Ungewolltes Erbe

von Bernard Norlain22.01.2012Außenpolitik

Kernwaffen sind ein Überbleibsel des kalten Krieges, das nicht mehr so recht in unsere Zeit passt. Statt die Waffen weiter zu erhalten, muss ihre Gefahr gebannt werden.

Massenvernichtungswaffe, die sie ist, hat die Atombombe während mehr als 50 Jahren eine gewisse Stabilität in der Welt aufrechterhalten und uns sicherlich einen neuen Weltkrieg erspart. Während der Zeit des Kalten Krieges führte die Konfrontation der zwei Blöcke dazu, dass die Atomwaffen und das Konzept der gegenseitigen Abschreckung ihren Platz im strategischen Kontext fanden, auch wenn diese Dialektik des Schreckens zu einem absurden Wettrennen um die numerische Gleichheit zwischen den zwei großen Ländern geführt hat. Mehr als 70.000 Atomwaffen aller Art sind so produziert worden.

Verabschieden von überholten Ideen

Das Ende der bipolaren Welt hat dieses fragile Gleichgewicht gestört. Atomwaffen können auf keine der aktuellen Bedrohungen mehr eine Antwort geben: entweder weil sich die Art der Bedrohungen verändert hat oder weil sie keine Strategie der Massenvernichtung mehr rechtfertigen. Wir sollten uns also von diesen überholten Ideen und von der Abhängigkeit von bestimmten überholten Waffen, die wir aus den 50 Jahren des Kalten Krieges geerbt haben, verabschieden. Außerdem ist diese Art der Rüstung auch teuer. Zwei Studien haben kürzlich aufgezeigt, dass die neun Atommächte in den nächsten zehn Jahren mehrere Milliarden von Dollar für ihre Atomwaffen zahlen müssen. Zudem garantieren Atomwaffen in keiner Weise mehr Sicherheit. Heute stellen sie wegen der Gefahr, die sie durch Unfälle und Terrorismus bergen, ihrer Banalität im strategischen Kontext und der Proliferation ein Risiko für die Menschheit und den Planeten dar. Aufgrund ihrer strategischen Nutzlosigkeit, der Kosten und der Gefahr, die sie darstellen, sollten Atomwaffen verboten werden. Diesem Ziel stehen allerdings zwei Hindernisse im Weg: die Realität und die Proliferation. Trotz der erheblichen Reduktionen, die im New-START-Vertrag ausgehandelt wurden, engagieren sich die aktuell neun Atommächte weiterhin in der Entwicklung und Modernisierung ihrer Atomwaffen. Technologischer und industrieller Druck, irrationale Verbundenheit zu Atomwaffen und politische Trägheit führen dazu, dass die nukleare Maschine sich aus sich selbst heraus ernährt und immer mehr wächst. Darüber hinaus erlaubt und vereinfacht die enge Verknüpfung von ziviler und militärischer Atomkraft – aufgrund der Produktion von angereichertem Uran und Plutonium in den Reaktoren der Kraftwerke – die Proliferation, entweder direkt, über den Umweg des illegalen Handels oder durch Terrorismus. Noch ist Zeit, um dieses tödliche Wettrennen zu beenden. Aber nur eine Verpflichtung der Atommächte (zunächst der fünf offiziellen) zu einer Nulllösung und die schrittweise und kontrollierte Abrüstung der Waffen wird die ansonsten unvermeidlichen nuklearen Konflikte in der Welt verhindern. Diese Nulllösung stellt die zivile Atomindustrie nicht infrage, weil die Ziele nicht dieselben sind. Bei der zivilen Atomkraft geht es um eine friedliche Nutzung, bei den Waffen um möglichst viel Zerstörung. Dieser Prozess wird lang und schwierig sein, weil er sich auf ein noch zu entwickelndes internationales Sicherheitssystem stützen muss. Solch ein System muss ein System verpflichtender Kontrollen etablieren und Sicherheit garantieren. Um wirksam zu sein, muss es auch die Kompetenzen der IEAO im Hinblick auf die Inspektionen stärken ebenso wie die Durchsetzungskraft der UNO.

Die Kettenreaktion kann niemand beherrschen

Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Nulllösung sind immens, weil sie einen starken politischen Willen und eine präzise Koordination der Atommächte erfordert. Sie könnte allerdings durch einen regionalen Ansatz und die schrittweise Errichtung von entnuklearisierten Zonen erleichtert werden. Bei allem ist eines sicher: Wenn wir nichts tun, nehmen wir das Risiko von nuklearen Konflikten entgegen. Die darauf folgende Kettenreaktion kann niemand beherrschen.

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