„Globalisierung“ war gestern

Bernd Westermeyer6.12.2016Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Die Mahnung Henry Fords, das Geheimnis des Wohlstandes einer Industrienation nicht zu vergessen, scheint vergessen: die Tatsache, dass “die Menschen, welche den Großteil der Waren verbrauchen, diejenigen sind, die diese Waren herstellen.”

Die jüngste Studie der Bertelsmann Stiftung zur Angst vieler Europäer vor der sogenannten “Globalisierung” und den politischen Folgen dieser Angst wurde von den Medien, von der Öffentlichkeit und vor allem auch von der Politik aufmerksam aufgenommen. Im toten Winkel der zumeist sorgenvollen gesellschaftlichen Diskussion darüber, wie man diesem grenzüberschreitenden Angst-Phänomen wirksam begegnen sollte, um das weitere Aufwachsen rechtsnationaler deutscher und europäischer Parteien zu verhindern, bleibt die sachliche Auseinandersetzung mit der Ursache der “neuen” Angst – die Auseinandersetzung mit der Globalisierung.

Der ganz legale Sozialdarwinismus der Gegenwart

Zunächst fällt auf, dass der Begriff, der ursprünglich einen sich dann unaufhörlich beschleunigenden wirtschaftlichen Prozess beschrieb, mittlerweile Synonym für die real existierende Weltwirtschaft der Gegenwart steht. Gekennzeichnet ist diese globale kapitalistische Marktwirtschaft durch einen enorm beschleunigten globalen Waren- und Geldverkehr sowie durch eine globale Konkurrenz, die rein profitorientiert ist und damit unsozialer kaum sein könnte.

Henry Ford wusste es besser

Die Mahnung Henry Fords, das Geheimnis des Wohlstandes einer Industrienation nicht zu vergessen, scheint vergessen: die Tatsache, dass “die Menschen, welche den Großteil der Waren verbrauchen, diejenigen sind, die diese Waren herstellen.”

Folgerichtig führen globale Konkurrenz, Rationalisierungs- und Digitalisierungsmaßnahmen sowie Preis- und Lohn-Dumping zum einen dazu, dass sich immer mehr Menschen mit geringer oder gar fehlender Qualifikation Produkte des täglichen Bedarfs, wesentliche Dienstleistungen und vor allem eine gute (Aus-)Bildung für Ihre Kinder nicht mehr leisten können. Zum anderen lösen Raubbau an der Natur, massive Umweltverschmutzung, bewaffnete Konflikte, Terrorismus oder auch die ganz grundsätzlich katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen in all jenen Problem-Ländern, die in der Nähe vergleichsweise wohlhabender und politisch stabiler Staaten liegen, im Zeitalter der spielend einfachen SmartPhone-Navigation und Informationsbeschaffung via Google & Co. nahezu unkontrollierbare Migrationsströme aus.

Wo bleibt die ehrliche Lagefeststellung der politisch Verantwortlichen?

Die Kriegs-, Wirtschafts-, Religions- und Umweltflüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie vom nordafrikanischen Kontinent fallen im Alltag Europas zunehmend auf der Straße auf. Für die notwendige Regulierung der Einwanderung haben die Regierungen der EU gegenwärtig und vor allem mit Blick auf die Zukunft erkennbar keine verlässliche Lösung parat. Selbstverständlich sind große Teile der Bevölkerungen in den europäischen Migrations-Zielstaaten vor diesem Hintergrund extrem verunsichert, und eine Mehrheit setzt “Einwanderung” inzwischen offenbar sogar pars pro toto mit “Globalisierung” gleich.

Die Zukunftsängste – auch der Europäer – sollten vor diesem Hintergrund nicht verwundern, und statt über die Rattenfänger am rechten politischen Rand sowie die Verführbarkeit eines wachsenden Teils der europäischen Wahlbürger zu lamentieren, sollte man das Übel dort an der Wurzel packen, wo es entsteht: in den Ländern, deren Bevölkerungen sich derzeit als Dauer-Verlierer des gegenwärtigen Weltwirtschaftssystems fühlen müssen.

Die Zeit wird knapp – carpe diem!

Staaten wie Syrien, dem Irak oder zum Beispiel auch Algerien mit vereinten europäischen Kräften fair(er) und auf Augenhöhe zu helfen, ihre wirtschaftlichen Probleme und sozialen Spannungen nachhaltig zu überwinden, würde mittelfristig Perspektiven aufzeigen. Kurzfristige Lösungen gibt es – so fürchte ich – nicht, globale “ökologisch-soziale Marktwirtschaft” täte not, und uns, den bürgerlichen Demokraten in den politisch lange so stabil scheinenden Demokratien Europas, bleibt nicht mehr viel Zeit.

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