Rette sich, wer kann

von Birgit Kelle1.07.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte fĂŒr Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

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Ein großer Humanist, Menschen- und Tierfreund, oder ein zynischer Menschenverachter? – Die Meinungen ĂŒber den Philosophen und australischen Professor Peter Singer könnten geteilter nicht sein. KĂŒrzlich verlieh die atheistische Giordano-Bruno-Stiftung dem Tierfreund Singer in Frankfurt “einen Ethik-Preis”:http://www.youtube.com/watch?v=ycMQdYA-tHA fĂŒr dessen Einsatz, Menschenaffen mit Menschenrechten auszustatten. Es schleicht sich der Gedanke ein, dass hier nicht einfach nur Tiere auf einen Status erhöht werden sollen, der bislang nur dem Menschen zustand, sondern vielmehr der Mensch auf den Status eines Tieres degradiert wird.

Die Degradierung des Menschen

“Nichts gegen Tierschutz”:http://www.theeuropean.de/jan-kueveler/4098-massentierhaltung, doch die Debatte ist eigentlich eine andere. Sie rĂŒttelt an den Grundpfeilern unseres SelbstverstĂ€ndnisses als Menschen, dass wir eine Spezies sind, die in sich eine eigene WĂŒrde trĂ€gt und sich damit von den anderen Lebewesen abhebt. So steht es in unserem Grundgesetz. “Die WĂŒrde des Menschen ist unantastbar”:http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html. Sie ist da. Sie wird nicht zugeteilt. Von Anfang an, schon immer, fĂŒr jeden – manche sagen, von Gott, jedenfalls unumstĂ¶ĂŸlich gebunden an unsere Existenz. “Da ist Peter Singer anderer Meinung”:http://www.princeton.edu/~psinger/. „Speziesismus“ nennt er die in seinen Augen falsche und willkĂŒrliche Einteilung in Lebewesen mit und ohne Menschenrechte nur auf Grund ihrer biologischen Art. Ein Anrecht auf Leben ergibt sich fĂŒr ihn aus anderen, utilitaristischen Eigenschaften: der FĂ€higkeit, Schmerz und GlĂŒck zu empfinden und sich seiner selbst bewusst zu sein. Diese FĂ€higkeiten hĂ€tten auch manche Tiere, manche Menschen haben sie seiner Meinung nach jedoch nicht. Aha. Lassen wir mal beiseite, dass ich nicht genau weiß, wie Peter Singer die Selbstwahrnehmung oder gar das GlĂŒcksempfinden bei Tieren messen will. Jeder Hund, dem man einen Knochen vorwirft, wedelt vor GlĂŒck mit dem Schwanz. Aber macht ihn das zu einem Lebewesen mit Anrecht auf MenschenwĂŒrde? Die Frage, was wir sind und wann wir beginnen zu sein, wird derzeit in der PID-Debatte heiß diskutiert. Da wird definiert und gefeilscht um den Beginn des Lebens und somit auch das Anrecht auf Leben und WĂŒrde, als ließe sich das mit einem Regler auf der Zeitleiste des Lebens beliebig verschieben.

Wann ist der Mensch ein Mensch?

Auch dafĂŒr hat Peter Singer viele Antworten, die ihm Lob bei sogenannten Humanisten einbringen und entschiedenen Widerstand von Christen, LebensschĂŒtzern und gerade auch BehindertenverbĂ€nden. Denn eine Koppelung des Lebensrechtes an die eigene Wahrnehmung lĂ€sst LĂŒcken aufbrechen fĂŒr Menschen, bei denen dieselbe durch Behinderung, Krankheit, Koma oder junges Lebensalter eingeschrĂ€nkt ist. So will Singer etwa das Lebensrecht von Neugeborenen in die Hand von Eltern und Ärzten legen, die “bis zum Alter von 28 Tagen entscheiden dĂŒrfen”:http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,169604-2,00.html, ob sie ein eventuell behindertes Kind als zumutbar empfinden – oder eben nicht. Im Sinne einer postnatalen Abtreibung. Damit verstĂ¶ĂŸt man nicht nur gegen die “UN-Konvention fĂŒr die Rechte von Menschen mit Behinderungen”:http://www.un.org/disabilities/default.asp?id=150, auch fĂŒr die Selektion zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Menschsein in der “PID-Debatte”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/4717-das-weite-feld-der-praeimplantationsdiagnostik ist damit klar: Ein Vier-Zeller hat kein Bewusstsein, wir dĂŒrfen ihn also töten. Wie herrlich einfach. Es ist kein Mensch, er wird es erst, wenn wir ihn dafĂŒr halten. Mit solchen Ansichten konnte man auch wĂ€hrend des Nationalsozialismus ganz groß rauskommen. Damit wĂŒrde ein Tor geöffnet, “das wir nie wieder zubekommen”:http://www.theeuropean.de/bernhard-felmberg/3729-praeimplantationsdiagnistik-als-ausleseverfahren. Wenn das Anrecht auf menschenwĂŒrdiges Leben von den historisch, gesellschaftlich, politisch oder wissenschaftlich unterschiedlichen ZugestĂ€ndnissen des Einzelnen abhĂ€ngt, ist niemand mehr seines Lebens sicher. Dann hĂ€tte das Recht des StĂ€rkeren gesiegt und wir wĂ€ren in der Tat nicht mehr als Tiere.

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