Wird Facebook mit Libra zum eigenen Staat?

Beatrice Bischof10.08.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Derzeit heiß diskutiert: der Vorstoß von Technologie-Gigant Marc Zuckerberg sein Social Media Imperium um eine eigene Währung zu erweitern. Wird Facebook nun zu einem eigenen Staat fragt gar Simon Hurtz von der Süddeutschen?

Zusammen mit zwei anderen Neuerungen in „seinem Imperium“ wie den Plänen für ein eigenes Expertengremium für strittige Fragen, einer Art Verfassungsgericht, und dem Bericht einer Arbeitsgruppe zum Schutz der Grundrechte sieht es fast so aus. Langfristig könnte die Libra das gesamte Geldsystem auf den Kopf stellen, spekulieren amerikanische Wissenschaftler bereits. Doch geht es überhaupt um Zuckerberg und sein Imperium? Springt er nicht nur auf einen bereits fahrenden Zug auf? In die Welt des Web 3.0, in der die Blockchain-Technologie und die Krypto-Ökonomie den Ton angeben und ganz neue Strukturen schaffen?

Gehen wir aber der Reihe nach vor. Die neue Kryptowährung aus dem Hause Facebook soll Libra heißen, Libra wie Waage oder Libra wie das englische Pfund Gewicht und Währung oder Libra wie Freiheit. Alle Bezüge machen Sinn. Es geht also um eine freie Währung mit Gewicht. Stimmt. Es sind, was diese Kryptowährung von den anderen maßgeblich unterscheidet, reale Werte hinterlegt. Die Investitionen der Mitglieder fließen in eine Wertreserve. Die Libra wird einen konkreten Wert in Form von Geldeinlagen und Staatsanleihen haben. Sie ist an einen Korb stabiler Währungen gebunden. Es wird einen festen Wechselkurs geben.

Ist die Libra eine freie Währung? Formal ist eine Währung oder Währungseinheit im weiteren Sinne laut Definition die Verfassung und Ordnung des gesamten Geldwesens eines Staates, das betrifft die Festlegung des Münz-und Notensystems innerhalb eines Währungsraums. Sie ermöglicht den Transfer von Waren-und Dienstleistungen, ohne eine Gegenleistung in Form von Waren und Dienstleistungen. Also ohne Tauschhandel. Sie ist auch eine vom Staat anerkannte Geldart. Die meisten Währungen werden an den internationalen Devisenmärkten gehandelt. Ihr Preis ist der Wechselkurs. Dabei übt der Finanzminister oder die staatliche Zentralbank Kontrolle über die Währungspolitik aus. Herausgeber und Hersteller der Währung ist die Zentralbank. Sie besitzt ein großes Maß an Autonomie gegenüber dem Staat. Wird die Währung weltweit gehandelt oder ist tauschbar spricht man von Konvertibilität.  Währungspolitik sind alle Maßnahmen zur Gestaltung des inneren und äußeren Geldwertes, nach außen die Gestaltung der Währungsbeziehungen mit dem Ausland und die Sicherung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts, nach innen in Form von Geldpolitik die Erhaltung der Preisstabilität, Senkung der Transaktionskosten, Erreichen einer hohen internationalen Wettbewerbsfähigkeit, einer hohen inländischen Kaufkraft, des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts. Feste Wechselkurse dienen dabei die eigene Währung stabil zu halten durch etwa die nationale Bindung an den Dollar/Euro. Wechselkurse sind ein wichtiger Kalkulationsfaktor für den Handel und Kapitalverkehr mit dem Ausland. Der Nachteil fester Wechselkurse, eine eigenständige nationale Geldpolitik ist kaum zu verfolgen. Die meisten Währungen haben daher heute flexible Wechselkurse, geschuldet dem Prinzip Angebot und Nachfrage. Sie reduzieren aber wieder die Planungs-und Kalkulationssicherheit.

Das Münzprägerecht war immer ein Privileg. Handelserleichterung und Machtkonzentration zwei wichtige Interessen verstärkten die Tendenz zu nationalen Einheitswährungen. Doch Staaten verwendeten die Währung zur Kriegsfinanzierung und konnten sie erweitern oder beschränken (Goldstandard im zweiten Weltkrieg). Damit stieg das Risiko der Inflation. Die Gründung des Internationalen Währungsfonds sollte die Stabilität des internationalen Währungssystems fördern. Er überwachte die die festgelegten Wechselkurse. Das Bretton Woods System, mit dem Dollar als Ankerwährung mit dem Eintauschrecht in Gold zu einem festen Wechselkurs wurde in den 70er Jahren aufgegeben. Es hielt nur so lange als die Staaten bereit waren hohe Dollar Reserven zu halten ohne sie einzutauschen. Das Festhalten an festen Wechselkursen wurde mit der Zeit schwieriger, da internationale Kapitalbewegungen durch neue Entwicklungen auf dem Gebiet der EDV Technik und der Telekommunikation schneller und leichter von statten gingen. Die Kontrolle gestaltete sich schwieriger. Die Wechselkurse wurden flexibler. Dadurch aber waren sie anfälliger auf Instabilität (Ölpreisschock, etc.) das ergab Leistungsbilanzüberschüsse. Dagegen wurde das Europäische Währungssystem gegründet, das stabile Wechselkurse auf Basis der Stufenflexibilität anstrebte. In Folge des Beschlusses der europäischen Staats-und Regierungschefs in Den Haag 1969 wurde die Europäische Gemeinschaft schrittweise zu einer Wirtschafts- und Währungsunion ausgebaut. Das gipfelte in der Einführung des Euro als Einheitswährung am 1. Januar 1999, vollzogen im Vertrag von Maastrich und der Aufnahme der Arbeit der Europäischen Zentralbank 1998. Historisch waren Währungsunionen bei gleichzeitiger Bildung eines Einheitsstaates erfolgreich, während sie andernfalls zerfielen (Währungsunion und Reichsgründung 1871, Währungsunion BRD DDR Mitte der 1990er Jahre). Als freie Währungen gelten ungebundene Währungen wie der Dollar und der Euro. Es ist theoretisch beliebig vermehrbares Geld wobei die Geldmenge heute von dem Zusammenspiel staatlicher Zentralbanken und privater Geschäftsbanken gesteuert wird.  So Wikipedia. Wenn wir die Geschichte verfolgen, sehen wir einen Zusammenhang zwischen technischen Fortschritt und Handelserleichterungen. Sie bringen aber wieder ein gewisses Maß an Instabilität mit sich, die durch Zusammenschlüsse zunächst im Währungs- und dann aber auch im politischen Sinne ausgeglichen werden.

Auf die Libra bezogen heißt das nun: Der Staat und die Zentralbank fallen weg. Herausgeber ist ein gemeinnütziger Verein, die Libra Association hinter dem ein Firmenkonsortium namhafter Firmen (u.a. eBay, Mastercard, Visa) aber auch gemeinnützige Vereine stehen. Die Kontrolle über die neue Währung obliegt also einem Konsortium. Es gibt keine Gewaltenteilung aber eine konsortiale Verwaltung. Ihr Zweck ist dem Libra Whitepaper zu Folge die Koordination und Bereitstellung eines Fundaments für die Steuerung des Netzwerks und der Reserve, die Gewährung von Fördergeldern, die aber der finanziellen Eingliederung dienen. Technisch gesehen besteht die Mitgliedschaft aus einem Netzwerk der Validator Nods, die die Blockchain betreiben. Die Validatoren setzen ihre Beteiligung an der Digitalwährung als Garantie für die Gültigkeit der bestätigten Transaktionen ein. Die Mitglieder der Libra Association wechseln sich gegenseitig mit dem Validieren von Transaktionen ab, verlassen sich aufeinander, stehen nicht im Wettbewerb. Über die Libra Association werden die Validator Nodes entsprechend technischer Roadmaps und Entwicklungsziele des Netzwerks ausgerichtet. Alle Entscheidungen werden vom Rat der Libra Association getroffen, bedeutende Entscheidungen mit einer 2/3 Mehrheit. Der Kritikpunkt ist hier allerdings, dass Regulatoren Druck ausüben könnten. Die Aufnahmegebühr von 10 Millionen US-Dollar macht es zudem privaten Nutzern unmöglich an der Entwicklung des Libra mitzuwirken. Neue Münzen werden nur erstellt, wenn autorisierte Wiederverkäufer sie mit genügend Zahlungsmittel von der Association gekauft haben, um die neuen Münzen vollständig zu stützen. Vernichtet werden Münzen nur, wenn die autorisierten Wiederverkäufer diese an die Association gegen die stützenden Wertanlagen verkaufen. Die Libra Reserve fungiert als Käufer letzter Instanz. Das bedeutet insgesamt aus dem Währungsgeschäft soll kein Gewinn gemacht werden. Die feste Bindung, die festen Wechselkurse sollen darauf hindeuten, dass auch keine Geldpolitik gemacht werden soll. Der Libra soll stabil sein. Vorerst. Eine Veränderung der Verhältnisse ergibt sich dann erst mit der offenen Blockchain-Technologie in fünf Jahren. Wie schon in der Vergangenheit wird dann auch die Technik auf die Währung einen Einfluss haben.  Sie kann dann wieder flexibler aber auch instabiler werden.

Im Hinblick auf die Währung und Reserve betont auch das Libra Whitepaper die Stabilität, geringe Inflationsrate, starke weltweite Akzeptanz und Fungibilität. Es betont die Stützung durch die Reserve realer Vermögenswerte und die Unterstützung durch ein wettbewerbsfähiges Börsennetzwerk, das die Libra an und verkauft. Libra Besitzer können demnach „in einem hohen Maße“ sicher sein, dass sie ihre digitale Währung zu einem Wechselkurs in ein lokales Zahlungsmittel umtauschen können. Wobei der Tausch in einzelne Währungen schwanken kann. Doch sind die Bestandteile der Reserve so ausgewählt, dass die Volatilität minimiert wird. Die Vermögenswerte darin werden durch ein geografisch verteiltes Netzwerk an Verwaltern mit „Investment Grade“, Bonitätsbewertung verwahrt, um Sicherheit und Dezentralisierung der Vermögenswerte zu gewährleisten.

Vertrauen und Akzeptanz spielen die Hauptrolle. „Libra ist unmittelbar, sicher und kostengünstig“ so das Whitepaper. Die Ansiedlung des Projekts in der neutralen Schweiz ist auch diesem Ziel geschuldet, hohe Rechtssicherheit und Datenschutzregelungen für IT Unternehmen machen sie zu einem geschätzten Standort. Da die Währung zur Wertaufbewahrung in Schwellen-und Entwicklungsländern attraktiv ist und die an der Association beteiligten gemeinnützigen Unternehmen auch die Vergabe von Mikrokrediten in Entwicklungsländer organisieren, spielt die Nähe zu internationalen Organisationen dort eine Rolle. Die Schweiz hat sich auch ihrerseits mit dem Kanton Zug, der sich als „Crypto-Valley“ etabliert hat, in diese Richtung positioniert. Dazu gehört auch, dass die Libra vor der Einführung die breiteste, ausführlichste und vorsichtige Aufsicht und Überprüfung durch Regulatoren und Zentralbanken in der Geschichte von Fintech durchlaufen wird. Der Libra Verein wird sich lizensieren, regulieren und beaufsichtigen lassen: durch die schweizerische Finanzmarktaufsicht (Finma) und wird sich auch bei der amerikanischen FinCEN als Gelddienstleister registrieren. Die Transparenz des gewählten Ansatzes kann ein riesiger Vorteil sein.

Kritik hagelt es aber bereits schon jetzt von den verschiedenen Gouverneuren der staatlichen Notenbanken. Regulatorische und aufsichtsrechtliche Fragen stehen im Mittelpunkt. Bedenken hinsichtlich des Missbrauchs virtueller Währungen durch Geldwäsche, Terrorismusfinanzierer u.a. Kriminelle. Die Privatsphäre der Nutzer, Konsumentenschutz und die Stabilität der Finanzwelt sind weitere Punkte. Der stellvertretende Direktor der chinesischen Zentralbank Mu Changchun warnt vor den Auswirkungen auf die Geldpolitik und das Wechselkursrisiko in armen Ländern. Er zweifelt an der Stabilität und dem Datenschutz. Zusammengefasst: Es werden Verwerfungen im Finanzsystem befürchtet.

Die Rolle von Facebook? Facebook Teams haben in Zusammenarbeit mit anderen Gründungsmitgliedern elementare Aufgaben bei der Gestaltung der Libra Association und der Libra Blockchain übernommen. Auch, wenn der Organisation die finalen Entscheidungen obliegen, wird Facebook im Verlauf des Jahres 2019 eine Führungsrolle behalten. So das Whitepaper. Dazu hat Facebook ein Tochterunternehmen mit dem Namen Calibra gegründet, das die Dienstleistungen im Libra Netzwerk aufbauen und betreiben soll. Sobald das Netzwerk gestartet ist, will Facebook und seine Unternehmen aber nur ein Mitglied unter vielen sein, mit den selben Pflichten und Privilegien.

Wir sehen also, ja es ist Facebook, das maßgeblich die Führung hat. In der Übergangsphase oder wie wird das? Geht der Zug Richtung Währungseinheit, Facebook-coin und Machtkonzentration nie dagewesenen Ausmaßes hin zu einer politischen Machtkonzentration „Staatsgründung“? Oder treibt die Technologie, die das ganze vorantreibt die Sache in eine ganz andere Richtung?

Für die Krypto-Ökonomin (Verschränkung von spieltheoretischen Modellen mit Kryptographien) Shermin Voshmgir mit Lehrstuhl an der Uni Wien bedeutet der Einstieg von Facebook Gigant Zuckerberg in die Blockchain Technologie mit der Erschaffung der Libra den Start des Web 3.0.

Was bedeutet das? Mit der Blockchain-Technologie wird ein kryptographisches Verfahren auf die Wirtschaft angewendet. Menschen, die sich nicht kennen und nicht vertrauen verwalten gemeinsam Wirtschaft. Und das über ein Blockchain-Netzwerk von Computern. Peer-to-peer von Computer zu Computer, dezentral. Diese Transaktion wird mit Token belohnt. Token sind ein Anreizsystem das aus Technik und wirtschaftlichen Anreizen besteht. Die Spielregeln sind in einem Protokoll erfasst. Es funktioniert wie umgekehrte Spieltheorie. Vertrauen, das üblicherweise im Wirtschaftsverkehr durch juristische Verträge generiert wird, erzeugt die Blockchain über ein Anreizsystem, das Manipulation so teuer macht, dass sie sich nicht lohnt. Seit dem Bitcoin ist die Blockchain als Technologie nicht mehr von der Kryptowährung zu trennen. Mit Ezerion auch die Smart Contracts nicht. Sie haben mehr Ähnlichkeit mit Nationalstaaten. Der digitale Mechanismus verändert sich dauernd. Es handelt sich hierbei um die Verschränkung von Krypto-Ökonomie mit der Blockchainstruktur, Web 3.0, als Infrastruktur und der Anwendung von Tokens, digitalen Zugangsrechten.

Der Libra Token ist ein „stable token“, das heißt das Netzwerk ist geschlossen und hat kein Sicherheitssystem wie die öffentliche Blockchain. Es sind Werte hinterlegt. Die Institutionen, die die Infos verwalten sind bekannt. Sie sind damit schneller und brauchen keine Überprüfung („proof of coin“). Sie haben Verträge, kennen sich. Daher der Kritikpunkt der Libra beruhe nicht auf einer echten Blockchain-Technologie. Es wird auch ein „digital Wallet“ (elektronische Geldbörse) zur Verfügung gestellt (via App oder Browserfenster). Die Identifikation erfolgt als Besitzer des Tokens mittels eines „public private keys“ direkt über das Netzwerk. Und hier kommen wir zum Dreh-und Angelpunkt in der Bewertung. Es ist nicht mehr der Datenverkauf, der in der Blockchainwelt von Wert ist sondern das Transferieren von Identitäten. Facebook ist heute schon „identity provider“. Man kann sich über Facebook bei anderen einloggen. Facebook verwaltet die Daten über das Login, die E-Mail Adresse, die Telefonnummer. Früher wurde der Identitätsnachweis über lokale Behörden erstellt. Heute genügt die Minimalidentifizierung, um in die Finanzwelt einzusteigen. Und hier setzt der soziale Nutzen ein, Menschen die nie ein Bankkonto besessen haben, bekommen plötzlich Zugang zu einem Wallet. Das Libra Whitepaper gibt als Ziel die Entwicklung und Förderung eines offenen Identitätsstandards an. Das entspricht der Vision der Silicon Valley Elite: die vollständige Digitalisierung der sozialen Erfahrung und Zuckerbergs Mantra „to make the world a better place“.  Ein dezentraler und portabler (über das Smartphone) digitaler Identitätsnachweis ist die Voraussetzung für finanzielle Inklusion und Wettbewerb. Das Revolutionäre daran: Millionen Menschen wären plötzlich Teil einer Finanzrevolution, die in ihrer Bedeutung vergleichbar mit der Zugänglichkeit des World Wide Webs für alle ist. Man braucht für die Bezahlung mit Libra kein eigenes Konto, 1, 7 Milliarden Menschen weltweit haben keines. Es gibt keine Unterschiede nach Schufa Eintrag, Alter, Herkunft, u.w.s. vor der Libra Association sind alle gleich und dürfen am Welthandel teilnehmen. Damit entsteht das Web 3.0. Facebook schafft mit Libra ein Zahlnetzwerk, ein Buchhaltungssystem für die digitale Welt. Es ist ein Konsortialnetzwerk. Die Tokens sind eine „Killeranwendung“ wie Prof. Voshmgir sie nennt. Jeder kann damit sein eigenes Netzwerk steuern, „traditional ownership“ verwalten (Imobilien-Tokens, Kunsthandel-Tokens etc.). Seit zwei Jahren gibt es  „attention tokens“, man verdient mit seinen Likes Geld auf Steemit. Smart Contracts erzeugen digitale Werte mit wenig Programmieraufwand und wenig Kosten. Mit Tokens lassen sich jede Art von Werten und digitalen Zugangsrechten erwerben.

Der internationale Zahlungsverkehr über Libra wird also schnell und günstig im Gegensatz zu den herkömmlichen Zahlungsmethoden. Der Umgang mit Geld wird so einfach gemacht wie das Verschicken einer SMS. Man benötigt nur ein günstiges Smartphone. Im Geld und Finanzbereich ist noch vieles umständlich, teuer und dauert lange. Ist die Zahlungsmethode neu? Schnelligkeit und leichtere Handhabung durch Technik haben schon einmal die Bedingungen am Währungsmarkt beeinflusst und die festen Wechselkurse zu Fall gebracht. Außerdem haben die Chinesen seit Jahren schon Wechat. Doch hier gibt der Server im Hintergrund Einblick auf den Zahlungsverkehr. Es gibt keinen kryptographischen Token. Im Hintergrund wird weiterhin über Kreditkarten und Banken abgerechnet. Das ergibt keine Datensicherheit, wird hier nicht toleriert.

Ist die Libra frei? Nein, wie wir bereits gehört haben, handelt es sich hier in der Anfangsphase um ein geschlossenes System. Es ist eine genehmigungspflichtige Blockchain. Es muss laut Libra Whitepaper eine Genehmigung erteilt werden, um eine Validator Node zu betreiben. Im Verlauf soll sich das dann ändern. Jeder kann eine Validator Node betreiben, der die technischen Voraussetzungen erfüllt. Aufgabe der Organisation ist es durch Analyse und Implementierung diese Umstellung in Zusammenarbeit mit der Community zu betreiben. Sie soll innerhalb von fünf Jahren erfolgen. Die Blockchain soll dann für alle offen sein. Jeder Endkunde, Entwickler und jedes Unternehmen kann das Libra Netzwerk nutzen, Produkte dafür entwickeln und in seinen Dienstleistungen davon profitieren. Durch offenen Zugang werden Innovationen und geringe Zugangsbeschränkungen gewährleistet, gesunder Wettbewerb gefördert, wovon der Verbraucher profitiert. Das Ziel ist eine inklusivere Finanzoption für die ganze Welt zu schaffen. Hier greift die Vision eines lebhaften Ökosystems. Drei Anforderungen gibt es: die Skalierbarkeit auf Milliarden Konten, hohe Sicherheit, und Flexibilität, um die Steuerung der Libra sowie künftige Innovationen bei Finanzdienstleistern zu ermöglichen. Ein interessanter Satz fällt dann aber doch in dem Whitepaper: In der Libra Blockchain sind Pseudonyme möglich. Nutzer können eine oder mehrere Adressen verwenden, die nicht mit ihrer Offline-Identität in Verbindung stehen. Hinzugefügt wird hier: Mit diesem Ansatz sind viele Nutzer, Entwickler und Regierungsbehörden vertraut. Der Kritikpunkt Geldwäsche dürfte einen hier ins Auge stechen.

Was bedeutet das alles für Facebook? Machtzuwachs oder gar Machtverlust? Um was geht es Zuckerberg? Er  hat seine eignen Interessen. Facebook muss überleben. Der Datenverkauf alleine hält es in der Blockchainwelt nicht am Leben. Doch es gibt zwei Milliarden Menschen ohne Internetzugang, Immigranten etc. die Geldtransaktionsgebühren sind im Allgemeinen hoch. Facebook hat keine bis niedrige Transaktionsgebühren angekündigt. Ob dieses Versprechen gehalten werden kann ist fraglich. Wenn Facebook über Libra einen „Reputations-Button“ einfügt, Libra einen „Social Media Attention-Token“ macht, wird das den Werbemarkt beeinflussen.  Der „Werbe-Token“ wird damit den Werbemarkt beeinflussen.  Und auch die „Smart Contracts“ sollten eigentlich ein cleverer Weg sein User an sich zu binden. Handy-Rechnung, Streaming-Anbieter oder Porno Seite: Vertragsabschlüsse finden in Zukunft in den Sozialen Netzwerken statt und werden auch darüber abgerechnet. Ein erträgliches Geschäft. Zuckerberg geht es darum die Finanzmärkte der Zukunft maßgeblich mitzugestalten, Einfluss zu nehmen, sich gegenüber chinesischen Konzernen zu behaupten und neue Erlösmodelle zu finden. Der größte Vorteil der Kryptowährungen gegenüber dem traditionellen Bankensystem ist, dass sie dezentral organisiert sind. Nicht der Staat und die Banken entscheiden über das Privatvermögen. Kein Staat hat die Kontrolle über das Ersparte. Es kann nicht vorkommen wie in Teilen Südamerikas, dass der Staat entscheidet, dass die Bürger seines Landes nicht mehr an ihr Geld kommen und die Banken mitziehen. Solange es die Elektrizität gibt sind die Kryptos sicher.  Aber auch Staaten haben ein Interesse an Kryptowährungen. Dass sie sie nicht einfach verbieten, was sie könnten, deutet darauf hin. Bei China sind es die Devisenbeschränkungen, in südamerikanischen Staaten der Währungsverfall.

Wenn es gut geht kann Facebook mit Lobbying Power sein Ziel durchsetzen. Kryptostartups könnten profitieren. Wenn nicht profitiert nur Facebook.

Doch es wird bezweifelt, dass Facebook ein „neues Imperium“ erschaffen kann. Es sind zu viele alte Wirtschaftsstrukturen darin. Es ist ein börsennotiertes Unternehmen und wird damit am Gewinn gemessen. Die Macht geht am Anfang nicht ans Volk sondern an die beteiligten Konzerne der Libra Association. Also Zuckerberg. Zwar soll die Blockchain für alle geöffnet werden, doch weiß niemand wie das aussehen wird. Web 3.0 wird aber nicht durch zentrale Instanzen gestartet, es ist Ausdruck eines kollaborativen Zeitalters. Es schafft personalisierte Anreizsysteme. Ein Wien Token soll bald ein Anreizsystem für die Bürger von Wien schaffen sich gemeinschaftlich hinsichtlich der CO2 Emissionen zu verwalten. Für die Einsparungen gibt es einen Belohnungstoken, der den kostenlosen Kulturgenuss verspricht. So funktioniert das eigentlich. Aber wie wichtig dieser neue Ansatz ist zeigt sich darin, dass sich zentrale Unternehmen, die eigentlich Konkurrenten sind, zusammenschließen (siehe Visa und Paypal in der Libra Association) um Mittelsmänner zu sein. Doch für eine „Facebook –Welt“ wird es nicht reichen glaubt Voshmgir. Zuckerberg hat weniger Macht als wir denken und Facebook leidet an seinem Reputations Problem.

Das zeigt sich auch in der Beurteilung von finews.ch Chefredakteur: Peter Hody: „Facebook ist zu 100 Prozent die falsche Institution, eine Währung herauszugeben und zu kontrollieren…Facebook ist ein Konzern, dessen einzige >raison d´être< ist, die persönlichen Daten von Milliarden von Menschen auf dieser Welt zur Gewinnmaximierung zu nutzen und der zudem von einer einzigen Person geführt und kontrolliert wird, die ihre Unzulänglichkeiten immer wieder bewiesen hat.“

Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz bezeichnet das Krypto Bezahlsystem des Social Network Riesen als „nicht vertrauenswürdig“. T3n Kollege Sebastian Bonset erklärt der Blockchain sei in erster Linie Fassade. Libra ist weder dezentral noch eine Kryptowährung. Das Bezahlsystem werde die Macht eines der jetzt schon mächtigsten Konzerne der Welt weiter stärken.

Die Diskussion um die Sicherheit der persönlichen Daten steht hier im Zentrum. Das öffentliche Vertrauen zu Facebook ist durch Skandale getrübt. Das Unternehmen betont zwar keine Daten zwischen dem sozialen Netzwerk und dem Währungstochterunternehmen auszutauschen, doch Experten bleiben skeptisch. Facebook bekommt tatsächlich mit, wenn über Calibra, WhatsApp oder den Messenger Geld übertragen wird. Zur Vorbeugung von Straftaten und bei „besonderen Umständen“ können Calibra Daten sehr wohl mit Facebook geteilt werden. Doch meist wiegt der praktische Nutzen für die User mehr als die Datenschutzbedenken.  Und es wird sie nicht daran hindern ihre Finanzgeschäfte zu digitalisieren. Der Unterschied des Libra zu bisherigen Kryptowährungen ist, dass er relativ stabil sein wird.

Klimafreundlich ist der Libra nicht. Je mehr Knotenpunkte es gibt, desto mehr Strom wird verbraucht. Forscher der Uni München stellten fest, dass allein das hohe Wachstum der Bitcoin Produktion zu einem globalen Temperaturanstieg um zwei Grad führen kann. Bereits jetzt entsprechen die CO2 Emissionen der Krypto-Währung denen von ganz Jordanien. Doch da der Libra zunächst keine Blockchain sondern ein anderes System der verteilten Kassenbücher (Distributed Ledger Technology) verwendet, verbraucht er weniger Energie, nur einen Bruchteil des Bitcoins.

Wer wird von dieser neuen „Weltwährung“ herausgefordert oder bedroht?  Fragt die Neue Züricher Zeitung. Falls das Libra System funktioniert und zugelassen wird, könnten insbesondere Währungen aus Ländern mit hoher Inflation durch eine Parallelwährung stark herausgefordert werden. Dank der hinterlegten Währung wird die Libra Association zu einem großen Player im Devisen und Kapitalmarkt. Calibra betont jedoch, dass der Verein keine Währungspolitik mache und die Einnahmen auf den Währungsreserven für den Aufbau der Infrastruktur eingesetzt werden.  Wird die Libra die etablierten Währungen verdrängen? Die Libra wird eine private elektronische Währung, die wenn sie sich durchsetzt, parallel zur einheimischen Währung genutzt wird. Was bleibt ist ein Wechselkursrisiko solange die die das machen in einheimischen Währungen verdienen. Und es besteht das Gegenparteirisiko. Interessant ist die Libra deshalb zuerst in grenzüberschreitenden Transaktionen und in Schwellenländern, in denen keine starke einheimische Währung existiert. Die Libra verdrängt die etablierten Währungen nicht so einfach, aber könnte zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber werden und den Währungswettbewerb intensivieren.

Ein Mekka für Geldwäscher muss sie nicht unbedingt werden, da der Nutzer die Währung im herkömmlichen Geld kauft oder Libra Guthaben auch wieder eintauscht. Das System wird bei Regulatoren nur auf Akzeptanz stoßen, wenn es eine gewisse Transparenz gewährleistet.

Gefährdet die private elektronische Währung die Geldpolitik? Nicht unmittelbar. Solange die Libra fest an einen Währungskorb gebunden ist, schöpft sie kein Geld und betreibt keine eigene Geldpolitik. Die elektronische Währung ist wie eine neue (Fremd-) Währung und würde die Nationalbank nicht daran hindern, ihre eigene Währung in Umlauf zu bringen und zu steuern. Eine starke Verbreitung der neuen elektronischen Währung könnte allerdings die Gesamtnachfrage nach den traditionellen Landeswährungen verändern.

Bedroht die Libra die Banken und Finanzstabilität? Wenn die Libra und die damit verbundene Blockchain im Zahlungsverkehr zu großer Bedeutung gelangen, beeinträchtigt das zuerst v.a. das herkömmliche Geschäft der Banken und deren Kundenkontakt. Sollten sich aber in großem Ausmaß Guthaben von den Bankkonten in die neue Libra Welt verlagern, hätte dies das Potenzial, den traditionellen Finanzsektor zu umgehen und die Finanzstabilität zu schwächen.  So die Neue Züricher Zeitung. Nach Bundesbank Präsident Weidmann stellt sich die Frage wie der Wert von „stable coins“ garantiert werden kann. Sollten „stable coins“ im großen Stil verwendet werden, könnten sie die Einlagenbildung und das Geschäftsmodell der traditionellen Banken untergraben. Das könnte dann wieder deren Zahlungsverkehr-Geschäfte und Prozesse in den Finanzmärkten stören.

Viele Fragen aber es gibt auch noch viele Hürden. Die Diskussion um Transparenz, Zulassung und den Schutz vor Geldwäscherei sind noch lange nicht abgeschlossen. Ein Verein kann in der Schweiz keine Bankenlizenz erhalten. In den USA gilt ein mit Währungen hinterlegter Coin als Wertschrift, es braucht eine Broker Lizenz, wenn man mit solchen Instrumenten Geschäfte macht. Die Charta, die die Zusammenarbeit im Libra Verein regelt ist noch nicht abschließend formuliert. Die Libra Firmen haben zahlreiche Bezahl-, Aufbewahrungs-und Übermittlungsanwendungen angekündigt, fertig programmiert und produziert sind diese aber noch nicht. So die neue Züricher Zeitung.

Zusammenfassend kann man sagen: Es ist wieder so der technische Fortschritt schafft Handelserleichterungen, einhergehen damit aber langfristig Instabilität. Die Libra Association als privater Anbieter mit hinterlegten Werten etc. soll Stabilität, Vertrauen und Akzeptanz bieten. Doch das wird nur eine Übergangslösung sein. Die Technik wird den Prozess weiter treiben hin zu einer Vergemeinschaftung des Zahlungsverkehrs. Zuckerberg wird zwar vorübergehend den Ton angeben doch durch die technologische Entwicklung selbst vergemeinschaftet. Sein finanzieller Gewinn wird jedoch zunächst bleiben. Die Libra wird als private Währung im Wettbewerb mit den etablierten Währungen stehen. Das Bankengeschäft steht vor Herausforderungen als traditioneller Finanzsektor. Das schwächt die Finanzstabilität.

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