Das ideale Kind

von Birgit Kelle20.09.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Einfach nur spielen war gestern. Kind sein ist heute ein Fulltime-Job – was nicht passt, wird passend gemacht.

Unvorstellbar müssen die Zustände früher gewesen sein. Die Kinder kamen einfach, wann sie wollten. Manche waren Jungs, manche Mädchen, man wusste es vorher nicht einmal. Sie schliefen ohne Durchschlafsprechstunde. Manche schliefen auch nicht und brüllten, die hat man dann eben länger wach gelassen, getragen oder im Elternbett abgelegt. Sie aßen, was auf den Tisch kam, schafften ohne Ritalin die Schule und wenn sie sich geprügelt hatten, gab es Nachsitzen. Sie spielten auf der Straße, mit Freunden, die sie sich selbst aussuchten, vergaßen ihre Hausaufgaben und haben trotzdem die Schule geschafft. Heute sind wir endlich weiter, wir haben die Vorgänge optimiert, jedes Kind weiß heute, was es abzuliefern hat. Es wird nicht weiter Lebenszeit mit sinnlosem Rumgespiele verplempert, jede Sekunde wird genutzt. Am besten schon im Bauch. Zeit ist Geld. Und wenn es nicht funktioniert, ist klar, wer Schuld hat: Die Eltern, sie haben es versaut.

Das ideale Kind macht keine Schwierigkeiten

Das ideale Kind lässt sich zeugen, wenn der ideale Zeitpunkt da ist. Es kommt nicht ungelegen/in der Ausbildung/im Studium oder gar überraschend oder gar nicht. Das ideale Kind gibt schon in der Schwangerschaft klar und deutlich sein Geschlecht zu erkennen, damit die Ausstattung passend gekauft werden kann. Es ist schon im Mutterleib gesund. Strampelt, wenn es mit Beethoven beschallt wird. Es wächst nach seinen Wachstumskurven, bewegt sich, wenn es soll, aber bitte nicht zu viel. Es kommt pünktlich nach errechnetem Geburtstermin auf die Welt, notfalls wird ihm mit einem geplanten Kaiserschnitt ein Hinweis gegeben. Das ideale Kind isst gut und wächst weiter nach seiner Wachstumskurven. Es lässt sich stillen, aber auch von Papa/Oma/Opa/Freundin mit der Flasche füttern. Es schläft gut und nachts durch, es schreit wenig und schon gar nicht sinnlos, beides würde schließlich sein Umfeld zu sehr aus der Bahn werfen. Es arbeitet mit in der Pekip-Gruppe und beim Babyschwimmen. Es hat keine Angst vor Wasser und erfreut sich an pädagogisch wertvollem Spielzeug. Es ist begeistert vom Baby-Englisch-Kurs und der frühmusikalischen Grundausbildung. Es spielt nicht mit dem Essen, liebt salzfreien Möhrenbrei und selbst gekochte Pastinaken mit vielen Vitaminen. Das ideale Kind macht keine Schwierigkeiten, wenn es jemand anderem überlassen wird. Es stellt sich schnell auf neue Menschen ein, fremdelt nicht, verabschiedet sich mit fröhlichem Quietschen morgens in der Krippe/bei der Tagesmutter/bei sonst wem. Es fügt sich in die Gruppe ein, wirft nicht mit Bauklötzen/Steinen/Stöcken/was ihm sonst in die Finger kommt. Es ist nicht bockig/schlecht gelaunt/gelangweilt/lustlos, weint nicht, ärgert nicht andere Kinder. Es isst anstandslos jedes Gemüse, das ihm vorgesetzt wird, es kann früh aus dem Becher trinken, krabbeln, laufen, die Gabel richtig halten. Es wächst weiter nach seiner Wachstumskurve. Das ideale Kind freut sich auf den Kindergarten, bleibt gerne auch bis 17 Uhr. Es fragt nicht nach Mama oder Papa, es singt mit, spielt mit, malt gern, bastelt gern, hält die Schere/den Stift/den Pinsel einwandfrei und kann schon erste Zahlen und Buchstaben erkennen. Das ideale Kind kann sich gut verständigen, ist wissbegierig, spricht deutlich/grammatikalisch richtig/lispelfrei. Es bringt immer stolz Bilder nach Hause. Es kann klettern/schaukeln/balancieren und sich stundenlang alleine beschäftigen. Dabei macht es sich nicht schmutzig, es weiß ja, was das alles kostet. Es kann sich selbst Schuhe/Jacke/Hose/Pullover anziehen, Schnürsenkel binden, Reißverschlüsse schließen und ist dabei schneller als andere Kinder. Es trödelt nicht/macht, was man ihm sagt/beeilt sich, wenn es soll. Das ideale Kind freut sich auf die U-Untersuchungen beim Arzt. Es führt auf Kommando alles vor, was es kann, und ist stolz auf die erste Spritze. Es weint nicht, versteckt sich nicht hinter Mamas Bein und sagt auch nicht „Doofmann“ zum Arzt. Es macht beim Zahnarzt den Mund und beim Augenarzt die Augen auf. Es sieht ein, dass das sein muss. Später geht es gerne in die Schule, liebt seine Lehrerin, arbeitet fleißig mit, stört nicht den Unterricht, klaut keine Radiergummis, isst sein gesundes Pausenbrot, kauft nie Süßigkeiten am Kiosk und ist pünktlich. Die Hausaufgaben macht es sauber/zügig und eigenständig. Es verlangt dauernd nach neuen Büchern, will ständig lesen, verabscheut Kinderfernsehen, liebt Holzpuzzle, hasst Handys und Computer. Es kennt das Sonnensystem, die lateinischen Namen aller Dinosaurier, baut komplizierte Lego-Konstruktionen, kann Noten lesen und ein Instrument spielen. Es bekommt eine Gymnasialempfehlung für die weiterführende Schule und wächst immer noch nach der Wachstumskurve. Es spielt zu Weihnachten auf der Flöte/der Geige/dem Schlagzeug gerne ein paar Lieder vor. Es freut sich über jedes Geschenk und bedankt sich für jedes einzeln. Es grüßt höflich, sagt bitte und danke, es redet nicht dazwischen, wenn Erwachsene sich unterhalten. Es räumt gerne sein Zimmer auf, hält das Waschbecken/Toilette/Badewanne sauber, geht nie ohne Zähneputzen ins Bett und kann schon Zahnseide benutzen. Es merkt sich seine Termine von Musikunterricht/Sportverein und vergisst nie den Sportbeutel/das Musikinstrument/die Notenhefte. Es übt fleißig und unaufgefordert alles, was es üben soll. Es raucht nicht, trinkt nicht, kifft nicht, schleicht sich nicht heimlich aus dem Fenster. Es kommt immer zur verabredeten Zeit nach Hause, sagt immer, wo es war und auch mit wem. Das Internet benutzt es nur zur Recherche der Hausaufgaben, es geht immer dran, wenn man über Handy versucht, es zu erreichen, es hat die richtigen Freunde, die richtigen Hobbys und die richtigen Einstellungen.

Das ideale Kind ist allgegenwärtig

Es macht seine Eltern stolz, macht Abitur und hat schon genaue Berufsvorstellungen. Es will studieren, hat ein Stipendium, spricht fließend drei Sprachen, erledigt das Studium in Sollzeit und hat anschließend einen Topjob. Das ideale Kind ist allgegenwärtig – aber nicht bei uns zu Hause. Offenbar sind wir aus den alten Zuständen nie rausgekommen, haben den Anschluss verpasst als Eltern, uns einfach tatenlos ergeben. Wir haben uns über jedes der Kinder gefreut, egal wann es sich ankündigte. Den Dingen ihren Lauf gelassen, als sie eigensinnig zeigten, dass sie unterschiedliche Talente und Vorlieben besitzen. Ja, vielleicht könnten wir mit einem weiteren Kind endlich alles richtig machen. Keine Frage, irgendwann bekommen wir sicher ordentlich die Quittung: vier glückliche Erwachsene.

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