Die Moral des Skandals

Bernhard Pörksen26.07.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Moment der kollektiven Empörung ist besonders aufschlussreich. Dabei hat der Skandal zwei Gesichter. Er ist Instrument der Aufklärung – und der Gegenaufklärung. Aber was passiert, wenn einmal ein bekanntes Gesicht oder starkes Bild fehlen?

Erinnert sich noch jemand an die Details der Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt? War dies überhaupt ein Skandal? Wer hat dies mit welchem Interesse behauptet? Was treibt das Empörungsgenie Thilo Sarrazin momentan? Aus welchem Anlass sprang Rudolf Scharping in einen Pool auf Mallorca und was war noch gleich das Problem? Wer solche Fragen stellt, der erkennt ganz unmittelbar: Die allgemeine Erregung hat offensichtlich eine äußerst geringe Halbwertszeit. Jedem Aufreger ist ein rasches Verfallsdatum aufgeprägt. Und doch ist – aller Flüchtigkeit zum Trotz – der Moment der kollektiven Empörung besonders aufschlussreich. Denn hier probt die Allgemeinheit das große moralische Gespräch und erklärt sich, welche Werte gelten oder doch gelten sollen; hier offenbart sich die Sehnsucht nach persönlicher Integrität. Im Skandalschrei offenbaren Einzelne oder auch ganze Nationen ihr eigenes Verständnis von Normalität und vergewissern sich ihrer Werte: je gleichförmiger die Entrüstung, desto stabiler und akzeptierter das Wertesystem, das verletzt wurde. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr an positiv zu bestimmende Werte gebunden fühlt, eine Gesellschaft, die in ganz unterschiedliche Welten und Wirklichkeiten zerfällt, fingiert eine Einheit, eine kollektive Moral in der Abgrenzung und dem gemeinsamen Zorn auf das, was sie als schlecht und böse erkannt hat.

Die enorme Skandalsucht der Gesellschaft

Auch die Konfrontation mit dem Abseitigen, dem Unmoralischen und Skandalösen erlaubt es, so schon der Mitbegründer der modernen Soziologie, Émile Durkheim, letztlich moralische Normen zu bekräftigen und in der Grenzüberschreitung die Grenze selbst wieder sichtbar zu machen. Das ist die Moral der Unmoral. Man kann, man muss die enorme Skandalsucht dieser Gesellschaft aus dieser kühl beobachtenden Perspektive eigentlich loben, handelt es sich doch – sieht man von der immer geschickteren Selbstskandalisierung einer exhibitionistischen Prominenz einmal ab – um einen oft verzweifelten Versuch, eine Wertedebatte anzuzetteln und noch einmal über Fragen der Moral zu reden. Und doch: Der Skandal hat zwei Gesichter. Er ist Instrument der Aufklärung – und der Gegenaufklärung. Er erzwingt Verantwortung und womöglich den dringend gebotenen Neuanfang, setzt Themen und schüchtert Mächtige ein, zerstört Hierarchien der Herrschaft. Aber die gegenwärtige Erregungskultur zeigt eben auch ein Moment der bloß ritualisierten Aufregung über Nichtigkeiten und Banalitäten. Und so bleibt doch bei diesem Lob des Skandals ein Unbehagen, auch deshalb, weil sich nicht jedes wichtige Thema in ein entsprechendes Wahrnehmungs- und Präsentationskorsett hineinpressen lässt. Was ist mit den leisen, den gleichsam schleichenden Prozessen, die sich nicht zu schlichten Formeln verdichten lassen?

Die Erfindung des Skandaldiktats

Was passiert, wenn ein bekanntes Gesicht oder starkes Bild fehlen? Wie kann man die stärker werdende Kluft zwischen Arm und Reich, die Erderwärmung, die Bildungsdebatte, die ganze Volkswirtschaften gefährdende Spekulationslust auf das nötige Erregungsniveau heben, sodass eine nachhaltigere, eine produktivere Auseinandersetzung möglich wird? Vielleicht muss diese Gesellschaft eine Skandaldidaktik erfinden, die ihr genau dies möglich macht – einen gezielteren, einen klügeren Umgang mit den eigenen Affekten. Damit man sich über das erregt und empört, was am Ende des Tages und darüber hinaus wirklich noch wichtig und drängend erscheint.

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