Seitenhiebe gegen die älteren Brüder

Bernd Buchner25.01.2010Gesellschaft & Kultur

Die katholisch-jüdischen Beziehungen haben sich unter Papst Benedikt XVI. deutlich verschlechtert. Indem Joseph Ratzinger den überwunden geglaubten kirchlichen Antijudaismus aufwertet, rückt er zugleich von den theologischen Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils ab.

Ein kleines Jubiläum steht vor der Tür: Papst Benedikt XVI. ist bald fünf Jahre im Amt. Die Bilanz fällt gemischt aus. In der Ära Ratzinger hat die katholische Kirche viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Doch bewegt hat sich wenig. Schon gar nicht nach vorne. Die Ökumene tritt auf der Stelle, gerade im Land der Reformation ist das spürbar. Ernüchterung macht sich breit. Der große Kirchentag im Mai in München dürfte daran wenig ändern. Auch das jüdisch-christliche Gespräch hat Schaden genommen. Als der Papst vor Kurzem die römische Synagoge besuchte, wurde dies durch das demonstrative Fernbleiben von Holocaust-Überlebenden wieder deutlich. Karfreitagsfürbitte, Rehabilitierung der antisemitisch durchsetzten Piusbrüder, Seligsprechung von Papst Pius XII., der Vatikan hat in letzter Zeit kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die “älteren Brüder”, wie Johannes Paul II. sie noch nannte, vor den Kopf zu stoßen.

Die Wahrheit gepachtet

Die Karfreitagsbitte berührt die theologisch äußerst heikle Frage, ob Christen Juden missionieren sollen. Dies scheint nach dem Jahrhunderte währenden kirchlichen Antijudaismus, der zur Vorgeschichte des Holocaust zählt, nicht mehr opportun. Im nachkonziliaren Messritus wurde die Bekehrungsbitte deshalb abgewandelt. Doch im Zuge der Aufwertung des alten Ritus formulierte der um Seitenhiebe nicht verlegene Benedikt XVI. ein neues Gebet mit missionarischem Touch: Die Juden sollten “Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen”. Nun liegt es Offenbarungsreligionen nicht ganz fern, dass sie die Wahrheit gepachtet haben – und der säkularen Welt kann es ohnehin gleichgültig sein, wer da nun den anderen bekehren will. Doch Benedikt XVI., so brillant er als Theologe sein mag, hat hier miserables historisches und kirchenpolitisches Taktgefühl gezeigt. Denn die Aufwertung des alten Messritus war ein Zugeständnis an die Piusbrüder, die bald danach auch innerkirchlich rehabilitiert wurden, samt dem Holocaust-Leugner Richard Williamson.

Verführte oder Täter?

Öffnet der Vatikan dem alten kirchlichen Antisemitismus wieder die Tür? Zumindest ist die Haltung des deutschen Papstes gegenüber dem NS-Judenmord und der kirchlichen Mitverantwortung von irritierenden Dogmen der Ableitung geprägt: Zum einen meint er, der Atheismus sei am Holocaust schuld gewesen, eine religiös nutzbare Verallgemeinerung; zum anderen nimmt Benedikt XVI., wie bei seinem Besuch in Auschwitz, die Deutschen allein als Verführte des “Dritten Reiches” in den Blick, nicht als Täter. Das sind Tendenzen, die nicht nur der jüdischen Welt Sorgen bereiten. Joseph Ratzinger, der einstige katholische Chefinquisitor, ist weit vom aufrichtigen Versöhnungsgestus seines Vorgängers im Papstamt entfernt. Kommunikationspannen wie bei der Heimholung der Piusbrüder liegen zudem im Wesen des Vatikans. Greise Kardinäle surfen nicht im Internet, weniger betagte Mitarbeiter sind ebenso vom Altersstarrsinn einer zweitausendjährigen Institution geprägt. Die Kirche ist auch in dieser Hinsicht antimodernistisch. Bekehrung hin oder her: Gemeinsam bleibt Katholiken und Juden die Hoffnung auf den kommenden Messias. Das verbindet sie im Übrigen mit jenen “Schismatikern und Häretikern”, die in einer anderen Karfreitagsfürbitte auftauchen. Gemeint sind die Christen der reformatorischen Kirchen. Auch für deren Umkehr wird in der katholischen Messe gebetet. Ob ihnen das so gut gefällt, können sie Benedikt XVI. bald selbst sagen. Denn der Papst setzt seine römische Besuchstour fort, demnächst schaut er bei den Lutheranern vorbei.

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