Fensterl-Gate in Passau

von Birgit Kelle20.05.2015Gesellschaft & Kultur

Wenn Frauen nicht fensterln dürfen, dann sollen es Männer auch nicht dürfen. Willkommen in der gendersensiblen Welt von heute!

Im finnischen Dorf Sonkajävri erzählt man sich die Legende des üblen Räubers Herkko Rosvo-Rinkainen, der im 19. Jahrhundert in den umliegenden Dörfern Frauen entführt haben soll, ein damals offenbar beliebter Zeitvertreib unter Männern. Den „Brautraub“ von einst hat man in der Neuzeit zu einer sportlichen Betätigung umgewandelt, auch „Wife Carrying“, also „Frauentragen“ genannt.

Weltmeister im Frauenschleppen

Seit 1992 wird es gar als Weltmeisterschaft ausgetragen, lange bevor Stefan Raab seltsamen Sportarten via TV zum Durchbruch verhalf, und es erfreut sich inzwischen auch in Deutschland und Österreich begeisterter Anhänger. Kein Sport ohne Regeln, und so wacht das International Wife Carrying Competition Rules Committee über die korrekte Durchführung. Grundvoraussetzung: Ein Mann schleppt eine Frau, es muss nicht zwingend seine eigene sein, durch einen genau 253,5 Meter langen Parcours aus Rasen-, Kies-, Sandstücken und auch Wassergräben. Besonders beliebt ist dabei die Technik, bei der die Frau kopfüber am Rücken des Mannes hängt. Es gewinnt das schnellste Paar, aber auch die unterhaltsamsten und die am hübschesten kostümierten Paare bekommen einen Preis.

Da gewinnt das Wort „Abschleppen“ ganz neue Bedeutung. Noch scheint keine europäische Gender-Beauftragte von dem Treiben Notiz genommen zu haben, es dürfte aber nur noch eine Frage der Zeit sein, bis dem offensichtlich ziemlich spaßigen Wettkampf ein Ende bereitet wird. Denn er ist vor allem eines: absolut genderunsensibel. Verschleppte Frauen! Man hört schon den Aufschrei! Die Frau wird zum Objekt degradiert, auf dem Rücken kopfüber durch Wassergräben geschleift von Männern, womöglich noch zum anschließenden Geschlechtsverkehr, oder Schlimmerem, vielleicht der Ehe.

Wenn wenigstens auch Frauen Männer schleppen würden, sozusagen als „Husband Carrying“, könnte man ja vielleicht noch einen gendersensiblen Sport draus machen. Zumindest müsste das International Wife Carrying Competition Rules Committee die Zulassungsregeln erweitern, damit parallel auch Frauen andere Frauen und Männer andere Männer schleppen dürfen, damit auch die modernen, gleichgeschlechtlichen Paare zum Zug kommen. Aber so besteht wenig Hoffnung für die Zukunft dieses Sports, wenn er erst einmal auf dem Radar eifriger Gender-Beauftragter auftaucht.

Genderauge sei wachsam!

Man kann froh sein, dass Sonkajävri in Finnland liegt und nicht in Bayern, denn hier ist das gendersensible Auge bereits wachsam und beschert uns gerade ein Possenspiel besonderer Art an der Uni Passau. Dort wurde auf Bestreben der universitären Gleichstellungsbeauftragten der beliebte “„Fensterl“-Wettkampf auf dem Campus von den Veranstaltern abgesagt”:http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/uni-passau-gleichstellungsbeauftragte-verbietet-fensterln-a-1034403.html, man beugte sich dem Druck. „Fensterln“, auch so ein frauenfeindlicher, degradierender Sport, der auf den bayrischen Brauch zurückgeht, über die Hauswand das Fenster der Liebsten zu erklimmen, um nachts ohne Schwiegermutteralarm heimlich bei ihr einzusteigen. Wohlgemerkt mit ihrem Einverständnis. Nun ist es aus mit dem lustigen Fensterl-Wettkampf auf dem Unigelände, denn die Gleichstellungsbeauftragte scheint nicht nur wenig Sinn für zwischenmenschliche Fenster-Romantik zu haben, sondern auch einen erheblichen Empörungsmodus.

Sie monierte, die Frau werde dabei „zum Objekt degradiert“ und außerdem sei der Wettkampf nicht genderneutral ausgeschrieben worden für alle Geschlechter. Fensterln, das müssen Sie wissen, ist ähnlich wie das „Wife Carrying“ absolut genderunsensibel, denn nur die Männer sollten Fensterln, während den Frauen nur die Rolle zugestanden wird, wie Rapunzel im Turm zu warten. Tatenlos. Welch emanzipatorische Schmach! Wenn aber Frauen nicht fensterln dürfen, dann sollen es Männer auch nicht tun. Willkommen in der gendersensiblen Welt von heute.

Sicher ist der abgesagte Fensterl-Wettkampf der Uni Passau nur eine kleine Randnotiz im weltweiten Geschehen, leider aber Ausdruck eines grassierenden Symptoms und ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich falsch verstandene und schlecht gemachte Gleichstellungspolitik gerade ihre Wege selbst bis ins Brauchtum und Sportveranstaltungen bahnt. Man wartet förmlich darauf, dass die Olympischen Spiele endlich gendersensibel stattfinden. Vermutlich müssen Männer dann auch zur rhythmischen Sportgymnastik.

Kein Arsch in der Lederhose

Nun wird in Passau um Lösungen gerungen. Und je mehr man nachdenkt, umso mehr Fragen wirft es auf. Sollen Frauen auch Fensterln dürfen und müssen sie dabei Dirndl tragen oder Lederhosen? Immerhin hatte der Veranstalter ja auf Lederhosen- und Dirndl-Pflicht bestanden. Frauen auf der Leiter im Dirndl sind aber vermutlich auch sexistisch und unfassbar rollenstereotyp, denn allein Dirndl sind schon hart an der Grenze. Haben wir da nicht noch Herrn Brüderle im Ohr? Dirndl ausfüllen und so …?

Vielleicht sollten die Herren sich einfach solidarisch zeigen und die Dirndl überstreifen, damit man den Damen nicht unter den Rock blicken kann beim Erklimmen der Leiter zum Liebsten oder auch der Liebsten, wer weiß das schon? Eine Lösung scheint nicht in Sicht, der Fensterl-König wird wohl nicht gekürt, das bayrische Brauchtum erleidet gerade eine Niederlage, weil einfach nicht mehr zeitgemäß.

Liebe Fensterl-Freunde in Passau, seid ihr Männer, oder was? Lasst euch von einer einzelnen Gleichstellungsbeauftragten euren hübschen Wettkampf vermiesen? Wer bei jedem Genderhauch sofort einknickt, dem fehlt dann möglicherweise auch einfach der Arsch in der Lederhose.

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