Kopfüber in den Müllsee

Benno Müchler24.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

David Mayer de Rothschild hatte keine Lust, dem Klischee des reichen Bankierssohns zu entsprechen. Der 31-jährige Brite will mit seinen Aktionen der Welt ein Stück weit die Augen öffnen. So durchquerte er schon die grönländische Eisplatte und tourte vom Nord- zum Südpol. Mit dem Vorwurf, er mache die Expeditionen nur zu seinem Vergnügen, muss er leben. Jetzt will er wieder in See stechen.

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Noch ist viel zu tun. Zwar sind die Pontons, also die beiden Kufen des Boots, schon gezimmert und fest miteinander verbunden. Aber darin müssen noch 12.500 Plastikflaschen untergebracht werden, denn ohne sie ginge das Boot unter. David Mayer de Rothschild fiebert schon auf sein nächstes Abenteuer hin. Noch dieses Jahr will er mit fünf Gefährten zur See fahren – von San Francisco nach Sidney. Sein Boot besteht aus komplett recycelten Materialien. De Rothschild wird im Pazifik den Eastern Garbage Patch kreuzen, einen Müllsee, der sechsmal so groß ist wie seine Heimat Großbritannien. Da will er hineintauchen und den ganzen Müll filmen. Angst hat er nicht. Nur der Ekel schreckt ihn ein bisschen ab. David de Rothschild ist selbst ernannter Öko-Abenteurer. Er war schon in der Arktis, Antarktis, am Amazonas und auf Grönland. Die größte Insel der Erde durchquerte er so schnell wie keiner vor ihm, wofür er jetzt im Guinnessbuch der Rekorde steht. Die schlimmen Naturschäden hat der 31-Jährige mit seiner Kamera festgehalten. Mit den Aufnahmen von Müll oder schmelzendem Eis im Meer will er schockieren. Und sensibilisieren. Auch dafür hat er 2005 die Organisation adventureecology.com gegründet. Die Internet-Plattform wendet sich an Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer. Bei Kindern und Jugendlichen gelingt es am ehesten, ein Umweltbewusstsein zu schaffen, meint de Rothschild. Und haben die Kinder ein Gefühl dafür entwickelt, können sie wiederum ihre Eltern beeinflussen.

Die Lust am Reisen oder ernstes Engagement?

De Rothschild ist Spross einer der reichsten Familien Europas. Bankier werden, wie viele von ihnen, wollte er nicht. So studierte er Fächer, auf die er Lust hatte: Politik, etwas Wirtschaft und auch Naturheilkunde. Was das sei, wusste sein Vater nicht. Wenn man de Rotschild so sieht, kommt man nicht umhin, an Jesus zu denken. Der Brite trägt lange braune Haare, hat einen Rauschebart und ist etwas hager im Gesicht. Von mancher Seite wurde ihm schon vorgeworfen, er mache die Expeditionen nur zu seinem Vergnügen, was der Umwelt jedoch herzlich wenig bringe. Rothschild kennt diese Kritik, weiß auch, dass die Boulevardpresse ihn einen der begehrtesten Junggesellen des Landes titelt und ihn belauert. Natürlich machen ihm die Expeditionen auch Spaß. Aber er tut damit ja auch viel Gutes. So sammelt er neben der öffentlichen Aufmerksamkeit auch Spenden wie bei der Tour durchs Eis, die an bedürftige Kinder gingen. Das Plastik-Boot, die “Plastiki”, kann bald in See stechen. Es ist nicht nur komplett recycelbar – auch wenn de Rothschild noch nicht weiß, wozu – es ist auch zu 100 Prozent umweltfreundlich: An Deck können sie Strom durch Solar und Trampelräder erzeugen. Ein Wintergarten versorgt sie mit Obst und Gemüse. Und vom Klo führt kein Rohr hinunter zum Schiffsboden. Denn das wäre schädlich fürs Meer. Stattdessen wird der Dreck durch Kokosschalen und dicke, lange, glitschige Würmer, die sich vom Dreck ernähren, zersetzt. Deswegen sei das Zeitungslesen auf der Toilette nicht zu empfehlen, sagt de Rothschild. Aber wo soll die Zeitung auf hoher See auch herkommen?

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