Rente mit 60

von Bernd Blöbaum22.06.2012Medien

Gerade Journalisten messen der „Bild“-Zeitung große Bedeutung zu, nicht nur Politiker und Showbiz-Größen. Die „Bild“ ist im Alter milder geworden, wenn auch nicht sanft.

„Halte die ,Bild‘ nicht so schräg, “sonst läuft das Blut heraus”:http://www.theeuropean.de/storz-wolfgang/11424-das-verstaendnis-der-bild-zeitung-von-journalismus“, lautet ein Handwerkerspruch aus den 70er-Jahren. Seit 60 Jahren liefert die „Bild“-Zeitung Gesprächsstoff. Und genau das ist ihr Erfolgsrezept: Nicht die analytische Schärfe, die reflektierte Argumentation, die gründliche Recherche oder die neutrale Darstellung erklären den Erfolg der Zeitung, sondern ihre Fähigkeit, Informationen aus diversen lebensweltlichen Bezügen im Modus der Unterhaltung zu präsentieren. Ob Sport („Mein lieber Scholli. Gomez lässt uns alle tanzen“), Politik („Der Umfaller“, „Bild“-Schlagzeile 1991 über Helmut Kohl), ob Kirche („Wir sind Papst!“) bis zu Wirtschaft („Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“) – „Bild“ bringt Meinungen, Gefühle, Images, Stereotype und Ereignisse häufig und verlässlich auf einen Punkt.

In allen Redaktionen Pflichtlektüre

Dies mag bestehende Einstellungen gegenüber Personen und Parteien, Außenseitern und Ausländern, denen da oben und denen da unten festigen, bestätigen, vielleicht auch schaffen – die „Bild“-Zeitung könnte sich nicht auf dem Lesermarkt halten, würde sie an Wünschen, Emotionen, Urteilen und Einstellungen ihres Publikums konsequent vorbeipublizieren. Es ist die schiere Größe gemessen an Auflage (2012 knapp 2,6 Millionen) und Reichweite (über 10 Millionen), die „Bild“ zu einem “bedeutenden Massenmedium in Deutschland”:http://www.theeuropean.de/jost-kaiser/11408-masse-und-zeitungsmacht hat werden lassen. Die gigantische öffentliche Bühne, die „Bild“ bietet, macht das Medium attraktiv für alle, deren Marktwert von öffentlicher Wahrnehmung abhängt: Spitzenpolitiker, Spitzensportler (vor allem Top-Fußballer), Verbandsfürsten und für das breite Feld der Stars und Sternchen, deren Geschäftsgrundlage eine öffentliche Sichtbarkeit ist. Weil die Zeitung sich nicht nur der Unterhaltung widmet, sondern gelegentlich mit relevanten Informationen aufwartet, gehört sie in allen größeren deutschen Medienredaktionen zur Pflichtlektüre – weniger in den Ressorts Kultur und Lokales, mehr in den Sport- und Politikredaktionen. Auch wenn die Journalisten an den Darstellungsformen der „Bild“-Zeitung Zweifel haben mögen, auch wenn viele Redakteure eine reflektierte Selektion von Nachrichten der pointierten bei „Bild“ vorziehen, erscheint es Journalisten oft lohnend, das Blatt nach Informationen zu durchstöbern.

Die Blatt-Bedeutung nimmt ab

Selbst wenn dahinter kein kluger Kopf steckt, selbst wenn „Bild“-Leser nicht mehr wissen, selbst wenn nicht Fakten, Fakten, Fakten, sondern vielleicht eine Melange aus Fakten und Fiktionen charakteristisch für das Boulevardblatt sein mögen, bleibt es für Journalisten eine gern genutzte Quelle. Methoden der „Bild“-Zeitung, wie der vom Deutschen Presserat immer mal wieder gerügte Umgang mit Persönlichkeitsrechten, wie die Emotionalisierung und Personalisierung, die Zuspitzung, das Hoch- und Runterschreiben von Persönlichkeiten, entsprechen nicht dem Credo der meisten Journalisten. Gleichwohl messen auch viele Redakteure anderer Medien dem Springer-Produkt eine große Bedeutung zu – auch bei der Bestimmung der allgemeinen Medienagenda. Die „Bild“-Zeitung ist ein einflussreiches Medium, für Medien, Politik, Wirtschaft und im Showbusiness. Die Blatt-Bedeutung nimmt allerdings ab – mit 60 Jahren, so erscheint es jedenfalls, hat die Zeitung ihre beste Zeit hinter sich. Die stärkere Wertschätzung von Leserinnen, das Bemühen um investigative Recherche, der insgesamt etwas mildere Ton im Blatt, der Einsatz von Leserreportern, Kampagnen wie „,Bild‘ kämpft für Sie“ oder „Ein Herz für Kinder“ verhinderten nicht den dramatischen Auflagenverlust in den vergangenen Jahren. Online setzt dem Boulevardblatt zu, die Akademisierung der Gesellschaft spielt dem Blatt auch nicht gerade in die Hände, und viele junge Menschen schaffen sich über soziale Netzwerke so viel gemeinsamen Gesprächsstoff, dass ihnen „Bild“ überflüssig erscheint. All dies könnten Indizien für den Eintritt der „Bild“-Zeitung in den Vorruhestand sein.

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