Menschen verstehen das

Bernd Hagenkord17.02.2013Gesellschaft & Kultur

Der Papst stellt mit seinem Rücktritt die Wichtigkeit von Personen und Themen infrage. Die Kirche kann daraus lernen, ihre Schwäche offen zu zeigen.

Von Johannes XXIII. sagt man, er habe sich selber immer wieder das „Nimm dich nicht so wichtig“ als Spiegel vorgehalten. Was für Johannes eine innere Haltung war, wird für Benedikt äußeres Tun. In einer für die Kirche schweren Situation stellt der Papst fest, dass das Amt wichtiger ist als die Person, dass Amt und Person getrennt werden müssen. Er sieht sich nicht als die einzig mögliche Lösung der Krise.

Von Johannes Paul II. ist immer wieder das „Habt keine Angst“ zitiert worden. Was für Johannes Paul ein Appell war, sehen wir bei Benedikt als handlungsleitend. Ein Papst geht nicht, er ändert die Tradition nicht, die er empfangen hat, hieß es bislang. Der Papst probiert schon gar nicht ein Weniger, ein Weniger an wichtig und mächtig, hieß es bislang. Der Papst ist Garant für die Kontinuität, nichts und niemand kann ihm das Amt nehmen. Das ändert sich nun, und hier zeigt Benedikt XVI. eine beneidenswerte Angstfreiheit.

Er ist ein moderner Papst

Von Johannes Paul II. hat Benedikt auch den Schlussakkord übernommen, wenn auch ganz und gar anders interpretiert: die Stärke in der Schwäche. Johannes Paul hat die Schwäche bis zur ästhetischen Unerträglichkeit vorgezeigt. Benedikt denkt anders, betet anderes, ist ein völlig anderer und eigener Papst. Und deswegen formuliert er die Stärke in der Schwäche anders, er zieht die Konsequenz für das Amt. In den im Deutschen Bundestag gesprochenen Worten: „Im Anerkennen der Grenzen, die die Natur setzt, liegt menschliche Freiheit.“ Und damit sind wir bei dem, was er von Papst Paul VI. übernommen hat: Er ist ein moderner Papst. Für ihn ist das nicht nur etwas Geistliches, eine Sache des Charakters, sondern er macht es öffentlich, er handelt öffentlich.

Was das mit der deutschen Kirche zu tun hat? Alles.

Die Wichtigkeiten von Personen und Themen, die immer und immer wieder die Debatten bestimmen, werden vom Papst infrage gestellt. Nicht durch Worte, sondern durch ein Tun. Die Ängstlichkeit, die eigenen Positionen nicht aufgeben zu wollen, die Strukturen unbedingt halten zu wollen, die verbürgerlichten Formen als Schutzschild zu brauchen, verliert ihre Macht, wenn der Papst in seiner Angstlosigkeit einen Schritt macht, von dem keiner genau weiß, was das für die Zukunft bedeutet. Die Schwäche und das Abbrechen von Projekten – immerhin wollte Benedikt ja noch eine Enzyklika zu „seinem“ Thema Glauben schreiben – bringt Benedikt Respekt von allen Seiten: Schwäche ist nicht schlimm, Menschen verstehen Schwäche.

Die deutschsprachige Kirche will stark sein, in den Debatten, in der Öffentlichkeit, und das ist ja auch an sich nichts Verwerfliches. Aber sie muss die eigene Schwäche anerkennen. Menschen verstehen Schwäche.

Zwei Sätze aus der Rücktrittsankündigung klingen bei mir nach: „Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe“ ist der eine. Darin liegt eine ganze Welt von Menschlichkeit, Gebet, Gott und Demut. Der zweite Satz: „Ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler.“ Noch einmal: Eine ganze Welt von Menschlichkeit, Gebet, Gott und Demut.

Was in den beiden Sätzen aber auch liegt, ist die Offenlegung der Schwäche, der körperlichen wie der moralischen. Er hat Fehler, sagt er, und er spricht über sein Überlegen und Beten. Das ist nichts Heimliches für die päpstliche Kapelle, das will er die ganze Welt wissen lassen. Und damit sagt er, dass das nichts Schlimmes ist. Man darf sein Gewissen prüfen und man kann um Verzeihung bitten. Menschen verstehen das.

Der nächste Papst muss nicht xy

Wenn jetzt alle und auch wirklich alle sich zu Wort melden, was für einen neuen Papst wir jetzt brauchen, damit sich die Kirche bewege, dann empfehle ich einen Blick auf die Art des Rücktritts des Papstes. Menschen verstehen Schwäche, die Zukunft muss nicht mit machtvollen „Jetzt muss sich alles ändern“-Sätzen beschrieben werden.

Was wir für die Krise in der deutschsprachigen Kirche brauchen, darf nicht auf den nächsten Papst und auf herbeifantasierte Strukturreformen projiziert werden. „Der nächste Papst muss xy“, und bei „xy“ setze man dann das ein, was man unlängst selbst in einem Buch/Talkshowauftritt/Artikel etc. von sich gegeben hat.

Was wir für die Krise brauchen, sind erst einmal Menschlichkeit, Gebet, Gott und Demut. Davon gibt es auch in der Kirche nördlich der Alpen unendlich viel. Es wird Zeit, das alles wieder zu entdecken.

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