Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht. Salman Rushdie

Syrienkrise und Finanzkrise und Flüchtlingskrise

Wohin man schaut bauen sie sich langsam oder plötzlich auf. Die Krisen in Politik, Wirtschaft und auch vor allem in der Gesellschaft. Doch wie gehen wir damit um?

Per Definition aus dem Lexikon ist die Krise im Altgriechischen eigentlich zunächst nur als Meinung, Beurteilung, Entscheidung, gedacht, später erst spitzt sie sich zu und bezeichnet eine problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation. Sie wird in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen auf sehr unterschiedliche Weise thematisiert.
Charakteristisch für eine Krise sind nach Karl Deutsch und Charles F. Herman drei Punkte: die hohe Bedrohung eigener Werte und Interessen , der Zeitdruck und die kurze Reaktionszeit und letztlich der Moment der Überraschung.

Gemäß Alexander Hüls, Krisen in der internationalen Politik, kann man politische Krisen noch in System-bezogene und Entscheidungs-bezogene Krisen unterscheiden. Erstere bezeichnet dabei eine fundamentale Bedrohung eines Systems, die ohne erfolgreich intervenierende Faktoren einen Umsturz der Verhältnisse zur Folge hat. Letztere bezeichnet eine Situation, die zentrale Werte einer Entscheidungseinheit bedroht, nur wenig Zeit zur Entscheidungsfindung lässt und die Entscheidungsträger durch ihr eintreten überrascht.

Außenpolitische Krisen sind dabei, wenn sich Akteure (z.B. ein Staat) in einer Krisensituation befindet, die aus seiner Sicht mindestens einen anderen Akteur in diese Situation involviert, die aber von den möglichen anderen Akteuren nicht wahrgenommen wird. Eine internationale Krise tritt zu dem Zeitpunkt ein, von dem ab die möglichen anderen Akteure die Krisensituation perzipieren und sich bedroht fühlen.

Finanzmarktkrisen sind größere Verwerfungen im Finanzsystem, die durch einen Rückgang der
Vermögenswerte und die Zahlungsunfähigkeit zahlreicher Unternehmen der Finanzwirtschaft und
anderer Branchen gekennzeichnet sind und die ökonomische Aktivität in einem oder mehreren
Ländern beeinträchtigen. Wird dies von einem Zusammenbruch des Bankensystems ausgelöst oder begleitet, spricht man von einer Bankenkrise. Generell werden sie ausgelöst durch Unsicherheit seitens der Anleger über die Vorteilhaftigkeit der Anlage in einem Land. Das gilt auch bei Bankenkrisen bezogen auf die einzelne Bank bzw. den Bankensektor. Grund ist ein schlecht
funktionierendes Bankensystem, eine unzureichende Bankenaufsicht oder die schlechte
gesamtwirtschaftliche Lage, die dazu führt, dass die Banken eine große Zahl an Forderungen
abschreiben müssen und so in eine finanzielle Schieflage geraten. So geschehen 2008 mit dem Zusammenbruch der großen Investmenthäuser wie Lehman Brothers in den USA, die eine weltweite Finanz und Bankenkrise nach sich zogen.

Allgemeine Finanzkrisen sind zurückzuführen auf Ineffizienzen an den Finanzmärkten. Je kürzer die durchschnittliche Frist des in einem Land angelegten Kapitals ist, umso größer ist die Gefahr einer Finanzkrise. Begünstigt werden Finanzkrisen durch unsichere konjunkturelle Aussichten und durch politische Unsicherheiten. Besonders häufig treten starke Desinvestitionen an Börsen auf-das Ergebnis: ein Börsenkrach.

Gesellschaftliche Krisen entstehen dagegen nach Davide Brocchi, Gesellschaftliche Krisen, Resilienz und Wahrnehmung 2012, nie plötzlich, sondern sind das Ergebnis eines Prozesses, bei dem Wirklichkeit und Wahrnehmung auseinanderklaffen. Dabei übersehen Institutionen und Individuen die Anzeichen der gesellschaftlichen Veränderung oder können sich von den daraus erwachsenen Problemen nicht „trennen“. Die somit entstehende Krise ist letztlich das, was die Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit schließt- manchmal auf katastrophale Weise.

Wo Krisen entstehen, taucht natürlich ganz klar die Frage nach dem Umgang damit, dem Krisenmanagement auf.

Das Krisenmanagement bezeichnet den systematischen Umgang mit Krisensituationen. Dazu gehört die Identifikation und Analyse von Krisensituationen, die Entwicklung von Strategien, zur Bewältigung einer Krise sowie die Einleitung und Verfolgung von Gegenmaßnahmen.
Dabei gibt es Phasen des Krisenmanagement Zyklus: Frieden: Krisenprävention ;
Eskalation: Mediation/Intervention; .Bewaffneter Konflikt: Konfliktbewältigung;
Fragile Postkonfliktphase: Friedenskonsolidierung.

Wichtige Regeln für das Krisenmanagement sind die Kommunikation, der, Kontakt, wenn Signale ausgesendet werden, müssen sie von der Gegenseite verstanden werden, ein Gesichtsverlust ist zu vermeiden, Vermittler sind einzuschalten. Diese Regeln gelten für alle drei Bereiche Krisen in Politik + Wirtschaft + Gesellschaft.

Befragt danach, wie Sie Krisen in ihren Tätigkeitsbereichen definieren, welche konkreten
Krisen sie sehen und wie die Hierarchie aussieht sind sich die befragten Vertreter aus den jeweiligen Bereichen einig:

Die Periode relativer Weltordnung ist zu Ende gegangen, damit auch die alten Formeln von Stabilität und Sicherheit. So der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz Botschafter Wolfgang Ischinger, bei einer Podiumsdiskussion. Die Globalisierung betrifft alle Bereiche:

In der Politik zeigen sich die Krisen gegenwärtig in Syrien, dem Jemen, aber auch erneut wieder durch die neue US-Regierung mit dem Iran (der ein Dreh-und Angelpunkt einer neuen Weltordnung sein könnte), die Ukraine/Krim, aber auch in der Vergangenheit die Balkankriege, Ruanda, Somalia, Afghanistan, Tunesien, Ägypten, Libyen, Kaukasus und Zentralasien, in der Wirtschaft kommt es zu Krisen zwischen Globalisierungs- gewinnern- und verlierern, die Finanzkrise riss einiges mit sich (besorgniserregend ihr globales Ausmaß, die Geschwindigkeit und Tiefe des Einbruchs) und in der Gesellschaft sind es die demografische Entwicklung, kulturelle und soziale Konflikte, die sich deutlich in der Flüchtlingskrise zeigen, der Klimawandel, die Energieversorgung.

Die Globalisierung zeigt selbst zerstörerische Tendenzen. Die Weichenstellungen lieferten der Zusammenbruch des Kommunismus, der Siegeszug der digitalen Informationstechnologie. die Etablierung des angelsächsischen Leitbildes der Ordnungspolitik ( nur die Rendite des Kapitals zählt). Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken bis 2015, stellt dabei die Frage: Warum wir uns ändern müssen?

Eine Auswirkung davon ist, dass es zu einer Neuverteilung politischer und wirtschaftlicher Macht kommt.

Der 11. September zeigte die Grenzen westlicher Machtpolitik. Die Syrienkrise/krieg zeigt die Unfähigkeit der Vereinten Nationen und die Unfähigkeit eine gemeinsame europäische Meinung zu bilden. Letzteres gilt auch für die Flüchtlingskrise.

Wirtschaftlich kommt es zu einer Machtverschiebung weg von Europa und den USA hin zu den G20 Staaten und zur Verlagerung des Einflusses nach Asien. Wie der ehemalige Audi-Amerika Vertriebs- Chef und heutige Global Head of Mini Sebastian Mackensen erklärt.

Die Finanzkrise führte zur Verschiebung und zum Rollenwechsel im Verhältnis von Markt und Staat (Überdehnung der staatlichen Verantwortung), davor war es genau umgekehrt. Die US-Präsidenten Clinton aber auch Trump stellten und stellen die Wirtschaft wieder ins Zentrum ihrer Außenpolitik, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Bei Clinton waren es die Vorgaben „Wirtschaftlicher Staatskunst“ auch im Iran und Afghanistan, bei Trump die Politik der Strafzölle auf der einen Seite und (Rüstungs)-geschäfte auf der anderen Seite

Die Machtverschiebung trifft daher eher Europa mit seiner Wertediskussion als die USA.
Kulturell werden die entscheidenden Entwicklungen der Zukunft durch die Kraft oder die Schwäche von Religionen, Kulturen und Ideologien bestimmt sagte Alois Glück noch 2012, wie Recht er damit haben sollte, zeigte sich gleich in den folgenden Jahren.

Hieran schließt sich natürlich gleich die Frage nach den Möglichkeiten und Instrumenten, die in den unterschiedlichen Bereichen in Krisen zur Verfügung stehen? Und wie sie vor dem Hintergrund der Globalisierung zu verbessern wären?

Im Bereich der Politik rückt im Krisenmanagement die Prävention in den Mittelpunkt. Der Einsatz verschiedener Instrumente und Akteure ist notwendig, Nichtmilitärische Instrumente der Krisenprävention und Konflikttransformation gewinnen an Bedeutung. Die beste Krisenprävention ist wirksame Krisenkonsolidierung.

Akteure auf der weltpolitischen Bühne sind vor allem die UNO, die EU, die NATO und die OSZE. Instrumente, die Toolbox im Krisenmanagement der Stiftung für Wissenschaft zu folge, sind unter anderem die Abrüstung- und Rüstungskontrolle, die Demokratieförderung und Entwaffnung sowie die Friedensdurchsetzung konsolidierung und -sicherung, wirtschaftlicher Wiederaufbau und vernetzte Sicherheit.

In der Praxis bemängelt Botschafter Ischinger, dass wir eine schlecht funktionierende Weltordnung haben, wo wir angesichts der Globalisierung mehr und nicht weniger Entscheidungs- und Durchsetzungskraft im internationalen System bräuchten. Er empfiehlt den Sicherheitsrat durch umfassende Reformen und Erweiterung zu stärken.

Das Prinzip der „responsibility to protect“ braucht ein klares Mandat, die Zustimmung der betroffenen Region und die verfügbaren Mittel müssen ausreichen.

Als Lehre aus Libyen resumiert er, dass der Aufbauprozess von Libyen selbst gestaltet werden muss. Im Hinblick auf Europa betont Ischinger, dass Europa einen klaren Kompass mit klaren Ziel- und Wertevorstellungen (responsibility to protect) , eine klare gemeinsame Außenpolitik braucht. Ein Europa, das schützt, wie es auch der französische Präsident Emmanuel Macron vorsieht. Die Errichtung des Europäischen Auswärtigen Dienstes kann ein erster Schritt sein.

Auch die Körber Stiftung (Bergedorfer Gesprächskreis) kritisiert, dass die EU bisher nur auf dem Feld der Klimapolitik eine globale Rolle übernahm. Doch ist die Bilanz des Krisenmanagements überwiegend positiv in Georgien nicht aber Kosovo und schon gar nicht in der Syrien- und Flüchtlingskrise als wohl bisher größte Herausforderung der EU als Gemeinschaft. Sie spaltet sie und lässt sie beinahe auseinander brechen. Es wird gefordert, dass die EU sich stärker in Krisenprävention engagiert. Das Scheitern von Lissabon (Vertrag von Lissabon 2009) würde die Hoffnungen auf eine angemessene Außenpolitik zu Nichte machen. Es sollten informelle regionale Gruppen mit speziellem Wissen errichtet werden.

Noch vor der Flüchtlingskrise bezeichnete Botschafter Ischinger die Bilanz des europäischen Krisenmanagements der letzten Jahre als zwar unbefriedigend, aber unter den gegebenen Umständen als beachtlich.

Auch der langjährige deutsche Außenminister Hans Dietrich Genscher bezeichnete den Einigungsprozess in der EU und der KSZE als bedeutend für die Zusammenführung der EU. Es ist falsch zu behaupten, es habe keine Zusammenarbeit gegeben.

Aber: Als Defizit europäischer Politik wird gesehen, dass Europa aus seinen Erfahrungen keine Ideen entwickelt hat und sich global nicht aktiv einbringt.

Der französische Präsident Emmanuel Macron, aber auch Jean Claude Juncker haben in jüngster Zeit Pläne entwickelt, von denen der des französischen Präsidenten die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog. Macron will ein europäisches Verteidigungsbudget, eine gemeinsame Verteidigungsstrategie, auch Juncker will eine europäische Verteidigungsunion sowie den qualifizierten Mehrheitsentscheid, eine Energie-Sicherheitsunion.

Die NATO muss künftig eine glaubwürdige, wichtige Rolle spielen: hier zählt das Prinzip „In together, out together. Der Körber Stiftung zufolge müssen neue gemeinsame Ziele definiert werden. Die NATO hat sich noch nicht dem neuen internationalen Umfeld angepasst, es fehlt an gemeinsamer Wahrnehmung von Bedrohungen und Herausforderungen. Sie soll mit den European Battle Groups und der NATO Response Force kooperieren.

Der frühere Verteidigungsminister Volker Rühe ist davon überzeugt, dass die NATO nur funktionieren kann, wenn alle die selben Risiken eingehen. Eine seltene deutsche Initiative, wie die von Verteidigungsminister Thomas de Maizière, zu einer effizienteren Lastenteilung konnte sich 2013 durchsetzen, statt wie bisher allein sollten nun mehrere NATO Partner militärische Fähigkeiten gemeinsam entwickeln, bezahlen und der Allianz zur Verfügung stellen. Ein Aufschrei schließlich als der neue amerikanische Präsident Donald Trump die NATO 2017 für „obsolet“ erklärt und auf mehr Lastenteilung pocht. Das „obsolet“ nahm er zurück, die Frage der Lastenteilung ist alt und wahr. Trump geht in die Richtung die europäische Verteidigung den Europäern zu überlassen, die europäische Integration damit zu stärken. Die NATO sollte mehr in Richtung Terrorbekämpfung ausgebaut werden so sein neuer Vorschlag. Mit den Avancen an Georgien und die Ukraine hat die NATO die Russen provoziert und eher Unruhe als Sicherheit in Europa gestiftet. Wie der Havard Political Review aufzeigt.

Für Deutschland empfiehlt Botschafter Ischinger einen ordentlich aufgestellten Bundessicherheitsrat. Die Körber Stiftung betont die Notwendigkeit ein deutsches Pendant zur Europäischen Sicherheitsstrategie zu entwickeln. Die Verlässlichkeit des militärischen Engagements wird in Frage gestellt und mehr deutsche Führung verlangt.

Die Toolbox der SWP kritisiert das deutsche Krisenmanagement: Es fehlt an konzeptioneller Klarheit: Das Konzept der vernetzten Sicherheit ist in den existierenden Strukturen schwierig, da die Bundesrepublik keine politischen Schwerpunkte setzt, aber auch die Koalitionsproblematik und die Aufsplitterung der Kompetenzen sind Gründe.

Daher stellen sich für das Krisenmanagement 2030 folgende Aufgaben: Die strategische Planung soll verbessert und die Sensibilisierung für künftige Entwicklungen gesteigert werden. Die Weiterentwicklung durch Lessons Learned Prozesse stattfinden, ebenso ist die Rede von einer systematischen Evaluierung und einer Bündelung der Kräfte. Die Auswirkungen des Sparprogramms sollen erfasst und gesteuert werden. Darüber hinaus soll für ein klares Verständnis und realistische Ansprüche gesorgt werden. Dazu gehört die Konsolidierung der Begriffe vernetzte Sicherheit und zivile Krisenprävention. Nationale Strukturen und die internationale Einbettung sollen gestärkt werden. Nationale Institutionen gestärkt und die Kohärenz internationaler Kooperation vergrößert werden.

Im Bereich der Wirtschaft und im Zusammenhang mit der Finanz-und Bankenkrise zeigt die Bertelsmann Stiftung zur European Economic Governance auf, dass im Hinblick auf die EU, der Europäische Rat eine Reihe von Rekonstruktionsmaßnahmen annahm: den Europäischen Stabilitätsmechanismus, einen reformierten Stabilitäts- und Wachstumspakt, den Euro Plus Pakt, einen neuen makroökonomischen Überwachungsprozess, das Europäische Semester, eine aufpolierte EU 2030 Strategie. Der Lissabon Vertrag beinhaltet eine nationale Schuldenbremse, die durch das Europäische Parlament, die Europäische Zentralbank und Eurostat, die EU Statistikbehörde überwacht wird. Das Europäische Semester ist ein Frühwarnmechanismus.

Kritisiert wird hierbei, dass die automatischen Sanktionen unter dem Stabilitäts-und Wachstumspakt durch Anreize ergänzt werden sollten. Im Fall von Insolvenzen soll der Übergang vom Europäischen Stabilisierungsmechanismus und der Europäischen Finanzstabilitätseinrichtung zu einem europäischen Geldfond stattfinden.

Wichtig ist es die Märkte wieder an die Realwirtschaft zu binden. Essentiell ist die
strikte Anwendung von Stresstests- und Minimumreserve – Erfordernissen für Banken
unter Basel III und ein einziger Regulierungsrahmen für den Finanzsektor unter dem Europäischen Finanzüberwachungssystem.

Kritisiert wird hierbei, dass es keinen klaren Fokus auf Wachstum gibt, keine finanziellen Anreize um ein gutes Auftreten auf dem Gebiet der Budgetkonsolidierung und Wirtschaftspolitik zu belohnen. Wichtig ist, die Reformen brauchen politische Führung, die die EU bisher nicht gezeigt hat.

Haupthinderungsgrund für eine volle Europäische Wirtschaftsregierung ist der Mangel an politischem Willen und Führung.

Der frühere Bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu vertritt die Auffassung, dass je globaler die Wirtschaft agiere, umso internationaler das Regelwerk sein muss.

Auch der Europaabgeordnete Markus Ferber spricht sich für Basel III, die Bankenunion, den Hochfrequenzhandel, Anlegerschutz und das Verbot von Leerverkäufen aus. Es gibt eine enge Verbindung zwischen der Fragilität des europäischen Finanzsektors und den nationalen Haushalten. Das Problem war ursprünglich, dass die Überwachung nur auf nationaler Ebene stattfand. Daher war die Übertragung auf die Ebene der EU sinnvoll. Die Bankenunion ist eine zentrale Aufsichtsinstanz unter Führung der Europäischen Zentralbank. Es gab allerdings auch die Auffassung, dass die Aufsicht nicht der EZB sondern der Europäischen Bankenaufsicht übertragen werden sollte. Die Gründung europäischer Fonds zur Einlagensicherung und Bankenabwicklung war umstritten, man einigte sich statt dessen auf gemeinsame Standards für die nationalen Einlagensicherungssysteme.

Alois Glück wies darauf hin, dass das Bündel von Maßnahmen zur Kontrolle der Banken und Abläufe im internationalen Finanzmarkt dazu führte, dass der totale Absturz vermieden wurde. Doch wies er auch darauf hin, dass wir einen hohen Preis zahlen werden. Die finanziellen Folgen der Krise engen die Handlungsspielräume der Politik auf allen Ebenen für viele Jahre drastisch ein.
„Jede Krise ist eine Chance“ und koordiniertes Handeln als wirkungsvollste Maßnahme hat seinen Ausgangspunkt meist in Bedrohungen, erhält neue Form und Tiefe. Aus der Finanz-und Bankenkrise wurde die G20 geschaffen, die Erstellung verbindlicher Regeln für den Finanzmarkt. Das Prinzip der Kofinanzierung gegen Beachtung europäischer Standards kann ein Vorbild für ein Weltmodell sein, ein gemeinsamer Nenner ist notwendig, die Rolle der Regionen wird wachsen, Europa muss eine aktivere selbstbewusste Rolle übernehmen.

Angela Merkel forderte gar einmal einen Gesellschaftsvertrag für den Globus, eine Weltinnenpolitik.
Die G20 Staaten kommen auch auf ihrem Gipfel 2017 zu dem Ergebnis die Regulierung der Finanzmärkte fortzusetzen, die Finanzierung von Terrorismus , Steuerflucht, unfaire Handelspraktiken und Protektionismus zu bekämpfen, letzteren befürwortet der US-Präsident Trump jedoch. In einem Zusatzpapier wurde eine Afrika Partnerschaft vereinbart.

Jean Claude Juncker geht weiter, er spricht sich in seiner Rede zur Lage der Union für eine Kapitalmarkt- und Bankenunion sowie einen digitalen Binnenmarkt, einen europäischen Wirtschafts- und Finanzminister aus. Er will die europäische Handelsagenda stärken, die Wirtschaft stärker und wettbewerbsfähiger machen, eine neue Strategie für die europäische Industriepolitik, Innovationen, Digitalisierung, Verringerung der CO2 Emissionen. Der französische Präsident Emmanuel Macron will gar die Märkte Deutschlands und Frankreichs vollständig integrieren, sowie Eurozonen Finanzminister.

Deutschland hat die Schuldenbremse eingeführt. Otto Wiesheu sprach dabei von einer Exitstrategie, der Staat sollte wieder seinen eigentlichen Aufgaben zurückgeführt werden, die Geldschwemme ebenfalls. Bestandspflege und Erneuerung sind die Schlüsselworte.

Die Beschlüsse von Pittsburg (2009, Schaffung des G20 Gipfels) sollten demnach konsequent umgesetzt werden. Dazu gehörte die Errichtung effizienter Kontrollsysteme im Wertpapierhandel, stärkere Eigenkapitalunterlegung von Spekulationsgeschäften, Zwecke für die das Geld der Zentralbanken eingesetzt werden.

Als Haushaltspolitik waren Sparen sowie Wachstums und Beschäftigungsimpulse, Innovationen angesagt.

Dr. Theodor Weimer von der HVB bestätigte zwar, dass eine verschärfte Bankenregulierung richtig aber teuer ist. Die verschärften Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen aus dem Regelwerk von Basel III und die Kapitaladäquanzrichtlinie IV (CRD IV), die Bankenabgabe und die deutlich intensiveren Regelungen beim Anleger- und Verbraucherschutz wurden von steigender Bedeutung für die Kreditvergabe, daher sind Regulierungen, die aus politischen Gründen ins Feld geführt werden wie die Finanztransaktionssteuer nicht richtig. Hier setzt allerdings der französischen Präsident Emmanuel Macron erneut an. Er will wieder einen Anlauf zur Finanztransaktionssteuer wagen.

Alois Glück betrachtete es als Legitimation für den massiven Einsatz von Steuermitteln zur Rettung der systemrelevanten Banken die notwendige Kreditvergabe zu sichern. Die Kosten des Krisenmanagements sind hohe Schulden, die mehr als nur eine Generation belasten werden. So Glück damals. Kulturwandel war der Wegweiser in die Krise, aber auch aus der Krise heraus. Es entstand eine Kultur der Verantwortung, eine Institutionenethik.

Auch Horst Seehofer sprach sich für eine neue Balance zwischen Haftung und Haftungsbeschränkung aus. Gewinnorientierung und Haftung gehören demnach zusammen.
Otto Wiesheu sprach sich für eine Rückkehr zur Sozialen Marktwirtschaft im Geiste Ludwig Erhards aus. Sie ist wertgebunden, beruht auf den gleichen Grundwerten wie das Grundgesetz: Menschenwürde, Freiheit, Verantwortung, Subsidiarität. Es sind die gleichen Werte auf denen auch die Gesellschaftsordnung beruht: parlamentarische Demokratie, Rechtsstaat, aktiver Sozialstaat. Ziel ist qualitatives Wachstum, Mehrung der Lebensqualität, Glück der Menschen, Arbeit für alle, sozialer Zusammenhalt.

Alois Glück betont: Der Mensch steht im Mittelpunkt und spricht sich für eine ganzheitliche Politik aus, Wettbewerb und Innovationskraft zugleich aber auch Gerechtigkeit im wirtschaftlichen Handeln. Erfolgreiches Wirtschaften ist dauerhaft nur in einem stabilen Gemeinwesen möglich.
Gesellschaftspolitische Stabilität bei sozialem Frieden setzt wirtschaftlichen Erfolg voraus. Er spricht von der Trias: Personalität, Subsidiarität, Solidarität. Verpflichtung zum nachhaltigen Wirtschaften.
Aus St. Gallen von Hans Christoph Binswanger kommt der Vorschlag einer Ökosozialen Marktwirtschaft: die Innovationskraft des Marktes und die Möglichkeiten der modernen Technik für die Realisierung eines ganzheitlichen Entwicklungskonzepts zu nutzen. Zentrale Elemente sind bessere Ordnungsbedingungen, Leistungsorientierung, sozialer Ausgleich und Umweltschutz.

Auf die Gesellschaft bezogen führt Alois Glück an, dass „Unsere heutige Art zu leben..nicht zukunftsfähig (ist).“ Hier geht es um die Wachstumsdebatte.

Nach Glück ist das Bruttosozialprodukt keine Ertrags- sondern eine Umsatzrechnung, keine geeignete Messgröße.

Michael Neumann, Zum Glück wachsen/Roman Herzog Institut, erklärt dass das BIP kein brauchbarer Indikator für Wohlstand ist. Wohlstand gemessen in Konsum und Freizeitmöglichkeiten sowie in Lebenserwartung ist hoch korreliert mit dem BIP. Alois Glück betont, dass Glücksforschung selbst in Kreisen traditioneller Wirtschaftswissenschaften immer mehr Bedeutung erlangt.
Neumann dagegen erklärt, dass man nicht mehr Wohlstand durch Glücksforschung erreicht.
Der Staat soll sich vom Marktgeschehen fernhalten, nur dort eingreifen, wo systematisch Fehlentscheidungen sichtbar sind.

Alois Glück betont, dass nicht quantitatives Wachstum sondern qualitatives Wachstum wichtig ist, das Wachstum soll in ein ganzheitliches Politikkonzept eingeordnet werden.
Neumann unterscheidet zwischen Wachstum als organischer Vorgang oder politisch steuerbar.
Die Freiheit der Menschen ist ein zentraler Wert. Reichtum zählt nur relativ im Vergleich zu anderen. Es gibt nach ihm keine natürlichen Grenzen des Wachstums, dauerhaftes Wachstum ist nur durch technischen Fortschritt möglich. Nachhaltigkeit und Wachstum sind kein Gegensatz..

Hauptsächlicher Produktionsfaktor ist das Humankapital nicht die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Geld allein macht nicht glücklich, die Einkommens- und Wohlbefindenskurve steigt degressiv (je reicher, umso geringer der Anstieg des Wohlbefindens).

Es taucht die vielleicht nicht unberechtigte Frage auf „Vielleicht geben wir auch nur unser Geld falsch aus?“ Die Einkommensverwendung sollte mehr auf den Erwerb von Erfahrungen zielen. Es kommt darauf an, wie Geld verdient wird und für was es ausgegeben wird.

Das relative Einkommen macht den Unterschied. Die relative Deprivationstheorie besagt: Lebenszufriedenheit hängt von der Differenz zu dem wozu man sich berechtigt fühlt ab. Der Vergleich zum sozialen Umfeld. Aber: Wichtig ist der Leistungsgrundsatz und die Erwartung in die soziale Mobilität. Erwerbstätige Menschen sind glücklicher, wenn Arbeit als sinnstiftend empfunden wird.

Es geht also in allen drei Breichen um das Gleichgewicht zwischen Politik und Wirtschaft. Gerät es aus dem Ruder, steigt die Wahrscheinlichkeit von Krisen. Mit zunehmender Globalisierung nimmt auch die Krisenanfälligkeit zu. Der müssen globale Instrumente entgegengesetzt werden, die zur Zeit aber noch nicht wirksam genug eingesetzt werden können oder aber auch auf die sich die nationalen Regierungen nicht einigen können. Es fehlt die Bereitschaft Macht abzugeben, der Auflösung nationaler Strukturen zuzustimmen. Das ist die Schlüsselfrage der Gegenwart und wird die Zukunft bestimmen. Werden sich globale gegen nationale Strukturen durchsetzen können? Die gesellschaftliche Diskussion nimmt zu, wie wir in den letzten Bundestagswahlen erkennen konnten. Auch hier gilt als geeignetes Mittel gilt immer die Kommunikation.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Holger Klein, Guido Walter.

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