Was ist eigentlich unter Aversionstherapie zu verstehen?

Benjamin Ließmann18.11.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Viele therapeutische Techniken verfolgen das Ziel, Angst und Vermeidungsverhalten abzubauen. Prinzipiell könnte man diese Methoden nun auch genau andersherum anwenden, um das Gegenteil zu erreichen. Bei welchen Problemen aber könnte eine Vergrößerung von Vermeidung hilfreich sein?

Überlegen Sie mal kurz, ob Sie nicht auch selbst gerne irgendetwas konsequent vermeiden würden. Vielleicht deswegen, weil dieses Etwas für Ihr Leben schädlich ist, Sie es aber dennoch nicht lassen können. Haben Sie etwas gefunden?

In der Frühphase der Verhaltenstherapie entstand aus solchen Überlegungen die sogenannte Aversionstherapie. Ziel dieser Behandlung war der Aufbau eines Widerwillens, also einer „Aversion“. Die hauptsächliche Zielgruppe: Alkoholiker, Raucher, Drogensüchtige, und … Nägelkauer.

Die Logik dabei ist recht simpel: wenn es jemandem im Anschluss an das Trinken von Alkohol, dem Rauchen einer Zigarette, oder dem Knabbern am Finger so richtig mies geht, dann sollte theoretisch ein Prozess klassischer Konditionierung stattfinden, und eine Aversion entstehen.

Dass so etwas funktioniert, zeigt die Forschung. Psychologiestudenten lernen oft schon im ersten Semester ein klassisches Experiment aus den 50er-Jahren kennen. Es stammt vom US-amerikanischen Psychologen John Garcia. In diesem Experiment bekamen Ratten mit Saccharin gesüßtes Wasser zu trinken. Währenddessen wurden sie Röntgenstrahlen ausgesetzt, was bei den Nagern Übelkeit und Erbrechen auslöste. Der Effekt: fortan mieden die Ratten konsequent das süße Wasser.

Das Experiment legt einige Schlussfolgerungen nah. Zum einen, dass eine Nahrungsmittel-Aversion blitzschnell entstehen kann. Nach nur einmaliger Erfahrung der Strahlungs-Symptome hatten die Ratten bereits genug, und rührten das „verdächtige“ süße Wasser auch Wochen später kaum noch an. Psychologen nennen so etwas „one-trial-learning“. Weiterhin spielte es keine Rolle, dass nicht das Wasser selbst die Übelkeit verursachte, sondern die Röntgenstrahlung. Da Ratten sich mit Strahlungsphysik nicht auskennen, ist dieser Irrtum nachvollziehbar. Das erstaunlich ist aber, dass selbst das Wissen über solche falschen Zusammenhänge die Entstehung einer Nahrungsmittelaversion nicht zwingend verhindert. Der Psychologe Martin Seligman gab diesem Phänomen den Namen „Sauce Bernaise-Syndrom“, basierend auf einer persönlichen leidvollen Erfahrung. Nach Verzehr eines Filet Mignon mit Bernaise-Besoßung hing er – so der Selbstbericht – in der folgenden Nacht kotzend über der Kloschüssel. Obwohl er von einem grassierenden Magen-Darm-Virus an seiner Arbeitsstelle gewusst, und eine Infektion als Ursache der Übelkeit akzeptiert habe, sei die Aversion gegenüber Sauce Bernaise dauerhaft geblieben.

Gut beobachten kann man diesen Effekt auch bei Menschen, die mal eine Fischvergiftung hatten. Viele essen anschließend für sehr lange Zeit überhaupt nichts fischiges mehr. Im Extremfall bleibt die Aversion das ganze Leben lang bestehen. Merkwürdigerweise scheint das Phänomen aber nicht bei allen Nahrungsmitteln gleichermaßen aufzutreten. Nach durchzechten Nächten mit ausgiebiger Kotz-Folge hat man am nächsten Morgen schon so manches Häufchen Elend gehört, das seinen Alkoholverzicht für die Dauer des gesamten Restlebens ankündigte. Kurze Zeit später sitzen die meisten allerdings wieder mit einem Glas Riesling oder einem kühlen Weizenbier fröhlich im Biergarten.

Eine Aversionstherapie bei Alkoholismus besteht in der Regel darin, Alkohol zusammen mit einem „Alkoholaversivum“ einzunehmen. Häufig wird hier der Arzneistoff „Disulfiram“ eingesetzt, auch bekannt unter dem Handelsnamen „Antabus“. Dieses Medikament ist bereits seit 1942 erhältlich und hemmt den Abbau von Alkohol im Körper, wodurch sich nach dem Trinken von etwas Alkoholischem schnell heftige körperliche Reaktionen bemerkbar machen: Übelkeit, Schmerzen, Herzrasen, Atemnot, usw. Je mehr Alkohol getrunken wird, desto heftiger werden die Symptome. Disulfiram gibt es sogar als Implantat, welches den Stoff ein ganzes Jahr lang an den Körper abgibt, und so die Wirkung dauerhaft aufrechterhält. Wenn man es genau nimmt, dann ist so eine Behandlung gar keine „Aversionstherapie“ im eigentlichen Sinn. Denn die würde ja darin bestehen, dass Sie durch Trinken von Alkohol und Erleben der dadurch ausgelösten Antabus-Symptome klassisch konditioniert werden, und eine Aversion gegen Geschmack, Geruch und den bloßen Gedanken an Alkohol entwickeln. Eine Behandlung mit Disulfiram kann man sich eher so vorstellen, dass Ihnen das Medikament eine Pistole an die Schläfe drückt und sagt: „Probier‘s gar nicht erst!“.

Wie Aversionstherapie bei Rauchern aussehen kann, zeigen Alltags-Anekdoten, die man manchmal zu hören bekommt. Da erzählen Leute, wie Sie als Jugendliche vom Vater beim Rauchen ihrer ersten Zigarette erwischt wurden. Anstatt, dass dieser nun schimpft und alle übrigen Zigaretten entsorgt, reicht er dem kleinen Sünder aus der Schachtel gleich die nächste und wartet ab, bis auch diese aufgeraucht wurde. Es folgt direkt die nächste und übernächste, die ebenfalls – oft unter Tränen und Übelkeit – auf Drängen des Vaters geraucht werden müssen. Am Ende dieser Geschichten wird dann üblicherweise weltmeisterlich gekotzt. Variation gibt es dahingehend, wie viele Zigaretten zu diesem Zeitpunkt noch in der Schachtel waren.

In der verhaltenstherapeutischen Praxis wurden im Lauf der Zeit viele verschiedene Techniken unter Einsatz diverser Aversiv-Stimuli getestet. Wissenschaftliche Studien darüber stammen meist aus den 60er oder 70er-Jahren. Das Vorgehen aus der Anekdote eben nennt sich „rapid smoking“, und wurde tatsächlich in den meisten Fällen als Therapie in der Praxis eingesetzt – dort natürlich mit ausdrücklicher Zustimmung durch den Patienten. Eine typische Aufgabe: einmal alle 6 Sekunden an der Fluppe ziehen, bis es einem so richtig schlecht geht. Manchmal bestand die Aufgabe auch darin, den Rauch so lange wie möglich im Mund zu behalten, und sich auf den widerlichen Geschmack und sonstige Negativ-Empfindungen zu konzentrieren. Vereinzelt wurde auch Silberacetat eingesetzt, das in Verbindung mit Tabakrauch einen unangenehm metallischen Geschmack im Mund erzeugt.

Eine ganz andere Art von Aversiv-Reiz wird bei der sogenannten „verdeckten Konditionierung“ verwendet: die eigene Fantasie. Bei dieser Methode stellen Sie sich während des Zugs an der Zigarette etwas überwältigend Unangenehmes vor: z.B. die widerlichste Kotz-Szene, die überhaupt denkbar ist. Falls Ihre Vorstellungskraft das benötigte Ekel-Niveau nicht produzieren kann, gibt es Hilfsmittel: die verhaltenstherapeutische Literatur hat hier entsprechende Textvorlagen im Angebot, nach denen Ihnen für Stunden der Appetit vergeht. Je unerträglicher die Fantasieszene, desto erfolgreicher die verdeckte Konditionierung – zumindest in der Theorie. Und wenn Sie die Zigarette wegwerfen, ändert sich natürlich die Szene in Ihrer Vorstellung: sie betreten eine paradiesische Welt, voller Glück und frischem Atem.

Die Satire-Website „der Postillion“ veröffentlichte mal einen Artikel mit dem Titel „7 Maßnahmen, die Menschen noch effizienter vom Rauchen abhalten als Schockbilder“, und schlug darin vor, jeder Zigarettenschachtel eine Scherz-Zigarette hinzuzufügen, die beim Anzünden mit lautem Knall explodiert. Auch wenn es durchaus interessant wäre, ob sich der landesweite Tabakkonsum durch diese Maßnahme verringern ließe, gibt es derzeit keine Pläne für die Einführung.

Zur Durchführung von Aversionstherapie braucht es im Grunde nur 2 Dinge: die Entscheidung, welches Verhalten sich ändern soll, und einen aversiven Reiz. Im Prinzip reicht ein starkes Gummiband am Handgelenk, mit dem Sie sich im passenden Moment einen schmerzhaften Schnalzer auf die Haut verpassen können. Wem das zu primitiv ist, der findet im Handel auch umschnallbare Elektroschocker, die für den gleichen Zweck konstruiert wurden. Das Gerät mit dem passenden Namen „Pavlok“ z.B. schockt Sie ganz modern per Smartphone-App. Den Auslöser betätigen müssen Sie jedoch selbst – oder aber Sie überlassen die Schmerz-Applikation einer vertrauenswürdigen Person.

Das selbstständige Zufügen von Schmerz-Reizen hat natürlich einen offensichtlichen Haken: es bedarf einer übermenschlichen Motivation, sich über einen langen Zeitraum absichtlich Unwohlsein zuzufügen. Man kann sich das kleine Teufelchen auf der Schulter bildlich vorstellen, wie es ins Ohr flüstert: „Ach komm, jetzt mach mal Pause! Der Tag war hart genug! Schock Dich morgen wieder weiter, aber nicht jetzt!“ Die Möglichkeit zum Selbstbetrug ist bei der do-it-yourself-Aversionstherapie ein nicht zu unterschätzender Knackpunkt.

Beim Nägelkauen wurden neben Elektroschocks auch bitter schmeckende Substanzen eingesetzt, mit denen die Finger bestrichen wurden. Eine Flüssigkeit namens „Thum“, welche unter anderem Azeton enthält, landete bereits 1976 auf den Fingern hartnäckiger Knabberer. Die Methode war kein großer Erfolg – oft wurde weitergekaut, weil viele sich an den ekligen Geschmack gewöhnten. Oder aber, weil die Leute einfach irgendwann aufhörten, sich die Ekel-Lackierung täglich auf die Nägel zu machen.

1972 war Aversionstherapie so aktuell, dass sogar Stanley Kubrick das Thema in seinem Film-Klassiker „A Clockwerk Orange“ aufgriff. Der Protagonist Alex wird im Verlauf des Films einer Prozedur unterzogen, die dort „Ludovico-Technik“ heißt. Per Konditionierung soll auf diese Weise eine Abneigung gegen aggressives Verhalten entstehen, und Alex dadurch zu einem friedlichen Bürger gemacht werden. Die „Therapie“ findet hier allerdings ohne Einwilligung durch den Patienten statt. Die Prozedur besteht im Film darin, dass sich Alex gewalttätige Videos ansehen muss, während er unter dem Einfluss einer Droge steht, die starke Übelkeit verursacht. Die Therapie führt zum erwünschten Ergebnis: nach der Behandlung bricht Alex schon beim Gedanken an Gewalt in sich zusammen. Es gibt allerdings auch eine unerwünschte Nebenwirkung: da die Ärzte während der Konditionierung Musik von Beethoven abspielen, wird diese ebenfalls zum Gegenstand der Aversion. Als nun konditionierter Stimulus lösen auch die Klänge fortan Übelkeit und Schmerzen aus. Im Film eine echte Tragödie, denn Alex vergöttert Beethoven.

Sie fragen sich sicher jetzt, ob so etwas wie in „A Clockwork Orange“ auch in der Realität zur Anwendung kam. In den 50er und 60er-Jahren wurden zumindest Versuche unternommen, Menschen mit Aversionstherapie zu „heilen“, deren sexuelle Orientierung als psychische Erkrankung galt. Bei Homosexualität bestand die Prozedur z.B. darin, dass ein Elektroschocker genau an derjenigen Stelle des Körpers angebracht wurde, wo sie es jetzt richtig vermuten. Als Reize wurden attraktive Männer gezeigt. Wehe, wenn Ihnen einer davon gefiel: der „penile Plethysmograph“ – umgangssprachlich könnte man auch von einem „Eregometer“ sprechen – registrierte entsprechende Anschwellungen, wodurch unmittelbar ein elektrischer Schock ausgelöst wurde. Dass schwule Männer die Konditionierungseinrichtung anschließend heterosexuell verließen, darf bezweifelt werden.

Aversionstherapie spielt in der gegenwärtigen Verhaltenstherapie nur noch eine sehr geringe Rolle. Sie werden bei der Sichtung von Homepages niedergelassener Psychotherapeuten nur schwer jemanden finden, der diese Form der Therapie anbietet. Auf Suchtstationen oder in Ambulanzen psychiatrischer Kliniken sieht das anders aus – hier stoßen Sie hin und wieder auf Angebote für Alkohol-Aversionstherapie mit Disulfiram.

Ist Aversionstherapie nun eine gute Methode zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit? Eine Antwort auf solche Fragen geben die „S3-Leitlinien“, das sind die offiziellen Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften AWMF. Die Leitlinien empfehlen Aversionstherapie mit Disulfiram bei Alkoholabhängigkeit nur als allerletzte Option. Wenn jede sonstige Therapie versagt hat, dann könne man es mal versuchen. Grund für diese eher negative Bewertung ist einerseits, dass die in Studien geprüfte Evidenz für die Wirksamkeit als „sehr schwach“ bewertet wird. Weiterhin ist das Medikament seit 2013 in Deutschland nicht mehr zugelassen, und kann nur noch aus dem Ausland bezogen werden. Daraus ergeben sich Nachteile, wie eine fehlende Kostenübernahme durch die Krankenkassen.

Zur Anwendung von Aversionstherapie bei Nikotinabhängigkeit lautet das Urteil der S3-Leitlinien folgendermaßen:

„Die Studien zur Wirksamkeit von Aversionstherapien als Monotherapie sind veraltet, die Wirksamkeit ist fraglich, es bestehen potentielle Risiken. Aversionstherapien sollten nicht angeboten werden.“

Die letzte Studie zur Wirksamkeit war bei der Erstellung der Leitlinie schon fast 10 Jahre alt und stammte aus dem Jahr 2006. In dieser Studie war der Einsatz des Verfahrens erfolglos. Das bedeutet: die Raucher haben trotz allem letztlich weitergequalmt.

Eines der grundsätzlichen Probleme von Aversionstherapie ist es, dass der aversive Reiz unter Umständen lebenslang mit dem unerwünschten Verhalten gekoppelt bleiben muss. Ansonsten ist es nicht allzu unwahrscheinlich, dass der so mühsam gebändigte Tiger irgendwann wieder aus seinem Käfig ausbricht.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Hinter den Klima-Alarmisten steht die Staatsmacht

Ich meine, die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, was in dieser Republik geschieht. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist dieser Anspruch nichts Besonderes, sondern Normalität.

Die Reihe der Straftaten, die in dieses Muster passen, ist mittlerweile lang

Der brutale Totschlag mitten in Augsburg hat nun die bundesweiten Medien erreicht. Leider wird wie so oft das Problem weitgehend ausgeklammert: Es gibt Gewalt mit Migrationshintergrund.

Die SPD regiert an der Wirklichkeit vorbei

Die Welt um uns herum verändert sich mit einem rasanten Tempo. Und wenn Sie vor diesem Hintergrund beobachten, was die Sozialdemokraten seit mehreren Monaten und jetzt beim Parteitag in Berlin tun, dann stellen Sie sich doch die Frage: leben die eigentlich noch in der Wirklichkeit dessen, was zur Z

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Mobile Sliding Menu