What a man!

Birgit Kelle9.11.2012Gesellschaft & Kultur

Nie gab es einen besseren Bond als Daniel Craig. Er liebt, er schwitzt, er scheitert – er ist Mensch. Gebt mir mehr davon!

Ich gestehe, es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen James und mir. Als ich mit 12 Jahren meinen ersten „Bond“ schaute, war er schon seit 25 Jahren im Dienste ihrer Majestät unterwegs. Ich habe die Filme mit der gleichen Begeisterung gesehen, wie ich auch Bud Spencer und Terence Hill schaute: ohne tieferen Sinn, ohne politisches Verständnis, ohne Leidenschaft. Einfach Action, witzige Szenen. Ein immer gut aussehender Spion, der jede Dame, die nicht bei drei auf den Bäumen war, flachlegte – und dabei tadellose Anzüge trug. Aberwitzige Drehbücher und unrealistische Stunts störten mich nicht weiter. Das störte mich ja auch bei Bud und Terence nicht.

Vielleicht muss man erst älter werden, um sich für oder gegen eine Figur zu entscheiden. Um mehr zu verlangen, als einen gut aussehenden Helden, umgeben von hübschen Frauen mit albernen Namen wie Pussy, Kissy, Tracy, Honey und wie sie alle hießen. Die alten „Bond“-Filme schaue ich heute mehr unter dem Aspekt Tradition und Comedy. Es ist interessant zu sehen, was man sich vor 30 oder 40 Jahren als Zukunftsbedrohung vorstellte. Jeder neue „Bond“-Streifen war für seine Zeit spektakulär. Nach heutigen Maßstäben ist die Action oft albern. Das Frauenbild ist eine Katastrophe und der Held zu glatt. James als Mann ohne Vergangenheit, immer gut gelaunt, nie um eine Lösung verlegen und am Schluss sank er mit einer Schönen in den Armen in die Kissen. Gähn …

Seit Daniel Craig hat Bond endlich auch ein Leben

“Meine Zeit als Bond-Groupie begann erst mit Daniel Craig”:http://www.theeuropean.de/louisa-loewenstein/5432-neuer-james-bond-mit-daniel-craig. Was für eine Offenbarung als Mann! Endlich kein Schönling mehr. Endlich ein richtiger Kerl. Ja sicher, Sean Connery sah auch nicht schlecht aus. Auch Pierce Brosnan konnte ich aus weiblicher Sicht zumindest etwas abgewinnen, und sie waren beide so richtig bondmäßig. So wie man sich im schönsten Klischee den Engländer vorstellt. Wie Brosnan sich bei der Bootsverfolgung auf der Themse unter Wasser die Krawatte geradezieht, das ist einfach unerreicht. Mehr Bond geht nicht. Aber mal ehrlich, auch das ist doch Comedy. Eine Karikatur des klassischen Spions aus Zeiten, als die Verbrecherwelt noch klar in Gut und Böse aufgeteilt war. Brosnan war schon der Versuch eines Übergangs. Der alte Bond in neuem Gewand. Tragisch gescheitert, weil man dann doch nicht den Mut fand, sich vom Alten zu lösen, aus Angst, Bond dabei zu verlieren. Alte Figur mit neuer Technik. Nicht überzeugend in der Echtzeit angekommen. Und immer noch ausgestattet mit den Jungs-Spielzeugen von Q zwischen explodierenden Kugelschreibern und ferngesteuerten Autos. Für immer in der Schleudersitzzeit festgenagelt.

Seit Daniel Craig hat Bond endlich auch ein Leben. Er ist anders, als alle seine Vorgänger. Bullig, muskulös. Er trägt Anzüge, nicht weil er darin gut aussehen will, sondern weil er muss. Einer, den man auf den zweiten Blick erst umwerfend findet, weil er nicht so offensichtlich als gut aussehend durchgeht. Seit Craig ist endlich Realismus bei Bond eingezogen. Schlägereien sind blutig, Morde anstrengend. Es ist ein schmutziges Geschäft. Quälend lang braucht er, um mit Vesper Lynd den Afrikaner im Treppenhaus mit bloßen Händen zu erledigen. Spionageromantik go home! Man muss sich als Zuschauer nicht mehr ärgern, weil das Drehbuch hanebüchen ist und sich mit einem Augenzwinkern über physikalische Gesetze hinwegschreibt. Hey, nimm es nicht so ernst, es ist doch nur ein „Bond“.

Bond hat endlich auch eine Vergangenheit als Mensch. Als Mann! Er hat plötzlich Kanten, Zweifel, Gefühle. Er ist eigenwillig, unberechenbar. In „Casino Royal“ findet er die Liebe seines Lebens. Ja, das lässt uns Frauen seufzend in den Kinosesseln tiefer rutschen. Der Held, der wenn auch nicht ein ganzes Empire, aber doch wenigstens ihre Majestät in den Wind schießt, um ganz neu anzufangen. Für eine Frau. Ein harter Knochen, der angesichts einer weinenden Frau in die Knie geht. Ohne in Kitsch abzudriften oder gar an Männlichkeit zu verlieren. Genauso verletzlich, wie die Schöne, die er bis zum letzten Atemzug mit seinem Leben verteidigen würde. Ja endlich habt ihr auch für Mädels etwas ins Drehbuch geschrieben. Danke! Frauen nicht mehr rein als austauschbares Vergnügen und dumme Mäuschen.
Sie hat ihn flachgelegt, mal eine ganz andere Variante. Dann der Verrat, die Enttäuschung. Der Nachfolger „Ein Quantum Trost“ ist ein einziger Rachefeldzug für Vesper Lynd. Als Drehbuch schwach, menschlich für die Bond-Figur aber konsequent.

Zwischen Cyberwelt und Jagdmessern

Und jetzt „Skyfall“. Ich verneige mich! Eine Abrechnung mit allen Bond-Klischees. Ein für alle Mal. Schluss mit den Kindereien. Nur um den Aston Martin tut es mir doch ein bisschen leid. Alles kommt auf den Tisch. Seine Kindheit, der tragische Tod seiner Eltern. Seine Einsamkeit. Die Zweifel an der Loyalität zu England, zu M, zu allem. Ein Bond mit Todessehnsucht. Einer, dem alles egal ist, der säuft, um zu vergessen. Fallen gelassen und am Ende. Und wieder ist es eine Frau, die ihn aus dem Sumpf holt. Seine Mutter-Sohn-Beziehung zu M, sensationell gespielt von Judi Dench. Keiner von beiden will zugeben, wie sehr man aneinander hängt. Und doch ist es so offensichtlich und schon seit „Casino Royale“ vorbereitet. Sie sind beide harte Knochen, zusammengeschweißt angesichts einer realen Bedrohung, aber auch angesichts politischer Kräfte, die beide in den Ruhestand versetzen wollen.

Und so ist es ein Showdown nicht nur gegen Bösewicht Javier Bardem, der einen Oscar verdient hätte für seine Inszenierung des gefallenen Agenten Silva. Ein Showdown zwischen der neuen und der guten alten Zeit. Zwischen Cyberwelt und Jagdmessern. O. k., es hat ein bisschen was von „MacGyver“ und „Kevin allein zu Haus“, wie die finale Schlacht auf „Skyfall“ vorbereitet wird, aber was soll‘s: Er gewinnt am Schluss und er weint um M. M wie Mutter.

Er wird auch noch weitere 50 Jahre gegen die Bösewichte dieser Welt kämpfen und ich werde ihn lieben. Der neue Boy‘s Club beim MI6 verspricht zudem einen hohen Spaßfaktor im Drehbuch und selbst Moneypenny hat plötzlich nicht nur Hintern, sondern auch Hirn. Er wird sich nie mehr verlieben, dafür haben ihm die Frauen zu sehr zugesetzt. Also wieder austauschbares Vergnügen. Vesper hat es für uns Frauen für immer versaut. Die Schlampe ist tot. Darauf einen Bourbon, aus der Flasche, scheiß auf den Martini.

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