Es ist nicht Sache eines Politikers, allen zu gefallen. Margaret Thatcher

Zur falschen Zeit am richtigen Ort

Für die afghanische Regierung ist die Entdeckung Bin Ladens in Pakistan Grund zur Genugtuung. Nicht in ihrem Land, sondern beim benachbarten US-Partner hat sich der Terroristenführer versteckt. Die regionale Dimension des Konflikts wird hier besonders deutlich.

Die afghanischen Regierungseinrichtungen igelten sich ein, große internationale Organisationen brachten ihre Mitarbeiter in Sicherheit: Als am 2. Mai die Nachricht von der Tötung Osama bin Ladens Kabul erreichte, war die Furcht vor Racheaktionen der Taliban groß. Dass Bin Laden für das operative Geschäft nicht gebraucht wird, dass Afghanistan seit einiger Zeit für seine Pläne ohnehin ein sekundärer Schauplatz war, daran gibt es – ausweislich der Presseberichte, denen zufolge er eher auf Ziele in den USA spekulierte – wenig Zweifel. Oft genug hat sich jedoch gezeigt, welche Sprengkraft gerade in symbolträchtigen Ereignissen liegt.

Fokus auf Pakistan

Abgesehen von Kandahar, das Hauptstadt des früheren Taliban-Regimes war und auch heute noch als Hochburg ihrer Sympathisanten gilt, blieb es jedoch ohne besondere Ereignisse. Welche Auswirkungen der Tod Bin Ladens hat, darüber gibt es in Afghanistan keinen Konsens. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass genügend Kräfte im Land aktiv sind, die die afghanische Regierung herausfordern und die Bevölkerung einschüchtern wollen, ob mit starker Führung oder ohne. „Nehmt dies als Lektion und entsagt der Gewalt“, mahnte Präsident Hamid Karzai die Taliban in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme.

Im Wesentlichen sprach er jedoch aus, was viele Afghanen denken. Wenn es nach ihnen ginge, sollte nicht Afghanistan im Fokus des Kampfs gegen den Terrorismus stehen, sondern Pakistan. „Die afghanische Nation hat viele Opfer im Kampf gegen den Terrorismus gebracht, um sich selbst davor zu schützen. Nun aber ist erwiesen, dass der Kampf nicht in afghanischen Dörfern, Vororten und Häusern ausgefochten werden kann, wo es keine Terroristen gibt“, sagte der Präsident gegenüber dem Fernsehsender Tolo. Auch wenn Regierung, Parlament und Bevölkerung in vielen Belangen nicht an einem Strang ziehen, in diesem Punkt sind sie sich einig.

Den größten Schatten dürfte der Tod des Terroristenführers daher auf die Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan werfen. Bei seinem jüngsten Staatsbesuch im April 2011 bestritt der pakistanische Premierminister Yousaf Gilani, dass al-Qaida und Taliban in Pakistan Unterschlupf fänden. Er präsentierte Präsident Karzai eine Liste von Forderungen zu anderen regionalen Anliegen. So sollten die USA keine Basen auf afghanischem Territorium behalten, indische Konsulate in Afghanistan geschlossen werden, und Pakistan in so sensible Bereiche wie die Ausbildung der afghanischen Polizei und Armee einbezogen werden. Wenn dies gewährleistet sei – so das afghanische Verständnis der zu erwartenden Gegenleistungen – werde Pakistans Regierung Verhandlungen mit den Taliban nicht mehr behindern.

Die Situation scheint eindeutig

Durch derlei wenig subtile Machtspiele wird das Miteinander der Nachbarn nicht einfacher. Insofern erscheint nachvollziehbar, wieso sich die afghanische politische Führung jetzt geradezu mit Schadenfreude auf den Ort des Geschehens konzentriert. Nicht in einer Höhle in den schwer zugänglichen Stammesgebieten zwischen Afghanistan und Pakistan, sondern inmitten einer Stadt der pensionierten Generäle und wenige Meter von einer pakistanischen Militärakademie entfernt – eindeutiger könne nicht sein, dass Bin Laden sich auf Einladung und mit Wissen der pakistanischen Regierung im Lande befunden habe.

Sicherlich ist insbesondere im Hinblick auf die Konferenz in Petersberg im Dezember wichtig, die regionale Dimension der Konflikte ernst zu nehmen. Solange die afghanische Führung aber jegliche Verantwortung für die Probleme im eigenen Land ablehnt und diese ausschließlich auf externe Kräfte schiebt, wird sich nichts verbessern. Gleichzeitig zeigt die Vorgehensweise der USA, den Zugriff ohne vorherige Einbeziehung der pakistanischen Regierung, die Tiefe des Zerwürfnisses zwischen den USA und Pakistan. Letzteres ist lange Zeit nicht entsprechend seiner Bedeutung für die Lösung der regionalen Probleme berücksichtigt worden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christian Böhme.

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