England wird sich von der weltweiten Entwicklung nicht entkoppeln können. Harald Christ

Willkommen in der Weltbotschaft

Der technologische Fortschritt macht uns alle zu Diplomaten. Dass wir nicht dieselbe Sprache sprechen, wird uns nicht mehr behindern.

Auch im 22. Jahrhundert wird es Botschafter geben. Auch im 22. Jahrhundert werden sie sich in Räumen voller Flaggen treffen und eingespielten formalen Abläufen folgen. So geht es seit Jahrhunderten schon. Es gibt Konstanten.

Auf ihren Kern reduziert ist Diplomatie nichts weiter als eine Unterhaltung zwischen Anführern. Sie ist hoch ritualisiert, und doch ist die 
Beziehung zwischen den Individuen wichtig. Menschen ziehen es nun einmal vor, sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzusitzen, wenn sie folgenreiche Entscheidungen treffen. Seit der erste Staat den ersten Diplomaten entsandte, hat sich daran nichts geändert. Das wird so bleiben.

Doch diese lange gepflegte Praxis vollzieht sich natürlich nicht im luftleeren Raum. Die sozialen und politischen Kräfte, die den diplomatischen Prozess formen, wandeln sich in den kommenden Dekaden dramatisch. Und auch der Fortschritt in der Informations- und Kommunikationstechnologie wird weitreichende Folgen haben.

Schon heute sind Zeit und Raum kaum mehr ein Hindernis, wenn viele Menschen interagieren möchten. Diplomatie ist in der Zukunft deshalb nicht länger auf offizielle Regierungsvertreter begrenzt. Im 20. Jahrhundert wurde die unmittelbare Diplomatie zwischen Regierungen durch eine internationale Mediendiplomatie ergänzt. Im 21. Jahrhundert erleben wir die Entstehung einer Diplomatie, die vom Volk über das Internet an die Regierung gerichtet ist.

Wissen wird universell zugänglich

Im 22. Jahrhundert wird dieser Prozess gereift sein: Eine weltweite Netzwerk-Diplomatie entsteht, die Regierungen einfach umgeht, wenn diese nicht den Erwartungen der Bevölkerungen entsprechen. Viele Staaten werden ihre Regierungsprozesse freiwillig öffnen, mehr Transparenz schaffen und Partizipation erleichtern. Und manche Tür wird schlichtweg eingetreten, sei es durch leaks oder whistle blower.

Es wird in der Welt keine ruhige Ecke mehr geben. Die digitale Vernetzung wird allgegenwärtig sein. Jedes Ereignis von internationaler Bedeutung wird aufgezeichnet werden und unmittelbar in globalen Informationsnetzwerken abrufbar sein. Die Öffentlichkeit wird deshalb von ihrer Regierung fordern, an jeder Reaktion auf solche Ereignisse beteiligt zu sein. Jeder diplomatische Schritt wird mit Argusaugen betrachtet werden. Ein Vorteil, weil sich diplomatische Prozesse dadurch beschleunigen. Ein Nachteil, weil jedes noch so kleine Partikularinteresse in jede Entscheidung einfließen kann. Gut organisierte Minderheiten werden der öffentlichen Diplomatie ihren Stempel aufzudrücken wissen.

Die ganze Welt wird reden

Auch technologischer Fortschritt bei Übersetzungen wird die Spielregeln der internationalen Beziehungen nachhaltig ändern. Alle Inhalte und Dienste im globalen Informationsnetz werden augenblicklich in allen Sprachen verfügbar sein. Wissen wird universell zugänglich und die Grenzen des interkulturellen Diskurses werden überwunden. Soziale 
Bewegungen und politische Interessenverbände agieren länderübergreifend. Internationale Organisationen ermöglichen unmittelbare Diskussionen zwischen Menschen auf der ganzen Welt. Genf, New York, Brüssel – zwischen all diesen diplomatischen Hochburgen werden neben den klassischen Treffen in Konferenzsälen und Cocktailbars virtuelle diplomatische Communitys pulsieren.

Allerdings wird der Einfluss von Informationsnetzwerken auf die Politik nicht ohne Widerstand vonstatten gehen. Zensur, Überwachung und Verfolgung werden in der digitalen Welt mehr und mehr zur Regel. Regierungen werden versuchen, ihre Kontrolle zu behalten oder wiederherzustellen. Manche Länder reagieren gar mit völliger Abschottung auf die Bedrohung ihrer Autorität. Die Normierung und Verwaltung der Informationsnetzwerke selbst wird zum internationalen Politikum. Zu viel Geld steht hinter diesen Netzwerken und zu politisch volatil sind sie.

Die Transporttechnologie wird die Diplomatie ebenfalls nachhaltig verändern. Es wird noch billiger und leichter sein, die Welt zu bereisen. Globale
 Migration ist bereits heute ein bedeutender Unruheherd in den internationalen Beziehungen, und dieser Trend setzt sich fort. Krieg, Klimawandel, Wasserknappheit und die sich ändernde Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen werden mehr Menschen in Bewegung setzen als je zuvor. Diplomatische Einrichtungen müssen mit diesen Veränderungen umgehen und vielfach über Einwanderung, Abschiebung oder Grenzkontrollen entscheiden.

Trotz aller Veränderungen, die das nächste Jahrhundert bringt: Das Wesen der Außenpolitik bleibt gleich. Entscheidungen, die die globale Politik bestimmen, werden von Menschen gemacht. Egal, ob sie Entscheider in Regierung, Industrie oder Zivilgesellschaft sind: Die Menschen werden nicht damit aufhören, sich zusammenzusetzen, Brot zu brechen und zu reden. In der Zukunft wird nicht nur die Diplomatie international eine Stimme haben. Die ganze Welt wird reden. Mit der Diplomatie, über sie und an ihr vorbei.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jakob von Uexküll, George Friedman, Michael Hardt.

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