Jenseitsvorstellungen der Weltreligionen

Beatrice Bischof15.11.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Vor was haben wir Angst? Wir sollten die härtesten Fragen stellen dürfen und religiöse Menschen sollten ehrliche Antworten geben. Wenn es einen Gott gibt ist eine Sache sicher: Er machte uns zu denkenden Menschen. Solange wir freundlich zueinander sind, sollten wir zu einer offenen Diskussion in der Lage sein? So denkt beatrice Bischof in einem Interview mit Anselm Bilgri.

  1. Was ist eine (Welt)-Religion?

Weltreligion ist eine Religion, die sich theoretisch auf allen Kontinenten der Erde finden lässt und nicht auf eine Nation, einen Stamm, eine Volksgruppe beschränkt. Eine Weltreligion hat auch den Anspruch, ein religiöses Angebot für alle Menschen dieser Erde zu bieten.

 

  1. Warum glauben wir?

Religion ist ein Ergebnis der kulturellen Evolution. Sie hilft, mit der Kontingenz des Lebens fertigzuwerden, indem sie für Erscheinungen, die rational nicht erklärt werden können, Erklärungen bietet. Sie ermöglicht auch Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort über das Leben darstellt. Das Leben geht, wenn auch in veränderter Weise weiter: „Deinen Gläubigen o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen..“ (katholische Totenliturgie)

 

  1. „Wenn der Mensch unsterblich wäre, hätte er wahrscheinlich keine Religion“?

Dann wäre keine Religion entstanden, die über das Weiterleben nach dem Tod Hoffnung gibt. Es bleiben aber die anderen Rätsel dieser Welt: Warum gibt es sie überhaupt? Was ist das Leben? Was ist der Sinn hinter dem Ganzen? Diese Frage kann auch die Wissenschaft nicht beantworten.

 

  1. Warum sind wir auf der Welt?

Der katholische Schulkatechismus von 1956 gibt auf diese Frage die knappe Antwort: „Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.“ Diese Antwort ist sehr auf das Jenseits konzentriert. Heute würde man auf alle Fälle vorausschicken, dass es darum geht, hier auf Erden ein sinnvolles Leben im Einklang mit sich, den Mitmenschen und der Umwelt zu führen

 

  1. Einige Religionen fordern auf die Welt zu verändern, andere die Welt abzustreifen?

Es geht um beides: Eine gewisse geistige und Distanz einzuhalten, um auch immer wieder über den Sinn des Lebens und seine Gestaltung nachzudenken ohne sich im Oberflächlichen zu verlieren. Aufgrund dieser Haltung ergeben sich Notwendigkeiten, das Verhalten der Menschen zu verändern. Die Welt, wie sie ist können wir nicht verändern, sondern nur uns selbst.

 

  1. Was geschieht nach dem Tod mit uns?

Wir gehen ein in den Bereich Gottes, das Jenseits. Dieses gliedert sich nach traditioneller katholischer Auffassung in drei Bereiche: Himmel, Hölle und Fegfeuer.

Die Lehre über das Jenseits heißt theologisch Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen. Klassische sind dies die vier: Gericht, Himmel, Hölle und Fegfeuer.

 

  1. Wie sieht das letztliche Ziel am Ende unseres Weges auf den Berg hinauf aus: Himmel, Jüngstes Gericht, Leben nach dem Tod, Wiedergeburt, Reinkarnation, Erlösung, Erkenntnis?

Das Ziel ist der Himmel, d.h. das Eingehen in Gottes Gegenwart. Ob dies möglich ist, wird bei einem Gericht festgestellt. Kriterien der Gerichtsentscheidung sind gemäß Evangelium unser Verhalten zu unseren Mitmenschen. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Als Möglichkeit des Scheiterns vor diesen Gerichtsfragen wird die Hölle geschildert, die ewige Gottferne. Ein Mittleres ist der Ort der Reinigung, sozusagen ein Wartesaal für den Himmel für diejenigen, die ein mittelmäßiges Leben geführt haben. Eine theologisch diskutierte Möglichkeit ist die “Erlösung von allem” am Ende aller Zeiten, also auch die Aufhebung der Hölle. Es gibt auch die These, die Hölle sei nur das Aufzeigen der Konsequenzen eines gottfernen und menschenverachtenden Lebens: Es gibt sie, aber ob jemand drin ist, wird nicht behauptet. Die katholische Sonderlehre vom “limbus infantium”, dem Sonderort für verstorbene ungetaufte und unschuldige Kinder wurde vor einigen Jahren ad acta gelegt.

 

  1. Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Der Hauptunterschied zu fernöstlichen Konzepten dürfte die Linearität des christlichen Entwurfes sein. Es gibt nur ein einmaliges Leben und keinen Kreislauf der Wiederkehr. Auch kennt man dort keinen Strafort. Die Bestrafung liegt im erneuten Durchlauf des Lebens. Das endgültige Eingehen in das Nirwana entspricht vielleicht unserer Himmelsvorstellung, dem Eingehen in Gottes ewige Gegenwart.

 

  1. Wie ist die Stellung der Frau in der Religion und auch ihre Rolle im Jenseits?

Im Christentum sind Mann und Frau (und Divers!) gleich in ihrer Würde. Die katholische Kirche tut sich schwer bei der Gleichstellung in den Weihegraden der kirchlichen Führungspositionen. Aber im Jenseits spielen diese keine Rolle mehr.

 

  1. Der Erlösungsweg ist unterschiedlich, doch er verleiht jeder Religion ein nicht unwesentliches Macht-und Verfügungspotential?

Religion hat Macht über die “Seelen”. Wenn der Zugang zum Jenseits nur durch das Wirken von Religionsfunktionären ermöglicht wird, ist dies sehr spürbar. Das wurde und wird oft von Kirchenvertretern ausgenützt, im katholischen Bereich z.B. im Beichtstuhl oder wie jüngst erfahren im Missbrauchs Skandal. Die Menschen im Westen akzeptieren dieses Machtpotential immer weniger.

 

  1. Warum der Dialog zwischen den Religionen notwendig ist?

Religionen und die von ihnen geprägten Kulturen sind unterschiedlich. Viele Menschen orientieren sich an ihren Werten und Weisungen. Dialog ermöglicht ein tolerantes Verständnis des anderen ohne dessen Standpunkt übernehmen zu müssen. Man kann auch voneinander lernen und das Gute beim anderen sehen.

Vor was haben wir also Angst? Wir sollten die härtesten Fragen stellen dürfen und religiöse Menschen sollten ehrliche Antworten geben. Wenn es einen Gott gibt ist eine Sache sicher: Er machte uns zu denkenden Menschen. Solange wir freundlich zueinander sind, sollten wir zu einer offenen Diskussion in der Lage sein?

Ich finde es wahnsinnig interessant, die Jenseitsvorstellungen anderer Religionen kennenzulernen. Es zeigt andere Entwürfe und relativiert eigene Absolutsetzungen. Religion ist entstanden, um den Menschen bei der Bewältigung des Lebens zu helfen und nicht, um es zu erschweren. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten. Der moderne autonome Mensch wendet sich einfach ab, wenn er diesen Nutzen nicht mehr verspürt.

 

 

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