Wer zu doof ist, ein Loch in die Wand zu bohren, ist definitiv ungeeignet, ein AKW zu betreiben. Renate Künast

Zeit für die I-Frage

Sollte man in Brüssel einmal auf einen echten Belgier treffen, dann ist es doch keiner. Die nationale Identitätskrise spiegelt sich auf europäischer Bühne, denn persönliche Identität an Staaten festzumachen, ist out.

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Um herauszufinden, wo man eigentlich hingehört, gibt es eine ganze Reihe von Identitätskriterien: Geburtsort, Nationalität, Sprache, Wohnort, Vorfahren, Familie und so weiter. Traditionell ist die Schnittmenge dieser Kriterien recht groß und die Frage nach der eigenen Identität schnell beantwortet. Nun gerät dieses Gerüst immer mehr ins Wanken, weil der internationale Austausch zunimmt und Biografien bunter werden. Daneben verschiebt sich eine weitere wichtige Komponente der Identitätsbildung. Denn die Souveränität von Nationalregierungen schwindet zugunsten der Europäischen Union. Der eigene Premierminister kann nicht länger Adressat politischer Unzufriedenheit sein, denn er sitzt nicht mehr alleine im Schaltzentrum.

Identität heißt auch zu wissen, an wen man sich wenden kann, wenn der Schuh drückt

Während die meisten Deutschen und Niederländer ziemlich übereinstimmend ihre nationale Identität in den Vordergrund rücken, geraten Belgier schon eher ins Straucheln. Hier gibt es Flamen, Wallonen, ganz wenige Belgier, immerhin einige Europäer und vereinzelte „Weltbürger“. Wer ist nun aber dieses Volk? Seit Jahrzehnten im flämisch-wallonischen Konflikt verhakt, fühlen sich die meisten Einwohner einem der beiden Sprachkreise zugehörig. Nach fast eineinhalb Jahren konnte im Dezember 2011 zwar endlich eine Regierung gefunden werden, so richtig zufrieden ist damit aber niemand. Das liegt weniger an Elio Di Rupo, dem neuen Premierminister, als vielmehr daran, dass niemand weiß, wer eigentlich die Verantwortung für die politischen Geschicke trägt. Und genau an diesem Punkt geht es der EU ähnlich.

Europa, mit oder ohne Europäer

In einem geeinten Europa ohne geeintes Volk zu regieren, erfordert schon eine ordentliche Portion Kreativität. Im Übrigen wird die Tatsache, dass sich bisher nur wenige primär als Europäer fühlen nicht gerade dadurch ausgeglichen, dass genügend Bewusstsein für das politische Gewicht der EU vorhanden ist. Was also tun mit diesem Ungleichgewicht aus Identitätsvakuum und politischer Machtkonzentration?
Kann eine Demokratie ohne hitzige Debatten, Medieninteresse und kontroverse Köpfe, wie wir sie aus den USA kennen, überhaupt laufen?

Spätestens wenn die Vereinigten Staaten von Europa wieder auf der Tagesordnung stehen, sollte man sich also um das Identitätsthema kümmern. Trotzdem kann Europa schon heute einen Teilerfolg verbuchen. Denn weniger staatliche Bindungslust, sei es nationale oder europäische, bedeutet noch lange nicht, dass die politischen Ziele Europas nicht verwirklicht würden. Unsere Generation definiert sich über offene Grenzen und Facebook. Wir reisen und studieren im Ausland, haben europäische Freunde und Partner. Wenn das der Weg für ein friedliches Europa ist, bitte schön.

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