Als die Mauer fiel, hatte ich einen Kloß im Bauch. Paul van Dyk

Lachen gegen Extremismus

Antiwestliche Proteste sind nicht alles: Erstmals drückt sich die neue Freiheit im arabischen Raum auch in Demonstrationen und Karikaturen gegen Extremisten aus.

Ob die Mohammed-Karikaturen, echte oder mutmaßliche Koranschändungen: immer wieder hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, welche Sprengkraft Verunglimpfungen des Propheten oder des Islam innewohnt. Allerdings ist keine der heftigen Gegenreaktionen einfach so entstanden. Jedes Mal hat es intensiver Lobbyarbeit bedurft, um die Emotionen entsprechend zu schüren und einen wütenden Mob auf die Straße zu bringen. Hier sind extremistische Prediger und Gruppen am Werk, aber auch Regierungen, die politisch kalkulieren. Nicht wenige haben Interesse daran, gesellschaftliche Unzufriedenheit über ihre eigenen Versäumnisse auf andere umzulenken.

So ist auch zu erklären, warum weder die sogenannten „Rendition Flights“, mit denen Terrorverdächtige von der CIA in Foltergefängnisse in der ganzen Welt geflogen wurden, noch andere reale Menschenrechtsverletzungen durch westliche Akteure ähnliche Wellen des Protestes hervorgebracht haben. Zeichnungen und bewegte Bilder sind eingängiger und leichter zu instrumentalisieren als komplexe politische Zusammenhänge.

Der Arabische Frühling ist größer

Ausgerechnet in Libyen, in dem Mahmud Dschibrils moderate Koalition in den Wahlen im Juli 2012 weit besser als islamistisch orientierte Parteien abschnitt, kam es bei den jetzigen Protesten gegen einen Amateurfilm über Mohammed zu einem Gewaltexzess, bei dem der amerikanische Botschafter Chris Stevens und weitere Botschaftsmitarbeiter getötet wurden. Kritiker fühlten sich darin bestätigt, dass die Revolutionen ein unkontrollierbares islamistisches Potenzial freigesetzte hätten. Doch sagen die Proteste etwas über Erfolg oder Misserfolg der arabischen Revolutionen aus? Zunächst einmal sollte man sich erinnern, dass im als säkular geltenden Syrien 2006 infolge der Cartoon-Unruhen die norwegische Botschaft niedergebrannt wurde, ohne dass die sonst omnipräsenten Sicherheitskräfte eingegriffen hätten. Ein Fortbestand der alten Regime wäre somit keine Garantie gegen Übergriffe gewesen.

Die jetzigen Ausschreitungen sind weder ein Ergebnis des Arabischen Frühlings noch primär ein Zeichen für radikalere Tendenzen in der arabischen Welt. Doch wie bei vielen anderen Themen auch sind es die extremen Auswüchse, die die westliche Wahrnehmung stärker prägen als breitere, friedliche Bewegungen. Weitaus mehr Menschen haben sich im Arabischen Frühling für Freiheit und Demokratie engagiert als jetzt gegen den umstrittenen Film auf die Straße gegangen sind, wie die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Megan Reif in einer vergleichenden Studie herausgestellt hat.

Islamistische, bestochene Ausländer

Die Ausschreitungen waren zweifelsohne tragisch. Ein bedeutender, positiver Unterschied zu vorherigen Vorfällen waren jedoch arabische Gegenreaktionen. In Libyen gingen Tausende Menschen auf die Straße, um sich für die Gewalt zu entschuldigten und sich von Extremismus zu distanzieren. Dies war nicht möglich, solange Regierungen in dieser Region den Antiamerikanismus als kleinsten gemeinsamen Nenner mit ihrer Bevölkerung benutzt und befördert haben.

Besonders gravierend ist die Wahrnehmung der derzeitigen Unruhen dafür, wie die syrische Revolution beurteilt wird. Die syrische Regierung hat von vornherein Islamisten beschuldigt, mit terroristischen Mitteln den Umsturz zu planen, während sie selbst diesen Schritt für Schritt den Weg ins Land geebnet hat. Dieser Narrativ ist von Revolutionskritikern willig aufgegriffen worden. In ihrer Opposition gegen ein militärisches Eingreifen stellen sie Aktivisten unter den Generalverdacht, islamistisch, vom Ausland bestochen oder beides zu sein. Die jetzigen Ausschreitungen an anderen Orten sind in dieser Weltsicht ein willkommenes Zusatzargument, die syrische Protestbewegung nicht zu unterstützen.

Eine Chance zur Auseinandersetzung

So sind die Proteste gegen den Hetzfilm auch von den Satirikern des vormals unscheinbaren syrischen Ortes Kafr Nabl aufs Korn genommen worden, die auf Plakaten sowohl eine um die amerikanischen Diplomaten in Libyen trauernde Welt, als auch einen empört auf eine Filmrolle zeigenden Mullah festhielten, jeweils mit den Trümmern Syriens im Rücken. Selten haben arabische Aktivisten so pointiert dargestellt, wie nicht nur der Rest der Welt, sondern auch die eigene Nachbarschaft mit Vehemenz gegen eine Fiktion vorgeht, während sich Millionen von Menschen in Syrien seit Monaten mitten in einer echten Tragödie befinden.

Es wäre schade, wenn eine Überbewertung der Ereignisse dazu führen würde, den gesamten Arabischen Frühling zu hinterfragen. Die politische Erstarrung in weiten Teilen Nordafrikas und des Nahen Ostens hat den Blick auf das, was sich innerhalb der Gesellschaften abspielte, lange versperrt. Dass es jetzt ans Licht kommt und nicht immer so aussieht, wie man es sich im Westen – und auch in den betreffenden Ländern – idealerweise vorstellt, bietet die Chance, sich damit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig sollte man, auch wenn viele Unkenrufe berechtigt sein mögen, nicht unbesehen in den Chor einstimmen und darüber die positiven Entwicklungen wie die Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit in diesen Ländern ignorieren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kai Hafez, Jörg Armbruster, Kristin Jankowski.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Arabischer-raum, Libyen, Mohammed-video

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
17.02.2016

Kolumne

Medium_ee80644634
von Jennifer Nathalie Pyka
28.09.2012

Gespräch

Medium_37eae00070
meistgelesen / meistkommentiert