Wir brüllen beide so laut, daß wir uns über's Spielfeld unterhalten können. Oliver Kahn

Vorsicht Klischee!

Den Fetisch anderer Leute bestaunen, zwischen Lack und Leder spazieren gehen: Das kann unglaublich sein, wir dürfen nur nicht vergessen, dass wir – wenn schon nicht in synthetischem Gewand – noch lange nicht unsichtbar sind.

Ich trage schwarze Schuhe, Stöckelschuhe. Sieben Zentimeter hoch. Ich denke, dass nur Leute diese Art von Schuhen tragen sollen, die damit gehen können. Dass ich nicht zu dieser Gruppe von Frauen gehöre, ignoriere ich heute: Ich möchte chic sein. Denn ich bin unterwegs zu Berlins bekanntestem Fetisch-Club, dem KitKat. Ich möchte Leute beobachten, die regelmäßig Stöckelschuhe und Lack und Leder tragen. Verkleidet habe ich nur meine Füße, ich bin neugierig.

Unscheinbare Optik

An der angegeben Stelle ist ein großes rotes Zelt, dahinter ein unscheinbares Gebäude: Aufgeregte stark geschminkte Mädchen erklären mir mit russischem Akzent, wo ich gelandet bin: im KitKat. Die Frau am Eingang scheint die Maskerade zu durchschauen. Ob denn ich und meine Begleitung wissen, wo wir hier gelandet sind? Ein unsicheres Lächeln und selbstbewusst getarntes Gestammel später sind wir drinnen.

Im Innenraum ziehen sich alle Leute in Höchstgeschwindigkeit aus und packen ihre Klamotten in kleine Kistchen und drapieren sie auf hölzernen Bügeln. Nein, es ist keine Barfußparty, Schuhe bleiben an. Schade. Ich bin etwas ratlos, was erwartet wird. Zwei Männer vom Eingang tragen nur noch einen Paillettenslip. Vorsichtshalber ziehe ich den Pulli aus und öffne den ersten Knopf. Tapfer stakse ich im kleinen Schwarzen Richtung Bar. Es ist ein Holzverschlag, der ein wenig an die niemals schließende Bar 25 erinnert, aber nur auf den ersten Blick. Ein paar leicht bekleidete Menschen stehen herum und ich stelle fest, dass sich hier so viele Schubladen auftun, wie bei einem Einbauschrank.

Schwarz ist die Devise

Männer dominieren hier, zumindest zahlenmäßig. Ein Mann um die 40, dicker Bauch im schwarzen transparenten Tanktop, lässt mich daran denken, dass Schokolade vielleicht nicht nur glücklich macht, sondern auch das T-Shirt füllt. Das scheint allerdings nur mir so zu gehen. Ein paar junge Männer – schwarze Halsbänder, enge Klamotten, durchtrainierte Körper, unscheinbare Gesichter – wirken angetan. Zu jeder Männergruppe gesellt sich ein weibliches Wesen – hübsch, laut, schwarzhaarig, vollschlank. Ob das abgesprochen ist?

Ich bestelle einen Gin Tonic, der Kellner ist nett und hübsch, spricht allerdings wie die Klischeehomosexuellen in sehr schlechten Filmen. Meine Begleitung und ich versuchen, uns zu unterhalten und nebenbei möglichst viel von den anderen Gesprächen mitzubekommen: Wir sind ja nicht zum Spaß hier, das Wunschgespräch naht. Ein Mädchen in einem löchrigen Pulli und einem sehr kurzen Rock gesteht ihrem Stehnachbarn, dass sie sich nie gedacht hätte, dass er devot ist. Versteh ich nicht, merkt man doch, so wie er sie ansieht. Ob man in der Disco auch nur übers Tanzen redet und es selbst nicht mitkriegt, wenn man Teil ist?

Mein Gegenüber fängt an, sinnloses Zeug zu faseln, nachdem er sonst eher eloquent ist, vermute ich, dass er etwas sieht, das sich meinen Augen entzieht: Huch, da sehe ich das Lockenköpfchen. Ein Typ mit verstrubbeltem Haar und Schlafshirt mit Aufdruck, ein wenig wie ein kleiner Junge. Der Blick wandert, nach dem unschuldigen Blick kommt das lila Shirt – ist das Motiv ein Auto? – und dann kommt nichts mehr: Die Hose fehlt, ich sehe Dinge baumeln, ich sehe weg.

Rückzug

Da wir etwas zu laut lachen und unsere Überforderung schon greifbar wird, wandern wir weiter und landen in der Tanzabteilung. In meiner Fantasie wird in solchen Läden Klassik gespielt, in der Realität ist es Trance. Die Kostüme reichen von schwarzen Tangas bis zur fertigen Orion-Kluft – Marke süßes Mädchen. Laut, treibend, die Musik vergangener Jahre verbietet die Unterhaltung. Ich erfreue mich am Schauen, die Dunkelheit hüllt uns ein, mehr als getanzt und ein wenig geküsst wird nicht. Von keinem. Ich kann noch lange sitzen und schauen, keiner sieht mich, es ist dunkel. Plötzlich zischt meine Begleitung: “Ich will raus, jetzt.“ So gut ich untertauchen konnte, so sehr wurde er beobachtet. Ein schwarzgekleideter Jüngling hat den Augenkontakt aufgenommen und wollte nicht mehr damit aufhören. Meine Begleitung kann schlecht unhöflich sein, ist aber nicht interessiert und wusste nicht mehr, wohin schauen.

Rückzug, mittlerweile ist es vier. Die nackten Menschen sind ein wenig mehr geworden, das Auge gewöhnt sich, zu sehen gibt es nichts. Sex spielt sich eher an einem anderen Wochentag ab, sagt die Frau der Tür zum Abschied. Wir waren nicht deshalb da, murmle ich verhalten, sondern eher zum Schauen und Musik hören. Kann ich denn plötzlich mit Stöckelschuhen gehen? Vielleicht sollte ich Szenetreffs nicht aus einem Stadtmagazin aussuchen oder nicht mehr auf Partys gehen, zu denen ich nicht eingeladen bin.

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