken kann und Scampis knabbert, nein im Stehblock hinterm Tor, dort wo schmutzige Lieder gesungen werden und Väter mit ihren Kindern stehen. An der Wursttheke im Supermarkt nach 20 Uhr und an der Kasse von Aldi, wo Frauen sich der Emanzipation hingeben. In der Schlange vor dem Schwimmbad, wo man schon mal mitrechnen kann, was der Eintritt für die fünfköpfige Familie vor einem wohl kostet. In der S-Bahn um Mitternacht mit zweimal umsteigen, ein einmaliges Erlebnis zwischenmenschlicher Nähe. Bei Elternabenden in Schulen, wo das Streichen des Klassenzimmers organisiert wird, weil der Staat es nicht zahlt. Beim Müttertratsch vor der Kita, wo man mehr über das Innenleben derselben erfährt, als wenn bei Politiker-Besuchen alle Kinder hübsch angezogen ein Lied für den Herrn Abgeordneten vortragen. All das ist Deutschland. 24 Stunden am Tag, wie es leibt und lebt.

Ein Besuch in der Zigarren-Lounge

Der Rauchverbotsministerin Barbara Steffens empfehle ich zum Einstieg in die Volksnähe einen Besuch in einer wirklich hübschen Zigarren-Lounge in Düsseldorf, nicht weit von ihrem Büro entfernt. In der Regel sitzen dort Geschäftsleute nach einem langen Tag in alten Ledersesseln und genießen eine Zigarre zum Feierabend. Sie sind volljährig, im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, rauchen aber dennoch gerne – und sind sicher ganz Ohr, was die Ministerin zu sagen hat. Einen Kaffee wird man ihr dort leider nicht anbieten können, denn dank ihres eigenen Gesetzes gibt es dort keinen mehr. Es sei denn, sie bringt sich einen To-Go von Starbucks mit.

Der Wirt musste sich nämlich entscheiden, ob seine Gäste fortan rauchen oder trinken dürfen. Er hat sich fürs Rauchen entschieden. Aber macht nichts, Frau Steffens, einen guten, alten Whiskey kann man dort immer noch kaufen, ist noch nicht verboten, Sie dürfen ihn bloß nicht trinken. Aber Sie können ihn ja nach Hause mitnehmen, oder stehend vor der Tür genießen. Es wird sie dort auch kein Raucher belästigen, die sitzen nämlich drinnen.

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