Arm ohne sexy

Birgit Kelle12.05.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Was Single-Moms so sexy macht – sinniert die Mütter-Zeitschrift Brigitte-Mom in ihrer aktuellen Ausgabe. Ein klarer Fall von Autosuggestion.

Alleinerziehend mit Kind. Was in Deutschland immer häufiger vorkommt, verdient Aufmerksamkeit. Wie ist das so, als Frau alleine mit einem oder mehreren Kindern? War man sich früher der Ächtung durch die Gesellschaft sicher, ist es heute bereits ein neues, hippes Lebensgefühl – glaubt man jedenfalls den Frauenzeitschriften. Auch Gruner + Jahr hat jetzt sein eigenes Magazin für Mütter. Nachdem diese Formate neuerdings wie Unkraut aus dem Boden schießen, hat man Mutti nun auch im Hamburger Großverlag als Zielgruppe neu entdeckt. Ich bleibe auf dem Cover an folgender Zeile hängen: “„Alleinerziehend, wie schön! – Was Single-Moms so sexy macht.“”:http://www.brigitte.de/mom/die-neue-brigitte-mom-1123704/ Nun ja, ich kann nur eine Ehe vorweisen mit zweistelliger Jahreszahl, wusste aber bislang nicht, dass ich meinen Sexappeal durch eine Scheidung dramatisch erhöhen könnte. Mein Wissen um Alleinerziehende hingegen beschränkt sich in Ermangelung eigener Erfahrung auf Fakten aus der Politik und Berichte von Frauen in meinem Bekanntenkreis. In der Regel fühlen die sich nicht sexy, sondern ausgelaugt. Ihre Kinder sind diejenigen, die morgens als Erste in der Kita abgegeben werden und als Letzte abgeholt werden, weil die Mütter den ganzen Tag arbeiten müssen. Dann noch schnell zum Arzt, Einkaufen, Haushalt, Elternabend, erschöpft auf der Couch zusammenbrechen. Und täglich grüßt das Murmeltier. Ich höre von Streitigkeiten und Diskussionen mit dem Kindsvater, von fehlendem Geld. Noch nie hat eine von ihnen geäußert, dass sie ihr Leben großartig findet und sich selbst dabei unsagbar sexy. Dass sie ständig Angebote potenzieller Lebensgefährten abwehren muss, ob ihrer sexuellen Ausstrahlung als alleinerziehende Mutter.

Unfreiwillig alleine

Aber gut, vielleicht weiß man bei „Brigitte“ ja mehr als bei uns auf dem Land. Vielleicht kennt man in Hamburg Fakten, die der breiten Masse verborgen sind. Laut Statistik jedenfalls sind zwei Drittel der betroffenen Frauen unfreiwillig alleine mit Kind. Laut Statistik sind sie die Personengruppe, die in Deutschland am meisten von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht ist und am ehesten von staatlichen Transferleistungen abhängt. Arm, aber sexy – das kannten wir dank Herrn Wowereit bislang nur von der Stadt Berlin. Für die Familienpolitik sind die Alleinerziehenden die Problemkinder der Nation, gesellschaftlich organisiert in unzähligen Selbsthilfegruppen. Klingt nicht wirklich sexy. Mit vier Kindern könnte ich trotz fehlender, gescheiterter Ehe zumindest zum Thema wenig Geld in der Tasche einiges beisteuern – was die Single-Mütter aber Frauen wie mir in Sachen Sexyness voraus haben, interessierte mich nun doch brennend. Ich investiere 2,80 Euro in die Handtaschen-Ausgabe, lese und staune. Die Autorin des Artikels ist natürlich selbst alleinerziehende Mutter. Der Bericht ist bebildert mit gestylten Alleinerziehenden in Designer-Klamotten, die zu ihrem Lieblingssong vor der Kamera tanzen. Also Single-Mütter-Alltag. Ich überschlage kurz im Kopf, wie viele Monate die Alleinerziehenden in meinem Bekanntenkreis wohl sparen müssten, um sich allein den Blazer von Tanz-Mama Nummer drei leisten zu können und verschiebe die Investition auf das Jahr 2014. Die Thesen des Artikels lassen sich so zusammenfassen: Männer reagieren erleichtert, wenn eine Frau schon Kinder hat, da müssen sie nicht als Zuchthengst herhalten, fühlen sich nicht so unter Druck und nehmen „Beute-Kinder“ lieber an, als eigene zu produzieren, weil sie dann ja auch nicht die Verantwortung für diese Kinder tragen müssen. Na das ist ja schön! Wörtlich heißt es, die Männer, die auf Alleinerziehende träfen, dächten wohl: „Endlich mal eine Frau, die mir keine Löcher in die Kondome pikst.“ Dazu die Erkenntnis, dass man als Frau das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht habe, sich angesichts einer unvollkommenen Beziehung etwas „Echteres“ zu suchen. Davon würden bei allem Schmerz langfristig auch die Kinder profitieren. Diese These würde ich gerne mal mit Familientherapeuten durchsprechen. Offenbar war ein neuer Mr. Right aber auch bei der Autorin noch nicht vorstellig. Bis es so weit sei, müsse man ja auch ein bisschen testen, sagt sie, den Kindern könne man auch ein bisschen Leben zumuten und bindungsloser Sex sei ja auch für Alleinerziehende schön.

„Brigittes“ Parallel-Universum

Fakten finde ich leider keine im Artikel, die die These „Alleinerziehend gleich unheimlich anziehend auf Männer“ in irgendeiner Weise untermauern. Gerne würde ich die Autorin diese Behauptung mal mit einer der unzähligen Alleinerziehenden in Single-Börsen im Internet ausdiskutieren lassen. In Ermangelung von Geld zum Ausgehen oder gar für einen Babysitter, ist es ein beliebter und leider oft einziger Ort für alleinstehende Mütter, um wieder einen Mann kennenzulernen. Ich bin auch nicht sicher, wie viele Alleinerziehende tatsächlich einen Mann suchen, der gerade keine Verantwortung für ihre vorhandenen Kinder übernehmen will. In der Regel ist es wohl genau anders herum. Übrig bleibt der Selbsterfahrungsbericht einer Alleinerziehenden, bemüht, dem neuen Lebensabschnitt Positives abzugewinnen, nachdem sie erst selbst in das Alleinerziehenden-Loch gefallen war. Für die Masse der Alleinerziehenden funktioniert die These des Artikels aber wohl nur mit Autosuggestion. Sicher gibt es attraktive Frauen unter den Alleinerziehenden, die gibt es aber auch unter verheirateten Müttern und Kinderlosen. Und sicher gibt es die glücklichen Alleinerziehenden, die finanziell auf eigenen Beinen stehen, die keinen Mann fürs Leben, sondern im Zweifel auch nur für eine Nacht suchen, und die keinen Vaterersatz für ihre Kinder wollen – aber die Masse der „sexy Single-Moms“ von „Brigitte“ existiert wohl eher in einem Parallel-Universum.

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