Das Objekt der Anbetung muss Gott bleiben

von Bernhard Felmberg31.03.2010Gesellschaft & Kultur

Der Wunsch eines Christen, das Leben Jesu mit eigenen Sinnen erfahren zu können, erwacht alljährlich besonders zur Osterzeit. Das Grabtuch von Turin spaltet die Christenheit, denn die Protestanten lehnen die Reliquienverehrung ab.

Immer wieder wird die Frage neu diskutiert, ob das Turiner Grabtuch echt ist. Nehmen wir einmal seine Echtheit an. Dann wäre es, neben anderen, ein weiterer Beleg für die Faktizität des Lebens und Sterbens von Jesus von Nazareth. Das wäre archäologisch spannend. Aber was bedeutete es für den Glauben eines Christen? Der Reiz, dieses Tuch zu berühren, verdankt sich dem Wunsch, das Leben Jesu mit den Händen zu begreifen, so wie es der Jünger Thomas offen zugibt: “Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.” (Joh 20,25). Es scheint, als könne man durch das Tuch Jesus selbst berühren und sich so seiner vergewissern.

Verehrung von Reliquien waren Luther zuwider

Für evangelische Christen ist eine solche Reliquie allerdings nicht weiter von Bedeutung. Die Reformatoren verurteilten die Reliquienverehrung sogar als “Abgötterei”, besonders, weil damals ein enger Bezug zum Ablasswesen bestand: Der Besuch von Reliquienschätzen und Märtyrergräbern galt als besonderes geeignet, Nachlass im Blick auf die Bestrafung von Sünden zu erwirken. Doch auch unabhängig von der Ablasstheologie des Mittelalters lief die Verehrung von Reliquien Luthers Bild vom “Christenmenschen” zuwider: Sie war und ist eine Form der Heiligenverehrung. Durch die Anbetung von Personen, die von der katholischen Kirche als besonders heilig erklärt wurden, sollen diese als “Fürsprecher” bei Gott gewonnen werden. Nach reformatorischer Auffassung hingegen sind alle getauften Christen von Gott angenommen, damit gleich “heilig” und nicht der Fürsprache durch vermeintlich Heiligere bedürftig. Daraus folgt, dass auch eine Reliquie nicht mehr sein kann, als die Erinnerung an einen bedeutenden Christen. Nun gibt es seit jeher Menschen, die Reliquien auch dann eine Bedeutung für den Glauben zusprechen, wenn diese Reliquien nicht angebetet werden. So warnte zum Beispiel der vatikanische Bibeltheologe Monsignore Pietro Principe in der italienischen Tageszeitung “La Stampa”, vor der Gefahr, der authentische Glaube könne sich durch die Verehrung von Reliquien zu einem Aberglauben verwandeln. Das Beten im Angesicht einer Reliquie, so Pietro Principe, könne Ausdruck der Dankbarkeit für die Heiligkeit des Verstorbenen sein. Das Objekt der Anbetung müsse aber Gott bleiben.

Die Auferstehung Christi ist der Kern des Glaubens

Protestantische Christen halten Abstand zur Reliquienverehrung. Dem Protestantismus liegt nicht die gegenständliche Sichtbarmachung etwa des Todes Jesu Christi am Herzen, sondern vielmehr das unfassbare Wunder, das sich ereignete, nachdem Jesus sein Grabtuch abgelegt hatte. So groß die Bedeutung des Karfreitags für den Glauben an die voraussetzungslose Vergebung der Sünden ist, so wesentlich ist die Auferstehung Christi, durch welche die Versöhnung des Menschen mit Gott erst vollendet wurde. An der Auferstehung Christi, enden – Gott sei Dank – alle exegetischen, historischen und archäologischen Versuche, einen Beweis für die Echtheit oder Wahrheit der Auferstehung zu finden. In ihr liegt der Kern dessen, was es zu glauben und eben nicht zu wissen gilt. Wie oft machte Jesus deutlich, dass der Glaube die Kategorien menschlicher Erkenntnis übersteigt, und es gerade deshalb Kindern so viel leichter fällt, das Reich Gottes anzunehmen. Der Kern des Glaubens liegt jenseits des Bedürfnisses nach empirisch darstellbaren Indizien und Beweisen. Diese Erfahrung ist der Grund für die protestantische Skepsis gegenüber der Anbetung von Reliquien.

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