Mit Superlativen sollten wir zurückhaltender umgehen. Klaus Töpfer

Gegen die Strömung

Auch wenn Hollywood es gerne apokalyptisch hat: Tsunamis werden sich niemals berghoch auftürmen. Den echten Flutwellen begegnen wir mit Computermodellen, Mangroven und einem Wort von Tony Blair.

Tsunamis kennt heute jeder, und das wird auch so bleiben. Vor dem Seebeben in Südostasien 2004 und der daraus resultierenden Katastrophe war das noch undenkbar. Doch wie groß ist die Gefahr eines Supertsunamis wirklich? Einerseits waren die tödlichen Tsunamis der letzten Jahre eine Anomalie, und es ist unwahrscheinlich, dass sie sich bald wiederholen. Andererseits besteht die Gefahr von durch Beben ausgelösten Flutwellen schon immer, und sie wird es auch weiterhin tun.

Die zentrale Frage ist daher: Was können wir unternehmen, um das zerstörerische Potenzial von Tsunamis zu minimieren?

Mit Computermodellen das Meer verstehen

Der offensichtlichste Ansatz ist, sich vor allem auf tektonisch aktive Regionen der Erde zu konzentrieren. Hier sind Tsunamis am wahrscheinlichsten. Aus geologischer Sicht ist etwa ein Seebeben vor der Küste Sumatras zu erwarten. Es könnte eine Welle auslösen, die eine direkte Bedrohung für die 850.000 Einwohner der am Meer gelegenen Stadt Padang darstellt. Beben in Küstennähe werden auch in der Karibik, bei Chile und im Manila-Graben vor den Philippinen und Taiwan vorhergesagt. Die größte Sorge bereitet uns aber die sogenannte „Cascadia“-Verwerfung, eine 1.200 Kilometer lange Naht im Seeboden, die sich vor der Küste Nordamerikas von Kanada bis in den Norden Kaliforniens zieht. Ein Erdbeben der Stufe neun auf der Richterskala könnte dort einen Tsunami auslösen, der in seiner Stärke durchaus mit dem Tsunami im Indischen Ozean vergleichbar wäre.

Doch das Wissen um gefährdete Regionen ist erst der Anfang. Als nächstes müssen Maßnahmen folgen, die darauf ausgerichtet sind, die Todes- und Verletzungsgefahr zu minimieren und auch eine flächendeckende Zerstörung zu verhindern. Mit Computermodellen lässt sich berechnen, wie hoch die Tsunamiwellen an der Küste wären und wie weit die Wassermassen ins Landesinnere vordringen könnten.

Auf Basis solcher ortsabhängiger Berechnungen lassen sich dann Barrieren errichten, mit denen sich wichtige Gebäude – etwa Atomkraftwerke – schützen lassen. Doch solche Maßnahmen sind höchstens lokal wirksam. Es ist unwahrscheinlich, dass wir Barrieren über Hunderte Kilometer hinweg entlang einer gefährdeten Küstenregion errichten werden. Hinzu kommt, dass Barrieren nur dann wirksam sind, wenn sie höher sind als die Flutwelle. Es reicht schon, wenn die Barrieren wie in Fukushima ein bisschen zu niedrig sind, um sie nahezu nutzlos zu machen.

Mangroven schützen und Bäume pflanzen

Effektiver ist es, die Küstenvegetation – etwa Mangrovensümpfe – zu schützen oder küstennahe Wälder aufzuforsten. Beides hat sich in der Vergangenheit als effektives Mittel gegen Tsunamis erwiesen: Die Wellen wurden gebrochen und die Wirkung des Wassers abgeschwächt. Direkt wirksam ist auch, gefährdete Bereiche in Strandnähe nicht mit Häusern oder wichtiger Infrastruktur zu bebauen. Wenn dieses Land nur zur Erholung genutzt wird, verringert sich die Gefahr für Mensch und Gebäude. Auch der Bau von Evakuierungs­trassen, über die die Bevölkerung schnell ins Landesinnere und in höher gelegene Gebiete gelangen kann, rettet Leben.

Direkt nach dem Tsunami im Indischen Ozean hat sich ein Großteil der Aufmerksamkeit auf den Bau eines Frühwarnsystems konzentriert. Im Pazifik gibt es seit 60 Jahren ein solches System, und es hat sich vielfach bewährt. Seit 2006 gibt es auch im Indischen Ozean ein Warnsystem, und einige Länder wie Australien oder Japan haben eigene nationale Projekte vorangetrieben. Zumindest in Japan stellt sich nach dem Erdbeben 2011 aber die Frage, wie effektiv diese Systeme tatsächlich sind.

Das Problem solcher Frühwarnsysteme ist, dass viele betroffene Küstengemeinden trotzdem nicht schnell genug gewarnt werden können, um ausreichend Zeit für eine Evakuierung zu haben. Das ist der Grund, warum 2010 trotz eines vorhandenen Warnsystems Hunderte von Menschen bei einem Tsunami auf Sumatra gestorben sind. Wenn die erste Welle bereits 15 bis 30 Minuten nach dem Seebeben an der Küste eintrifft, zählt jede Sekunde. Schätzungen gehen davon aus, dass im Fall eines Seebebens vor Padang trotz aller existierenden Warnsysteme 95.000 Menschen nicht rechtzeitig aus der Gefahrenzone flüchten könnten.

Hört auf Tony Blair

Bildung ist daher immer noch der effektivste Ansatz. Bewohner gefährdeter Regionen müssen über die Gefahren aufgeklärt werden. Durch Informationskampagnen, Filme, 
Simulationen und Übungen muss sichergestellt werden, dass die Menschen die Anzeichen eines Tsunamis selbst frühzeitig erkennen. Nur so können sie wissen, wie sie rasch und effektiv reagieren können.

Wenn eine Gemeinde es schafft, schnell und ohne Aufforderung von außen auf die Anzeichen eines Tsunamis zu reagieren, und die Menschen sich selbst evakuieren, können wir die Anzahl der Todesopfer drastisch reduzieren. Das gilt vor allem entlang von tektonischen Verwerfungen und in kleineren Meeresbassins wie beispielsweise in der Karibik und im Mittelmeer, in denen sich Flutwellen rapide ausbreiten können.

Technologie ist wichtig, um frühzeitig vor Tsunamis zu warnen. Doch Leben werden vor allem durch die prompte Reaktion der Menschen vor Ort gerettet. Dieser Ansatz – in der Wissenschaft 
bekannt als „Education for Self-Warning and Voluntary Evacuation“ – ist ein wichtiger Baustein dafür. Um den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair zu zitieren: Unsere beste Absicherung gegen Katastrophen ist „Bildung, Bildung, Bildung“.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marc Lipsitch, David Quammen, Gareth Evans.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

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