Die Helden einer Revolution sind immer die mutigen Menschen vor Ort. Srdja Popovic

Alles über Bord

Der westliche Liberalismus hat mit dem 11. September seine existenzielle Krise erlebt – und sich in den Jahren danach ordentlich vergaloppiert. Seine Renaissance erlebt er aktuell an anderer Stelle: mitten im Nahen Osten.

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben Liberale nicht nur schockiert, weil die Folgen furchtbar waren. Sie haben sie nicht nur in die Defensive gedrängt, weil nun mehr Menschen Eingriffe in Grundfreiheiten akzeptierten. Die Anschläge haben Liberale auch „weltanschaulich“ erschüttert. Der Hass der Attentäter galt einer Lebensform des diesseitigen Genusses, der Freizügigkeit, der Autonomie und der Aufklärung. Die Terroristen haben den Westen nicht dafür angegriffen, dass dieser seinen Versprechen untreu geworden wäre. Die Versprechen selbst erzürnten sie. Auf eine solche Eruption existenzieller Feindschaft war der politische Liberalismus nicht vorbereitet. Er wollte weltanschauliche Kontroversen vom politischen Streit fernhalten, um diesen für alle Bürger gerecht regeln zu können. Nun sah er sich selbst in einen existenziellen Konflikt einbezogen.

Wir standen zu „unseren Werten“

Liberale hatten fast schon verlernt, ihre Parteinahmen für Grundfreiheiten, Gleichberechtigung, Toleranz und öffentliche Diskussion noch als Parteinahmen ernst zu nehmen. Die Mörder aber zwangen sie dazu, die eigenen Werte als umkämpft zu erkennen. Die Neokonservativen unter ihnen reagierten darauf mit einer Mischung aus Selbstbehauptung und Bekehrungseifer: Sie bekannten sich zu „unseren Werten“, die sie aber zugleich für Amerikas unabweisbares Geschenk an die Welt hielten. Der neue Totalitarismus, als dessen Sendboten sie die Terroristen ansahen, dürfe in keinem Staat mehr eine machtpolitische Basis finden. Außerdem seien alle Menschen überall dazu bestimmt, sich selbst zu bestimmen.

Daran war richtig, dass der Liberalismus seine Werte und Grundsätze als universalisierbar begreifen sollte. Am militanten Idealismus der Neocons war nicht der Idealismus falsch. Falsch war die Militanz: Sie ließ keinen Raum für Zweifel und rechtliche Rücksichten. Ein lügenhaft begründeter Angriffskrieg, Verschleppungen und Folterpraktiken ruinierten das Ansehen des Liberalismus schneller, als dieser durch Geländegewinne in Gestalt formeller Regimewechsel wettmachen konnte.

Das Desaster des Neokonservatismus gab scheinbar anderen Liberalen recht, die indes mit den Methoden auch den Idealismus der rechten Permanenzrevolutionäre über Bord warfen. Sie plädierten zu Recht für ein multilaterales Vorgehen und für eine Fortentwicklung des Völkerrechts. Militärische Interventionen kämen nur als allerletztes Mittel gegen Massaker, nicht aber als Methode zur Beseitigung ungerechter Regimes infrage.

Demokratie ist wünschenswert

Aber mussten sie darum so tun, als sei ein Regimewechsel hin zur Demokratie gar nicht universal wünschenswert? Warum flüchteten sich so viele in einen Relativismus der Werte? Um nur ja nicht imperialistisch, um möglichst tolerant zu erscheinen? Liberale Toleranz beruht auf dem Recht der Individuen, dem eigenen Gewissen zu folgen. Eine Rechtfertigung für „nichtwestliche“ Regierungen, ihre Völker zu knechten, gibt sie nicht her.

Wie beschämend muss heute für solche hasenherzigen Relativisten die Erfahrung der arabischen Revolutionen sein! Was auch immer aus diesen wird, hier berufen sich Menschen unter Lebensgefahr auf liberale Grundsätze und Werte, die nach Ansicht vieler Freunde „kultureller Dialoge“ für Araber oder Muslime gar nicht gemacht waren. Das aber wäre die einzig produktive Antwort auf die ungerechtfertigten Vormachtsansprüche des Westens: eine selbstbewusste Anverwandlung seiner Werte. „Der Westen“ taugte nicht länger als Feindbild und Ausrede, weil seine Werte nicht mehr nur westlich wären.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Henryk Broder, Vera Lengsfeld, Vera Lengsfeld.

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