Macht hoch die Tür

von Bernhard Felmberg30.03.2013Gesellschaft & Kultur

Geht es um das Pfarrhaus als Immobilie, so muss man tatsächlich von einer Tradition Abschied nehmen. Pfarrhäuser als verlässliche Orte des Glaubens und der Begegnung wird es aber auch weiterhin geben.

„Die Pfarrhäuser sind zu dezenten Wohnungen mit Ikea-Möbeln geworden“, klagte Fulbert Steffensky vor zwei Jahren. Es ist davon auszugehen, dass Steffensky mit dieser Äußerung weniger seiner Sorge um den Wandel der Ausstattung als um den der Bedeutung von Pfarrhäusern Ausdruck verleihen wollte. Richtig ist: Die Gehälter der Pfarrerinnen und Pfarrer sind der Kaufkraft nach mit denen der 80er-Jahre im Westen Deutschlands nicht mehr zu vergleichen. Richtig ist auch: Manche Gemeinde kann sich die teure Pacht für ein großes Haus neben der Kirche nicht mehr leisten. Außerdem gibt es eine zunehmende Zahl von Pfarrerinnen und Pfarrern, die in Teilzeit arbeiten – nicht für alle von ihnen steht ein stattliches Pfarrhaus zur Verfügung.

Es lässt sich schließlich nicht leugnen, dass manche Pfarrer am liebsten von der sogenannten Residenzpflicht befreit werden würden. Und nicht selten leben diejenigen, die doch in ein Pfarrhaus einziehen, allein, mit einem Kind oder in einer Patchwork-Konstellation. Zeit für einen Abgesang auf das klassische Pfarrhaus?

Mindestens eine Tür ist immer offen

Nein, weiß Gott, bestimmt nicht! Ich selbst bin in einem Pfarrhaus aufgewachsen und habe auch noch heute hinreichende Kontakte zu in solchen Häusern lebenden Menschen aus den unterschiedlichsten Generationen. Für mich steht völlig außer Zweifel: Die Grundpfeiler dessen, was die Besonderheit dieser Häuser ausmacht, tragen gestern wie heute. Das hängt nicht primär am Gehalt der Bewohner und an ihrem Geschmack im Blick auf die Einrichtung ihres Domizils. Entscheidend ist der Geist, der in den Pfarrhäusern weht. Wer auch immer darin lebt, wie auch immer es darinnen aussehen mag: Wo der Pfarrer, wo die Pfarrerin wohnt, ist immer mindestens eine Tür geöffnet.

Pfarrhäuser wie -wohnungen sind und bleiben hoch frequentierte Orte der Offenheit und der Begegnung. Anklopfen kann der Obdachlose, der etwas zu essen braucht, ebenso wie die Nachbarin, die eine Sorge loswerden oder eine Bibelstelle besprechen möchte, oder auch der Bürgermeister, der Unterstützung für ein Projekt im Quartier sucht. Sie alle werden eingelassen. Pfarrhäuser bieten wie seit jeher Raum für Gespräche, für Austausch, für Kreativität. Auch Musik und Medien spielen in den meisten Häusern nach wie vor eine große Rolle. Im Normalfall sind sie herausragende Orte der Bildung.

Aber das ist es nicht allein und auch nicht in erster Linie. Ihre Faszination und ihre Anziehungskraft beziehen Pfarrhäuser nämlich nicht als potenzielle vorbildliche Bildungsbrutstätten, sondern als verlässliche Orte des Glaubens, der Seelsorge und des Engagements. Menschen kommen in diesen besonderen Schutzraum mit besonderen Anliegen. Sie berichten von großer Trauer oder wollen große Freude mitteilen. Das Leben in allen seinen Facetten breitet sich im Pfarrhaus in einer Intensität und Dichte aus, die ihresgleichen sucht. Wer in einer solchen Atmosphäre aufwächst, lernt früh: Verzweiflung und Hoffnung, Leben und Sterben – alles hat seine Zeit. Gleichzeitig bildet das Pfarrhaus einen Resonanzboden: Wer hier aus- und eingeht, für den ist neben dem anteilnehmenden Wort auch die hilfreiche Tat eine Selbstverständlichkeit. Sich zu engagieren, ob konkret für Bedürftige in der Nachbarschaft oder allgemein für eine gerechtere Gesellschaft, es gehört für Menschen, die in einem Pfarrhaus leben, einfach dazu.

Pfarrhäuser werden ihre Anziehungskraft nicht verlieren

Und noch immer ist es so: Das Pfarrhaus bildet auch so etwas wie die kleinste evangelische „Unternehmenseinheit“. In dichten Zeiten – wie in der Advents- und Weihnachtszeit – werden alle Familienmitglieder eingespannt, häufig kommen Freunde des Hauses dazu – nicht immer zu aller Freude – aber dennoch. Man lernt, was es heißt, an einem Strang zu ziehen und zusammenzuhalten. Gemeindeblätter werden verteilt, die aktuellen Flyer der Aktion Brot für die Welt „eingetütet“ und es wird dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeitsarbeit so funktioniert, dass jeder im Dorf oder im Kiez Bescheid weiß, wann die Gottesdienste sind und der Adventsmarkt stattfindet.

Ich bin daher sicher: Als Orte des Glaubens, der Begegnung, der Seelsorge und des tatkräftigen Engagements werden die Pfarrhäuser ihre Anziehungskraft nicht verlieren – ganz egal, wer die Tür öffnet und wie das Mobiliar drinnen aussieht. Im Gegenteil: Gerade dadurch, dass das Pfarrhaus sich den Läufen unserer Zeit nicht versperrt, dass es veränderte Lebensbedingungen und Lebensnotwendigkeiten aufnimmt, wird es für Menschen zu allen Zeiten ein wichtiger Ankerpunkt bleiben. Und wir werden auch künftig immer wieder wahrnehmen, dass es Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geben wird, die in der besonderen Atmosphäre eines Pfarrhauses groß geworden sind.

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