Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen. Winston Churchill

Und Barroso wirft Bengalos

Hundertprozentige Wachstums-Polen, orangefarbene Grüne und Technokraten in der Defensive. Mit Julia Timoschenko und Philipp Lahm zieht Politik in den Fußball ein. Ein ernster Blick gen Osten.

Die Vorbereitungen für die Fußball-EM sind zumindest in Polen laut Premierminister Donald Tusk hundertprozentig abgeschlossen. In Warschau bestimmen zwar noch Baustellen und Staus das Bild, dafür funkelt das neue Stadion schön in den rot-weißen Landesfarben und angesichts singender Nonnen („Koko Euro Spoko“) ist man zuversichtlich, dass alles fröhlich ablaufen wird. Wäre da nicht die Politik, die seit der Causa Timoschenko der Fußballwelt in die Parade grätscht.

Westeuropa, allen voran Renate Künast und ihr orangefarbener Schal, protestiert gegen die Ukraine. Die EU-Kommission verkündet, man wolle den Spielen in der Ukraine fernbleiben. Philipp Lahm macht sich jetzt nicht nur für alkoholfreies Autofahren, sondern auch für Menschenrechte stark. Eigentlich war es schon länger klar: Politik und Fußball sind ein Ding. Eine sportlich-politische Prognose für die Gruppenphase.

Sollte Putin den Gashahn zudrehen, wirft Barroso mit Bengalos

Gruppe A: Größtes Sorgenkind sind die kriselnden Griechen. Ein Graben zerteilt den Kader in Vertreter eines risikoreichen Offensivfußballs und Befürworter torloser Unentschieden. Gerüchten zufolge erwägt Griechenlands Präsident Papoulias deshalb den Einsatz einer Technokraten-Elf, kann sich aber letztlich nur mit der Einstellung eines deutschen Zeugwarts durchsetzen.

Hingegen geht Gastgeber Polen mit breiter Brust in das Auftaktspiel. Dem Land wird 2012 ein rekordverdächtiges Wachstum vorne sowie solides Haushalten hinten prognostiziert. Diese neuen Qualitäten sind auch in der Nationalelf angekommen, nicht zuletzt, da die polnische „hundertprozentige Effektivität“ (so Jürgen Klopp) natürlich von den Bundesliga-Legionären Lewandowski & Co. aus Deutschland importiert wurde.

Das Auftreten der Russen beginnt mit einem Paukenschlag: Präsident Putin ernennt sich am Morgen des 8. Juni zum Nationaltrainer. „Acker“ Gerhard Schröder (ehem. TuS Talle) wird Co-Trainer. Nach einer desolaten Leistung gegen die Tschechen droht Putin gegenüber einem kritisch nachfragenden Journalisten in gewohnter Manier, der EM den Gashahn zuzudrehen, falls Russland die Vorrunde nicht überstehen sollte.

Gruppe B: Im Auftaktspiel der Niederlande gegen Dänemark sind die Ränge der Holländer leer. Wegen ihrer orangefarbenen Oberbekleidung von den Stadionkontrolleuren für Regimekritiker gehalten, wurden die Oranjes nicht ins Stadion gelassen. Auf der Ehrentribüne fachsimpeln Geert Wilders und Pia Kjærsgaard (Dänische Rechtspopulisten), wie man der Überfremdung ihrer Nationalmannschaften durch polnische Fußballspieler Einhalt gebieten könnte.

Auch beim ersten Spiel der DFB-Elf gegen die Portugiesen in Lviv gibt es ein Zuschauerproblem, wenn auch in geringerem Ausmaß: 3-8 Prozent der Plätze sind unbesetzt, da die deutschen FDP-Wähler der Aufforderung Wolfgang Kubickis (FDP Schleswig-Holstein) gefolgt sind und ihre Karten zurückgegeben haben. Dafür hat das Spiel prominente Gäste. Entgegen seiner Ankündigung, die EU-Kommission wolle der Ukraine fernbleiben, wird José Manuel Barroso gesichtet, wie er mit rot-grün bemaltem Gesicht aus den portugiesischen Zuschauerrängen Bengalos um sich schleudert. Angela Merkel hingegen wartet unerkannt in der Kabine auf Bastian Schweinsteiger.

Neuverhandlung, sonst Dominoeffekt

Gruppe C: Die Schuldengruppe dieses Turniers. Sollte Spanien ausscheiden, prognostizieren Beobachter einen Dominoeffekt. Italien, Irland und Portugal müssten um den Verbleib in der EM bangen. Eine positive Nachricht gibt es wenigstens aus dem spanischen Team: Während das Land unter 25 Prozent Arbeitslosigkeit leidet, sind durch den Ausfall von Puyol und Villa zwei Schlüsselpositionen auf dem spanischen Arbeitsmarkt frei geworden.

Doch selbst wenn den Italienern der spanische Fachkräftemangel im ersten Gruppenspiel zum Sieg verhelfen sollte, werden in der italienischen Kabine seit dem Ende der Ära Berlusconi keine Bunga-Bunga-Partys mehr gefeiert. Italien spielt jetzt auch nicht mehr auf Schwalbe, sondern hat mit Mario Monti einen von Europa akkreditierten Schiedsrichter an die eigene Spitze befördert.

Der irische Premierminister Enda Kenny lässt aus Protest gegen das eigene Volk im Spiel gegen Kroatien seinen grünen Fanschal im Schrank, weil die Iren den Fiskalpakt im Referendum am 31. Mai abgelehnt haben. Der Protest bleibt unbemerkt.

Gruppe D: Nach dem WM-Debakel 2010 und Rassismusaffäre im Fußballverband sind die französischen Skandalnudeln auf Wiedergutmachung getrimmt. Präsident Hollande verlangt erfolglos von der UEFA, die Gruppenauslosung neu zu verhandeln, da er das französische Weiterkommen durch die neoliberalen Engländer bedroht sieht. Nachdem „Les Bleus“ gegen England zur Halbzeit zurückliegen, stuft Standard & Poor’s kurzeitig und versehentlich die Bonitätsnote Frankreichs herunter.

Anatolij Timoschtschuk hat von Philipp Lahm Demokratie gelernt

Englands Premier Cameron bleibt auf Druck der Londoner City anfangs dem Stadion fern und kündigt sich erst zu einem möglichen Elfmeterschießen gegen Deutschland an, dass er gerne mit Angela Merkel schauen möchte. Im Gruppenspiel der Schweden schaut die europäische Politik genau hin.

Wie wird die schwedische Mannschaft mit menschenrechtsverletzenden Ukrainern umgehen? Der ukrainische Kapitän Anatolij Timoschtschuk hat bei den Bayern und von Philipp Lahm Demokratie gelernt. Er trägt eine orangefarbene Kapitänsbinde. Präsident Janukowitsch ist erzürnt und bestellt den deutschen Botschafter ein. Renate Künast fordert daraufhin, auch dieser solle einen orangefarbenen Schal „deutlich sichtbar tragen“.

Mit Spannung wird erwartet, ob sich das Chaos in der K.o.-Runde noch verstärkt. Für das Finale hat sich Anke Engelke schon bereit erklärt, per Live-Zuschaltung aus Berlin dezent auf ukrainische Demokratiedefizite hinzuweisen.

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