Die Agenda 2010 war politisch ein Erfolg, aber kommunikativ ein Desaster. Uwe Knüpfer

Landlust reloaded

Großstädter sind modern, innovativ und schon viel weiter? Genau. Wahrscheinlich fallen deshalb Horden von Großstädtern am Wochenende auf dem Land ein.

Nein, ich wollte niemals auf dem Land leben und vielleicht ist das Zwei-mal-zwei-Meter-New-York-Foto über dem Esstisch der Mittelweg zwischen der Sehnsucht nach der Großstadt und den Schafen, die mich morgens auf dem Weg zum Auto freundlich anblöken. Sie blöken eigentlich immer, auch nachts. Im Sommer bei geöffnetem Fenster kann man ihnen zuhören, wie sie sich unterhalten. Die Gänse sind seit St. Martin weniger geworden, was auch an den Kindern nicht spurlos vorbei ging. Wie niedlich waren doch die hundert Küken auf der Weide neben unserem Garten. Jetzt sind sie tot. So ist das Leben auf dem Land. Dafür gibt es demnächst wieder dutzendweise Lämmchen vor dem Haus. Jedenfalls bis Ostern …

Sehnsucht nach der Einfachheit des Lebens

Am Wochenende brechen Horden von Großstädtern auf dem Landgut ein, an dessen Einfahrt wir wohnen. Ich glaube, sie beneiden uns ein bisschen um die Bank vor unserem Haus, manchmal finden wir ein paar von ihnen darauf sitzend, wenn sie glauben, es sei keiner zu Hause. Ihre dicken SUVs stellen uns die Einfahrt zu und ihre Insassen pilgern in den Öko-Laden die Straße runter, um zu teuren Preisen Eierlikör aus eigener Herstellung, Eintopfsuppe und Eingemachtes nach Omas Rezepten zu kaufen. Landlust reloaded. Inzwischen liebe ich das Leben auf dem Land. Nichts ist herrlicher, als keine Nachbarn zu haben. Abends auf der Bank vor dem Haus sitzen und auf Ziegen schauen. Entschleunigung pur. Einer der drei Pfauenvögel, die mit uns die Stille teilen, hat versucht, unser Haus zu entern, wir konnten es verhindern.

„Landlust“, „Landliebe“, „Landidee“, „Mein schönes Land“ – die Magazine zur neuen Lust aufs Landleben sprießen aus dem Boden und befüttern offenbar diese Sehnsucht nach der Einfachheit des Lebens. Back to the roots. Mit selbst gemachter Marmelade, selbst gestrickten Pullovern, Bastelarbeiten mit Fundstücken aus dem Wald, Öko, Bio, das ganze Programm. Allein das Magazin „LandLust“ verkauft mehr als eine Million Exemplare pro Ausgabe und hat damit sogar den „Spiegel“ überholt, der die Millionengrenze nicht mehr schafft. Es ist eine Verabschiedung in die Einfachheit, weil man die Hektik satt hat. Weil ein Brot mit selbst geschleuderter Butter manchmal besser schmeckt als die neue Kreation des Italieners um die Ecke, bei dem man schon hundertmal war. Und man braucht nicht einmal Fleur de Sel aus dem Gourmetlädchen dazu, einfaches Salz reicht. Weil Gartenarbeit Ruhe ausstrahlt und man im besten Sinne des Wortes geerdet wird. Weil es den Kopf frei macht, einmal nichts zu hören außer Vogelgezwitscher. Die besten Texte schreib ich in Gedanken im Garten, mit den Händen in der Erde, beim Laubfegen und Holzsammeln. Anschließend stürze ich ins Haus und mache hektisch Notizen, damit all die herrlichen Gedanken nicht wegfliegen, die mir zwischen Unkraut und Rasenmäher einfielen. Weil man den Effekt einer frisch geschnittenen Hecke schneller sieht als die Konsequenzen der Quartalszahlen. Weil es ein erhebendes Gefühl ist, die erste eigene gezogene Tomate vom Strauch zu pflücken, wenn sie denn endlich rot ist, oder die Erdbeeren, die man monatelang vor Schnecken gerettet hat, endlich ernten kann. Nachts ist es so dunkel, dass man wirklich Sterne sieht. Die Straße hat Löcher, bei Regen ist es matschig. Gummistiefelparadies für Kinder.

Zu meinen Facebook-Freunden gehören auch die Landfrauen Weilheim-Schongau. Ein Blick auf ihre Seite ist wie ein Abdriften in eine Parallelwelt. Jenseits von grenzdebilen Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ haben sich dort Tausende von Frauen organisiert, die tatsächlich auf dem Land leben, in der Landwirtschaft arbeiten und es großartig finden. Demnächst startet wieder der Milchfrühling in Berchtesgaden, schauen Sie mal vorbei. Im vergangenen Jahr haben sie das Buch mit dem Titel „Alle lieben Blechkuchen“ herausgegeben. Ja, wirklich, alle lieben Blechkuchen, es hat sich inzwischen 15.000 Mal verkauft, ist ein richtiger Renner. Gerade kommt das nächste Buch auf den das Markt: „Alle lieben restlos gute Küche“, wie man aus Kühlschrankresten super Sachen zaubert und nicht mehr so viel Essen wegwirft. Das ist mal nachhaltig, ein grüner Öko-Traum. Diese Frauen sind Hausfrauen, Bauersfrauen. Nicht weil sie mal ins Fernsehen kommen wollen damit, sondern weil es ihnen gefällt. Weil es ihre Heimat ist. Alle Altersklassen, immer gut drauf, auf Fotos in der Regel in Dirndln und sie gehen auf in Kuchenrezepten.

Vielleicht sind die anderen aus der Parallelwelt

Sie sind die Parallelwelt, das Antikonzept zur modernen jungen Karrierefrau in der Stadt. Oder wie es heute beim Mittagessen ein Manager, der an dieser Stelle anonym bleiben wird, zu mir sagte: „Diese grauen McKinsey-Mäuse mit den grauen Kostümen und grauen Gedanken“, die er auf dem Weg zum Lunch immer trifft. Sie sind das Leben in Echtzeit. Kuchen, Marmelade, Kinder, Kochen, Familie, Hausfrau. Es fehlt nur noch Kirche, damit wären die drei Ks wieder auferstanden. Oder waren sie niemals weg? Sie haben überlebt und sie sind viele, obwohl sie so gar nicht in die schöne neue Emanzipationswelt passen. Käsekuchen und Apfelwaffeln statt Frauenquote. Großartig.

Vielleicht sind die anderen ja in Wirklichkeit aus der Parallelwelt. Diejenigen, die glauben, sie seien modern, innovativ und schon viel weiter als die Rückständigen vom Land. Diese Großstädter und auch die Großstädter_Innen. Und immer wenn es Wochenende wird, verlassen sie dann die Matrix, um mit dem SUV aufs Land zu fahren und meine Einfahrt zuzustellen.

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