Ein Baby ist kein Wunschkonzert

von Bernhard Felmberg10.07.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik macht es möglich, dass künstlich gezeugte Kinder gar nicht erst ausgetragen werden, wenn die Embryonen Krankheiten oder Gendefekte aufweisen. Die Bedenken wiegen schwer. Besonders die Möglichkeit einer eugenischen Auslese der Besten beunruhigt die Kritiker.

Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern sollen auch in Deutschland umstrittene Gentests an Embryonen künftig nicht mehr strafbar sein. So hat der Bundesgerichtshof vor wenigen Tagen in einem Grundsatzurteil entschieden. Das Urteil des 5. Strafsenats erlaubt Voruntersuchungen zur Erkennung von Gendefekten bei Embryonen. Es ist verständlich, dass Paare mit Kinderwunsch alles unternehmen, um genetische Schäden oder schwerwiegende Krankheiten ihres Nachwuchses von vornherein auszuschließen. Alle Argumente, wie sehr die Präimplantationsdiagnostik (PID) die Sorgen, Bedenken und seelischen Nöte betroffener Paare lindern könne, sind nicht einfach so von der Hand zu weisen – und schon gar nicht unter den Teppich zu kehren. Doch auch im Bewusstsein dieser Sachlage kann die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) das jüngste Urteil des Bundesgerichtshofes zur PID nicht gutheißen. Denn: Es geht in dieser schwierigen Debatte um mehr als um das individuelle Glück einiger Menschen.

Auswahl zum Ziel

Warum kritisiert die evangelische Kirche dieses Urteil? Der Rat der EKD lehnt die Anwendung der PID aus folgendem Grund ab: Die Präimplantationsdiagnostik hat primär eine Auswahl zum Ziel. Menschliches Leben wird nicht um seiner selbst willen gewollt und erzeugt, sondern nur unter Vorbehalt des Bestehens der “Qualitätskontrolle”. Die PID beruht auf dem Verbrauch und der Vernichtung menschlicher Embryonen. Dies ist in unseren Augen ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde. Die Würde des frühen menschlichen Lebens verbietet, dass es als Material und Mittel zu anderen Zwecken genutzt oder erzeugt wird. Wer sich für die Zulassung der PID ausspricht, hält die Selbstbestimmung der Eltern im Blick auf ihre Fortpflanzung für einen Wert, der auch das Recht auf eugenische Maßnahmen einschließt. Auch wenn die Präimplantationsdiagnostik künftig tatsächlich nur in Fällen eingesetzt würde, bei denen verhindert werden soll, dass bei künstlicher Reproduktion Kinder mit schwersten Behinderungen geboren werden, läge dem ein eugenischer Denkansatz zugrunde. Anders als die Richter des Bundesgerichtshofes hält die EKD außerdem Zweifel darüber angebracht, ob es bei einer so restriktiven Anwendung der PID tatsächlich bleiben würde. Die Erfahrungen mit der Pränataldiagnostik lassen eher erwarten, dass die Präimplantationsdiagnostik eben nicht auf einen engen Anwendungsbereich beschränkt bliebe, sondern auch zur Herbeiführung gewünschter Eigenschaften eingesetzt werden würde.

Die Gefahr einer Auslese

Mit anderen Worten: Die PID dient der Auswahl “gesunder” Embryonen, nicht aber einem therapeutischen Zweck. Anders als die Pränataldiagnostik bietet sie die Möglichkeit einer positiven Auslese und kann so die Einstellung zu behinderten Menschen negativ beeinflussen. Bei der Präimplantationsdiagnostik besteht also die erhebliche Gefahr, dass nicht nur “kranke” Embryonen aussortiert werden, sondern dass sich diese Auswahl in Zukunft auch auf gewünschte Eigenschaften ausweitet.

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