Und es kam, wie es kommen musste

Bernhard Schinwald31.12.2012Gesellschaft & Kultur

Tage- und wochenlang freut man sich auf die Heimreise, nur um letztendlich festzustellen, dass alles genauso ist, wie erwartet. Aber: Dagegen kann etwas getan werden.

So schön Berlin auch sein mag und so wenig einem fehlt, bleibt es dennoch unerlässlich, die Stadt in regelmäßigen Abständen zu verlassen. Für jemanden mit Vollzeitjob und der immer währenden Regelmäßigkeit von fünf Arbeits- und zwei freien Tagen, sind die Urlaube, Wochenendausflüge und Kurztrips die Eckpfeiler im Jahreskalender. Vor allem aber sind es Bezugspunkte, das Licht am Ende des Tunnels, die erfreuliche Zeit des kleinen Perspektivwechsels. Und dementsprechend groß ist die Vorfreude.

Es kommt, wie man es erwartet, oder nicht einmal das

Ein kleiner Makel ist damit jedoch schon vorprogrammiert. Denn das Problem mit der Vorfreude ist, dass sie einige Wochen dauert. Wochen, in denen sie die Fantasie anregt und einen das Ereignis im Kopf durchspielen lässt – also genügend Zeit, sich alle Situationen auszumalen und an alle Eventualitäten zu denken.

Die Realität hält der Fantasie aber leider nur selten stand. Je höher oder ausgeprägter die Erwartungen, desto höher auch die Chance, dass diese schlicht unerfüllt bleiben. Was folgt, sind zwei mögliche und wenig erstrebenswerte Szenarien: Entweder es kommt, wie man es vermutet hat, oder nicht einmal das. Die Ereignisse bleiben an sich die gleichen, nur die mangelnden Möglichkeiten, überrascht zu werden, verleiden das Erlebnis ein wenig.

Auch der Besuch in meiner österreichischen Heimat um die Feiertage hat das wieder eindrucksvoll vorgeführt. Die Vorfreude war groß, Familie und Freunde wiederzusehen und gemeinsam zu feiern, zu lachen. Ich freute mich auf Tage des glückseligen Nichtstuns, Tage der leiblichen Genüsse und der langen Stadtspaziergänge in Salzburg und Wien. Die Aussichten waren vielversprechend und sie wurden erfüllt. Nur sind die Dinge eben genauso gekommen, wie ich es vermutete und schon Tage vorher in meinem Kopf durchgespielt habe.

Dass der Kellner in meinem Wiener Stamm-Kaffeehaus zwei Monate nach meinem letzten Besuch noch nicht vergessen hat, wie ich meinen Kaffee trinke, und mir den „Verlängerten schwarz“ automatisch serviert – „Meine Verehrung, Herr Generalsekretär!“ –, ist zweifellos eine schöne Geschichte. Aber es stand zu erwarten und ich wäre nur enttäuscht gewesen, wenn ich den Kaffee hätte bestellen müssen.

Vorfreude ist die schönste Freude

Oder als ich die freie Zeit der vergangenen Tage dazu nutzte, endlich die Liste der ungelesenen interessanten Artikel abzuarbeiten, die sich in den letzten Wochen anhäuften: Ich freute mich darauf, musste aber feststellen, dass ein Großteil der Texte das Bookmark kaum wert war.

Ähnlich ging es mir aber auch, als ich in diesem Herbst zwei Monate lang in Aussicht hatte, meinen Hauptwohnsitz, nach vorhergegangenem temporären Aufenthalt, endgültig nach Berlin zu verlegen. Man freut sich beispielsweise wochenlang auf einen Spaziergang am Tempelhofer Flugfeld. Schließlich steht man da und alles ist genau so, wie es immer war.

Die Vorfreude sei die schönste Freude, sagt man. Das ist wohl wahr, aber viel negativer, als es gemeinhin verstanden wird. Denn es ist einzig dem Verhältnis Erwartung-Ergebnis geschuldet, das die Vorfreude im Nachhinein glänzen lässt. Wir kennen es alle. Die Partys, auf die man sich am meisten freut, sind in der Regel die miesesten. Je länger man darauf wartet, desto schlimmer. Darum haben wir auch noch nie ein Fußball-WM-Finale gesehen, das so gut war, dass es dem vierjährigen Warten gerecht geworden wäre.

Aufhören, auf Überraschungen zu warten

Mein Weihnachten war trotzdem toll. Die Zeit mit Familie und Freunden ist jeden Ausflug wert. Und es geschah sogar Unerwartetes: der Kampf „Wind gegen Flugzeug“ im Anflug auf Salzburg, beispielsweise. Oder die Reise zwischen Salzburg und Wien, in der ich aus mangelndem Geschick die Notbremsung des prall gefüllten Zuges einleitete und ohne Strafe davonkam. Großes Kino.

Es ist vermutlich ohnehin besser, eher seinem Bauchgefühl zu folgen, anstatt alles gründlich zu überlegen. Zumindest sollte man es unterlassen, auf Überraschungen zu warten. Wohl wissend, dass dabei auf rationalem Wege nicht viel zu machen ist, wird 2013 mein Vorsatz dennoch sein, meine Vorfreuden zu zügeln oder die Sehnsüchte nur mehr auf die Dinge zu richten, die so unerreichbar sind, dass auch die Chance gering ist, davon in absehbarer Zeit enttäuscht zu werden. In diesem Sinne freue ich mich nicht auf das neue Jahr – vorsichtshalber.

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