I love Neukölln

Benno Müchler28.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Yusuf Bayrak wollte für den Berliner Stadtteil Neukölln als Direktkandidat in den Bundestag – vergeblich. Chancenlos gegen die etablierten Parteien liegt der Grund für die Kandidatur des Unabhängigen aber ohnehin tiefer: Er will nicht als “Migrant” abgestempelt werden, sondern das verkrustete Integrationsdenken aufbrechen – und eine Bresche schlagen für die, die nach ihm kommen.

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Yusuf Bayrak wird seine Flyer nicht los. Es ist Wochenmarkt am Maybachufer, der nördlichen Grenze zwischen den Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln. Bayrak hat sich direkt vor dem Eingang postiert. Der 46-Jährige steht in Hemd und Anzug neben einem Olivenstand. Zögerlich, unsicher und fast stumm will er seine Flyer an die Wähler bringen – doch kaum jemand greift zu. Eine dicke, alte, braun gekleidete Muslimin mit Kopftuch schiebt sich vorbei. Sie sieht weder Bayrak noch sein Plakat “I love Neukölln”. Um sechs Uhr abends, Bayrak hat auf dem Markt jetzt drei Stunden lang sein Glück versucht, holt er seinen Van und packt zusammen: Schließlich muss er auch noch seine fünf anderen Wahlstände in Neukölln abbauen. Yusuf Bayrak, parteiloser Bundestagsdirektkandidat für den Berliner Bezirk Neukölln, kann bei der Bundestagswahl schließlich nur 1,5 Prozent der Stimmen hohlen. Doch eine Enttäuschung ist das nicht: Seine Kandidatur ist Protest. Protest dagegen, dass es zu wenige Ausländer in der deutschen Politik gibt. Nur neun von 149 Abgeordneten des Berliner Abgeordnetenhauses haben einen Migrationshintergrund, im 611 Volksvertreter starken Deutschen Bundestag sind es gerade mal elf. Und auf nur rund 90 wird die Zahl der größten deutschen Minderheit der Türkischstämmigen geschätzt, die im Europäischen Parlament, im Bundestag, in den Landtagen und den Stadtversammlungen sitzen. Bayrak will wachrütteln. Eine Fahrt über den Columbiadamm in Neukölln wirkt wie eine Fahrt über die Bayrak-Allee. An jedem Baum rechts und links der Fahrbahn hängt eines seiner Plakate, 3.000 hat er in dem Stadtteil aufgehängt. Sie sind pixelig und verschwommen in den Farben Orange, Blau, Lila – nur nicht in einer Farbe der großen Parteien. Dazu hat er noch 100.000 Flyer anfertigen lassen sowie 3.000 rote Plastikrosen. Alles kommt aus China, von wo aus Bayrak als Großhändler auch seine Gemischtwaren bezieht. Auf Bestellung lässt er von Damenhandschuhen bis Kinderspielzeug alles herstellen. Der günstige Produktionspreis in China hat ihm die politische Materialschlacht überhaupt nur möglich gemacht.

“Von den Parallelgesellschaften zur Mehrheitsgesellschaft”

Die anderen Parteien sehen Bayrak durchaus als Kontrahenten. So auch, als er nach dem Wochenmarkt Wahlkampf vor dem Rathaus Neukölln macht. “Das ist extrem gut für deutsche Arbeitsplätze”, sagt Kirsten Flesch sarkastisch über Bayraks Geschäfte in China. Flesch ist Mitglied der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus und steht mit Parteikollegen am Wahlkampfstand für SPD-Kandidat Fritz Felgentreu vor dem Rathaus Neukölln. “Was hat das mit Integrationsförderung zu tun?” 50 Meter links neben ihrem Stand erklärt Bayrak gerade einer Radfahrerin, wofür er im Wahlkampf steht: “Ich will die Parallelgesellschaften zu einer Mehrheitsgesellschaft zusammenführen. Das können wir aber nur durch einen besseren Dialog schaffen, bei dem beide aufeinander zugehen.” Die Frau, eine Deutsche, ist positiv überrascht. Bayrak freut sich; hier läuft es besser. Viele Neuköllner unterstützen seinen Wahlkampf. So stehen an Bayraks Stand neben drei jungen Musliminnen mit Kopftuch – Schulfreundinnen von Bayraks Söhnen – auch noch eine korpulente, rothaarige deutsche Frau und ein nicht weniger beleibter blonder bärtiger Mann. Die Frau verteilt Flyer, der Mann filmt Bayraks Wahlkampf für dessen Archiv. Beide kannten ihn vorher nicht. Sie helfen ihm, weil sie gut finden, was Bayrak macht. Die großen Parteien täten nichts für Neukölln, sagen sie.

“Ich weiß, dass ich chancenlos bin”

“Ich habe es innerhalb der Parteien ja versucht. Aber egal wo ich hinging, ich sollte immer gleich in den Migrationsbeirat gehen”, sagt Bayrak. Er aber will wie jeder andere Bürger ohne Migrationshintergrund Politik machen können, die nicht nur auf seine türkische Herkunft reduziert ist. Dass sein Interesse viel breiter ist, zeigen auch seine Fremdsprachenkenntnisse: Bayrak spricht Englisch und Chinesisch. Beides hat er sich selbst beigebracht, beides braucht er für sein Geschäft. “Die Leute wollen immer nur haben, haben, haben. Zuerst muss man aber geben, geben, geben. Man muss sich einsetzen und seine Hilfe anbieten. Anders hätte ich all das hier nicht erreicht”, sagt er. Yusuf Bayrak wurde 1963 in Orta geboren, einem kleinen Ort nördlich von Ankara. Er ist das zweite von drei Kindern. Die Familie ging für die Arbeit des Vaters nach Deutschland. Seit seinem 16. Lebensjahr lebt er in Berlin. Als er ankam, sprach er zunächst kein Deutsch. Er machte im Abendlehrgang den Hauptschulabschluss und bildete sich in Fernsehtechnik fort. Für seinen ersten Job bei einem deutschen Fernsehladenbesitzer arbeitete er zunächst ohne Bezahlung. Doch weil dieser so zufrieden mit ihm war, gab er ihm später Gehalt. Nach der Wahlkampf-Tour sitzt Bayrak in seinem Garten. Inmitten eines grauen Neuköllner Wohnblocks hat er ein kleines frei stehendes Gartenhaus mit Gemüsebeeten. Seine Frau und die beiden Söhne unterstützten ihn sehr. Der eine Sohn macht gerade Abi, der andere studiert. Yusuf Bayrak ist sehr stolz auf seine Familie, seinen Glauben, seine Herkunft und Deutschland – all das sei ihm sehr wichtig. “Ich weiß, dass ich in diesem Wahlkampf chancenlos bin”, sagt er. Die Wahl zu gewinnen, sei aber auch nicht sein Ziel. Er will wachrütteln und vielleicht, sagt er, schafft er dadurch, dass bei den nächsten Kommunal- und Landtagswahlen 2011 in jedem Berliner Bezirk ein Kandidat mit Migrationshintergrund antritt.

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