Ich denke, dass Menschen mit hohen Einkommen, so wie ich, deutlich mehr Steuern zahlen sollen. Warren Buffet

Der Multikulturalismus und der Niedergang des Westens?

Nie war so unklar wie diese Welt in der wir leben nun aussieht, welcher Ordnung sie gleichkommt. Falls sich überhaupt eine Ordnung ausmachen lässt. Auf der Suche nach einer erklärbaren Ordnung tauchen verschiedene Themen auf, die verschiedene Ansätze zur Erklärung zulassen.

europa-politik multikulturalismus donald-trump
Ein neuer Nationalismus?

Beginnen wir aktuell mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der seine Außenpolitik, nach eigenen Angaben gemäß einem prinzipientreuen Nationalismus gestaltet. Er beruft sich dabei auf Henry Kissinger. Ein Blick in dessen berühmtes Nachschlagewerk Diplomacy gibt Aufschluss. Kissinger spricht darin von zwei gegensätzlichen Anschauungen in der amerikanischen Außenpolitik, die das 20 Jahrhundert nach ihren Werten gestalten wollte. Im einen Fall dient die USA der Perfektionierung der Werte am besten zu Hause, was zur Politik des Isolationismus führt. Im anderen Fall erlegen die amerikanischen Werte eine Art Kreuzzugsverpflichtung auf. Die gemeinsame Grundlage ist der Glaube an das beste Regierungssystem. Die neue Weltordnung zeichnet sich gemäß Kissinger durch einen neuen Nationalismus aus. Dabei wird immer zuerst das eigene Interesse verfolgt, eher der Konflikt als die Kooperation betont. Neu ist vor allem, dass die USA sich weder zurückziehen noch dominieren kann. Die Ziele werden nun in Stufen erreicht, jede ist eine Mischung aus amerikanischen Werten und geopolitischen Notwendigkeiten. Die Welt heute umfasst verschiedene Staaten mit vergleichbarer Stärke, das Konzept muss nun auf einem Gleichgewichtssystem aufbauen: “-an idea with which the United States has never felt comfortable.“ Das Ziel des Gleichgewichtssystems ist nicht Frieden sondern Stabilität. Durch die Verfolgung der eignen Interessen trägt dabei jeder Staat zum Fortschritt bei, als ob eine unsichtbare Hand die freie Wahl für jeden Staat garantiert und damit das Gemeinwohl für alle. Nun das haben wir auch in Davos gehört, geht es der USA gut, ist das zum Nutzen aller. Beispiele für Gleichgewichtssysteme in Europa war das Staatensystem nach dem westfälischen Frieden, das Gleichgewichtssystem 1815 beginnend mit dem Wiener Kongress bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Wilson aber verweigerte die europäischen Regeln. Keine andere Nation als die USA hat festgelegt, dass ethische Prinzipien auf internationale Angelegenheiten angewandt werden können, wie auf Individuen. In der Welt nach dem Kalten Krieg nimmt die Militärmacht nach Kissinger graduell ab, der innenpolitische Druck zu, die Mittel nach Abwesenheit eines direkten Feindes woanders einzusetzen. Die Staaten, die unter dem amerikanischen Schutz standen werden mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen müssen. Auf militärischem und mehr noch auf wirtschaftlichem Gebiet. „Thus, the operation of the new international system will move toward equilibrium even in the military field, thuogh it may take some decades to reach that point. These tendencies will be even more pronounced in economics…” Wir sehen hier ganz klar den Ursprung des Gedankenguts der heutigen amerikanischen Außenpolitik unter Präsident Donald Trump.

Auch im Hinblick auf Trumps Politik in der nordkoreanischen Nuklearkrise zeigt sich der Leitfaden Kissingers. Er betont: „Das Verlangen der Demokratien nach Frieden darf in den Händen der Rücksichtslosesten nicht zu einer Waffe werden, mit der Demokratien erpresst werden können.“ Kissinger tritt für die konventionelle Aufrüstung ein, wobei die Überlegenheit als Fähigkeit, die nukleare Kapazität des Gegners zu einem annehmbaren Preis zu zerstören, definiert wird. Er betont aber auch: „Ich bin auch weiterhin davon überzeugt, dass die Regierungen in der Praxis sorgsamer vorgehen werden als in ihren Planungen. Es wäre in der Tat unverantwortlich, wollte man in einer von Kernwaffen bedrohten Welt so tun, als müsste jeder Zwischenfall zum Weltuntergang eskalieren.“ Während Kissinger den Einsatz von Atomwaffen nicht vorsieht, weicht die Trump Regierung mit ihrer Entscheidung kleinere Atomwaffen bauen zu wollen von diesem Vorsatz ab.

Das internationale System des 21. Jahrhunderts beschreibt Kissinger wie folgt: es wird einen Widerspruch zwischen Fragmentierung und Globalisierung geben. Ähnlich dem europäischen Staatensystem des 18. und 19. Jahrhunderts wird es sein. Dabei gibt es sechs Hauptmächte: USA, Europa, China, Japan, Russland und Indien sowie viele mittlere und kleinere Länder. Internationale Beziehungen werden global, Kommunikation wird augenblicklich, die Welt agiert auf allen Kontinenten gleichzeitig.

Im Hinblick auf Europa erklärt Kissinger, dass es keine automatischen Richtlinien auf globaler Bühne gebe. Russland war nie Nationalstaat, muss seine Identität neu definieren. China steht ebenfalls einer neuen Ordnung gegenüber, es hatte vor dem 19. Jahrhundert nie einen Nachbarn, der die zentrale Macht herausfordern konnte. Japan war ebenfalls von der Außenwelt abgeschnitten, es berief sich auf seine einzigartige Kultur. Im Kalten Krieg identifizierte es sich mit der amerikanischen Außenpolitik. In der nun neuen Weltordnung ist es sensitiver für das asiatische Machtgleichgewicht, Japan verfolgt eine autonomere selbstbezogenere Außenpolitik. Auch Indien ist als Nationalstaat ein Newcomer, die Außenpolitik, ein Überbleibsel des europäischen Imperialismus.

Als Herausforderung der neuen Ordnung sieht Kissinger, dass keines der wichtigsten Länder, die die neue Weltordnung bilden müssen Erfahrung mit dem Mehrstaatensystem hat, nie zuvor musste eine neue Weltordnung aus so verschiedenen Perzeptionen angesammelt werden oder auf so globaler Ebene. Nie musste eine vorausgegangene Ordnung die Attribute des historischen Gleichgewichtssystems mit globaler demokratischer Meinung kombinieren und der explodierenden Technologie der Gegenwart. Die neue Ordnung muss nun von Staatsmännern aufgebaut werden, die aus ganz verschiedenen Kulturen kommen.

Dem Staatsmann werden, laut Kissinger, Probleme auferlegt, er ist unter Zeitdruck, Fehler sind nicht zurückzuziehen. Er handelt auf Einschätzungen die zu dem Zeitpunkt zu dem sie getroffen werden, nicht überprüft werden können. Die Geschichte beurteilt wie gut er den unvermeidbaren Wandel managen und den Frieden bewahren konnte. Daran wird sich auch der derzeitige amerikanische Präsident Donald Trump messen lassen müssen.

Kissinger spricht bereits unseren nächsten Ansatz an: Staatsmänner, die aus verschiedenen Kulturen kommen. Aktualität erlangt dieser Ansatz unter anderem auch durch die Flüchtlingskrise und die Ängste vor einer Islamisierung, die sie in Europa auslöst. Samuel P. Huntington schrieb Anfang der 90er Jahre seinen berühmten Aufsatz vom „Clash of Civilizations“, weiter ausgeführt in seinem Buch über den Kampf der Kulturen.

Der Kampf der Kulturen?

Huntington hält seinen kulturellen Ansatz für kompatibel mit den anderen vier Ansätzen, die die Zeit nach dem Kalten Krieg prägten.

Zunächst wäre da der Ansatz Francis Fukuyamas zu erwähnen, der mit „The End of History“, den Sieg der westlichen Werte und eine Welt in Harmonie beschreibt. Keine Kriege mehr, die Zukunft gehört der Lösung nüchterner ökonomischer und technischer Probleme. Doch diese Illusion der Harmonie wurde alsbald zerstört. Als weiterer Erklärungsansatz ist die Theorie der zwei Welten, die Teilung zwischen Süd und Nord, arm und reich. Doch kam es auch bislang nicht zu einem internationalen Klassenkrieg. Allerdings zu einer Flüchtlingsflut nie da gewesenen Ausmaßes in der Neuzeit. Zwar ist diese auch dem Bürgerkrieg in Syrien geschuldet, aber nicht nur. Das dritte Paradigma ist der Realismus, den wir bereits mit Kissinger angeschnitten haben. Hier sind die Staaten, die wichtigsten Akteure des Weltgeschehens, die Beziehung unter ihnen ist anarchisch. Sie trachten danach ihre Macht zu maximieren. Doch nach Huntington ist der Schwachpunkt, dass es voraussetzt, dass alle Staaten ihre Interessen auf die selbe Weise begreifen und dass sie auf die selbe Weise handeln. Doch das tun sie nicht. „Werte, Kultur und Institutionen haben einen erheblichen Einfluss darauf, wie Staaten ihre Interessen definieren. Auch sind die Interessen von Staaten nicht nur von ihren Werten und Institutionen geprägt, sondern auch von internationalen Institutionen…Staaten mit ähnlicher Kultur und ähnlichen Institutionen werden ein gemeinsames Interesse sehen.“ Huntington zufolge definieren Staaten ihre Interessen in den historischen Perioden unterschiedlich, nach dem Kalten Krieg also in kulturellen Begriffen. Die Macht der Staaten wird durch internationale Institutionen und regionale Bewegungen begrenzt. Staaten bleiben zwar Hauptakteure des Weltgeschehens, müssen aber Einbußen an Souveränität, Funktionen und Macht hinnehmen. Internationale Institutionen beurteilen und beschneiden die Handlungen von Staaten auf dem eigenen Territorium. In Europa beispielsweise haben internationale Institutionen wichtige Aufgaben übernommen, die früher von Staaten wahrgenommen wurden. Weltweit übertragen auch Regierungen ihre Macht an innerstaatliche politische Organe auf Regional, Provinz oder Lokalebene. Es gibt regionale Bewegungen, die eine weitgehende Autonomie oder Sezession anstreben. Geldströme, Ströme von Ideen, Technologie, Güter und Menschen entgleiten den Staaten. Es entsteht eine veränderliche, komplexe, vielschichtige internationale Ordnung. Doch entsteht eine Welt im Chaos, wie die vierte Theorie besagt? Diese Theorie, der Zbigniew Brzezinski und Patrick Moynihan huldigen ist nach Huntington zu nahe an der Realität. Was immer das bedeuten mag.

Um den Prozess der Fragmentierung und den Prozess der Integration zu erklären, verwendet Huntington in seinem Ansatz Elemente der anderen. Das Ergebnis: Der Druck in Richtung Integration ist real, doch gibt es den Gegendruck der kulturellen Selbstbehauptung und des kulturellen Bewusstseins. Die Welt ist zweigeteilt aber nicht in Süd und Nord sondern in eine Welt der westlichen Kultur und allen anderen Kulturen. Nationalstaaten bleiben die wichtigsten Akteure, aber ihre Interessen, Zusammenschlüsse und Konflikte werden von kulturellen Faktoren geprägt. Die Welt ist anarchisch, aber die Konflikte, die die größte Gefahr für die Stabilität darstellen, sind jene zwischen Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen. Entwicklungen, die Huntington damit zu erklären versucht sind der Zusammenbruch der Sowjetunion und Jugoslawiens, der weltweite Aufstieg des religiösen Fundamentalismus, das Ringen Russlands, der Türkei und Mexikos um die eigene Identität, die Handelskonflikte zwischen den USA und Japan, der Widerstand islamischer Staaten gegen den Druck des Westens auf den Irak und Libyen, die Bemühungen islamischer und konfuzianischer Staaten um den Erwerb von Kernwaffen und der Mittel zu ihrem Einsatz, die fortdauernde Rolle Chinas als „Außenseiter“ Großmacht, die Konsolidierung neuer demokratischer Regierungen in einigen Ländern, aber nicht in anderen, und der zunehmende Rüstungswettlauf in Ostasien.

Wichtig ist hier vom Wortgebrauch her, dass von allen objektiven Elementen, die eine Kultur definieren, das wichtigste gewöhnlich die Religion ist. Der Westen, wird als Terminus benutzt, um das zu bezeichnen, was einmal als das christliche Abendland galt. Historisch gesehen ist westliche Kultur, europäische Kultur, doch heute ist westliche Kultur euroamerikanische oder nordatlantische Kultur. Weitere Kulturkreise sind der sinische, der japanische, der islamische, der lateinamerikanische. Die elementaren Merkmale, die Religionen sind die fünf Weltreligionen (Christentum, Islam, Hinduismus, Konfuzianismus, der Buddhismus dagegen fällt nicht mit einem Kulturkreis zusammen). Die unmittelbare Quelle der westlichen Expansion war die Technologie (Hochseenavigation, militärisches Potential).Auf ein multipolares westliches System internationaler Beziehungen folgte ein bipolares halbwestliches System und darauf ein multipolares, multikulturelles System. Ein internationales System ist nach Hedley Bull, „wenn zwei oder mehr Staaten hinreichenden Kontakt zueinander haben und hinreichenden Einfluß auf die Entscheidungen des jeweiligen anderen ausüben, um beide- wenigstens in einem gewissen Ausmaß- zu veranlassen, sich als Teile eines Ganzen zu verhalten.“. Eine internationale Gesellschaft existiert erst, wenn Staaten in einem internationalen System gemeinsame Interessen und gemeinsame Werte haben, sich einem gemeinsamen System von Regeln verpflichtet wissen, sich in die Arbeit von gemeinsamen Institutionen teilen und eine gemeinsame Kultur oder Zivilisation besitzen.

Eine universale Zivilisation? Ist sie möglich?

Bewegen wir uns auf eine „universale Zivilisation“ zu fragt Huntington. Gemeint ist das kulturelle Zusammenrücken der Menschheit und die zunehmende Orientierungen, Praktiken und Institutionen durch Völker in der ganzen Welt. Kann Kommunikation ein Faktor sein dies zu erreichen? Laut Huntington nein. Er sieht keine Beweise, dass das Entstehen einer umfassenden globalen Kommunikation eine nennenswerte Konvergenz der Einstellungen und Überzeugungen bewirken würde. Die Menschen interpretieren Kommunikation im Sinne ihrer eigenen, vorhandenen Werte und Perspektiven. „Ein und das selbe Bild“, so Kishore Mahbubani, „gleichzeitig in die Wohnzimmer der ganzen Welt übertragen, löst entgegen gesetzte Wahrnehmungen aus“. Das musste auch Mark Zuckerberg erfahren, als er seine Facebook Kriterien aufzustellen versuchte. Daher gibt es nun eine regionale Einteilung. Wichtig aber Huntingtons Hinweis: „Globale Kommunikation ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Manifestationen westlicher Macht…Das Ausmaß, in dem die globale Kommunikation vom Westen beherrscht wird, ist daher eine wesentliche Quelle des Ressentiments und der Feindseligkeit nichtwestlicher Völker gegen den Westen.“

Auf die Religion bezogen, hält Huntington eine universale Religion für noch unwahrscheinlicher als eine universale Sprache. Das ausgehende 20. Jahrhundert hat ein Widererstarken von Religionen in aller Welt gesehen. Das hat die Intensivierung des religiösen Bewusstseins und den Aufstieg fundamentalistischer Bewegungen mit sich gebracht. Es hat die Unterschiede zwischen den Religionen verstärkt. Konkret bedeutet das nach Huntington, dass sich in rapide sich modernisierenden Gesellschaften, …“in denen die traditionelle Religion die durch diese Veränderungen hervorgerufenen Bedürfnisse nicht zu befriedigen vermag,… ein Potential für die Ausbreitung des westlichen Christentums und des Islam“ existiert. Er glaubt „Auf lange Sicht gesehen wird jedoch Mohammed das Rennen machen. Das Christentum breitet sich in erster Linie durch Bekehrung aus, der Islam durch Bekehrung und Reproduktion.“

Das Konzept einer universalen Kultur ist jedoch ein Produkt des westlichen Kulturkreises, das die Dominanz des Westens in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht vorsieht. Doch ist es so dass die Nichtwestler als westlich betrachten, was die Westler als universal betrachten. Der Sieg der westlichen Werte als einzige Alternative ist somit ein Trugschluss. Auch Handel, Investitionen, Tourismus, Medien, die elektronische Kommunikation generell erzeugen keine gemeinsame Weltkultur. Denn Menschen definieren ihre Identität über das was sie nicht sind. Die genannten Faktoren die die Interaktionen zwischen den Kulturen vervielfachen, führen im Gegenteil dazu, dass die Menschen ihrer kulturellen Identität zunehmend größere Bedeutung beimessen. Trotzdem können durch die Interaktionen, den Transfer, die modernen Gesellschaften einander ähnlicher sein als traditionelle, aber dass moderne Kultur gleich westliche Kultur ist, ist ein Trugschluss.

Was ist westlich? Das klassische Erbe, Katholizismus und Protestantismus, europäische Sprachen, Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, Rechtsstaatlichkeit, gesellschaftlicher Pluralismus, Repräsentativorgane, Individualismus. Die Kombination macht es. Sie macht den Westen westlich, aber nicht modern. Am Anfang des Wandels fördert Verwestlichung die Modernisierung, später hingegen fördert die Modernisierung die Entwestlichung und das Wiederaufleben der heimischen Kultur. Die bedeutendsten Machtzuwächse sieht Huntington in den asiatischen Kulturkreisen, China wird dabei den globalen Einfluss des Westens in Frage stellen. Die Globalisierung der Verteidigungsindustrie und die Verbreitung der Massenvernichtungsmittel lässt den militärischen Vorsprung des Westens schwinden. Das macht Regionalisierung zur zentralen Tendenz der militärischen Strategie und der militärischen Macht in der Welt nach dem Kalten Krieg. Die Verteilung von Kulturen spiegelt die Verteilung von Macht in der Welt, Kultur folgt fast immer der Macht. Und die wachsende Macht nichtwestlicher Gesellschaften infolge ihrer Modernisierung bewirkt die Erneuerung nichtwestlicher Kulturen. „Religion löst Ideologie ab und religiöser Nationalismus ersetzt säkularen Nationalismus.“ Religiöse Bewegungen, auch fundamentalistische sind äußerst gewandt im Einsatz moderner Massenkommunikationsmittel und Organisationstechniken zur Verbreitung ihrer Botschaft. „Auf jeden Fall werden asiatisches Wirtschaftswachstum und muslimischer Bevölkerungsdruck in den kommenden Jahrzehnten zutiefst destabilisierende Auswirkungen auf die etablierte, westlich dominierte internationale Ordnung haben.“ So Huntington.

Konflikte zwischen Gruppen verschiedener Zivilisationen werden für die globale Politik zentral. Das Wesen des Konflikts ist menschlich. Aber regionale Konflikte ersetzen den globalen Konflikt. Kooperation geht nur da wo Geographie und Kultur sich deckt. Die neue Weltordnung sieht wie folgt aus: Die Supermächte des Kalten Krieges werden von den Kernstaaten der großen Kulturkreise abgelöst, die für andere Länder zum Hauptpol von Anziehung und Abstoßung werden. Kein Land hat globale Sicherheitsinteressen auch nicht die USA. Die Vereinten Nationen sind keine Alternative zu regionaler Macht. Regionale Macht ist dann verantwortungsbewusst und legitim, wenn sie von Kernstaaten über andere Mitglieder ihres Kulturkreises ausgeübt wird. Das Kriterium westlich würde die Beitrittskriterien für die Zulassung neuer Mitglieder in westlichen Organisationen liefern. Das gilt auch für die NATO. Russland wäre dann das Kernland eines orthodoxen Kulturkreises, das mit der NATO auf der Basis der Gleichberechtigung verkehrt. Auf der anderen Seite gibt es China als Kernstaat einer chinesischen Kultur (sinische Zone) und den Islam, dessen Zusammenhalt auf Tribalismus und Religion beruht anders als im Westen der Nationalstaat die Grenzen setzt. Es hat nie einen Panarabischen Staat gegeben, der Gedanke eines souveränen Nationalstaats ist unvereinbar mit dem Glauben an die Souveränität Allahs und den Primat der ummah. Als revolutionäre Bewegung verwirft der islamische Fundamentalimus den Nationalstaat zugunsten der Einheit des Islams. So ist auch der „Islamische Staat“ keineswegs ein Staat im nationalen territorialen Sinne. Doch zerfällt auch der Islam in mehrere konkurrierende Machtzentren. Das Konzept des Islam hat Kernstaaten in der Vergangenheit nur dann entstehen lassen, wenn sie unter einer religiösen und politischen Führung standen (Sultanat, Kalifat). Ein islamischer Kernstaat muss also die wirtschaftlichen Ressourcen, die militärische Macht, das organisatorische Potential, islamische Identität und religiöses Engagement besitzen, um der ummah politische und religiöse Führung bieten zu können. Als Kernstaat dieses Kulturkreises könnte sich die Türkei mausern, denn von allen muslimischen Ländern unterscheidet sich die Türkei dadurch, dass sie tief greifende historische Beziehungen zu Muslimen auf dem Balkan, im Nahen Osten, in Nordafrika und Zentralasien hat. Dazu bedarf es eines Führers, der religiöse und politische Legitimität in sich vereinigt. Hier denken wir ganz schnell an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seine Bestrebungen seine Macht zu manifestieren. Die Konfliktlinien der Zukunft beschreibt Huntington wie folgt: Auf der Mikroebene verlaufen die Bruchlinien zwischen dem Islam und seinen orthodoxen, hinduistischen, afrikanischen bzw. westlich-christlichen Nachbarn. Auf der Makroebene spielt sich die Teilung zwischen dem Westen und dem Rest ab. Die heftigsten Zusammenstöße gibt es dabei zwischen muslimischen und asiatischen Gesellschaften einerseits und dem Westen andererseits. Die gefährlichsten Konflikte ergeben sich dann aus dem Zusammenwirken von westlicher Arroganz, islamischer Unduldsamkeit und sinischem Auftrumpfen. „Was für den Westen Universalismus ist, ist für den Rest der Welt Imperialismus“. Der Westen definiert seine Interessen als die Interessen der Weltgemeinschaft, um seine Handlungen zu rechtfertigen. Dazu gehört der Versuch, die Volkswirtschaften nichtwestlicher Gesellschaften in ein weltweites Wirtschaftssystem zu integrieren, das er dominiert. Streitfragen, die den Westen und andere Gesellschaften spalten: die Politik der Nichtverbreitung, um militärische Überlegenheit zu behaupten, das Dringen auf die Achtung der westlich verstandenen Menschenrechte und die Übernahme einer westlich geprägten Demokratie, und die Beschränkung der Anzahl von Nichtwestlern, die als Einwanderer oder Flüchtlinge zugelassen werden, die kulturelle, soziale und ethnische Integrität westlicher Gesellschaften zu schützen. Dabei hat der Westen Schwierigkeiten seine Interessen gegen die Interessen der Nichtwestler zu vertreten.

Im Hinblick auf die Kernwaffen haben die Führer nichtwestlicher Staaten eine Lehre befolgt, „Wenn Du Kernwaffen hast, werden die USA keinen Krieg gegen Dich führen.“ Kernwaffen fragmentieren die Welt nach dem Kalten Krieg, völlig entgegengesetzt zu ihrem Zweck während des Kalten Krieges. Huntington spricht von einer konfuzianisch-islamischen Rüstungsschiene zwischen China und Nordkorea zu Pakistan und dem Iran. Als Ergebnis dieser Entwicklungen, die Gefahr für das Interesse des Westens ist die Weitergabe von Massenvernichtungsmitteln an die Spitze der westlichen Sicherheitsagenda gerückt. Präsident Clinton erklärte den nationalen Notstand, gründete die Counter Proliferation Initiative und schuf den Posten eines Staatssekretärs für diese Aufgabe. Die Nichtweitergabe wird unterschiedlich interpretiert, der Westen sieht es als Interesse die internationale Ordnung und Stabilität zu erhalten, die anderen sehen darin das Hegemoniestreben des Westens. Im Falle der nordkoreanischen Nuklearkrise der 90er Jahre sieht Huntington ein Hineinsteigern auf amerikanischer Seite während Südkorea von einer koreanischen Bombe im Falle einer Wiedervereinigung träumt, die zusammen mit der südkoreanischen Wirtschaftsmacht ein geeintes Korea zu einem Hauptakteur in Ostasien machen würde. Die Verbreitungsgefahr wird vorrangig von den USA gesehen, weniger von den Nachbarn in Ost und Südasien. 1993 verschoben sich die Ziele der USA von der Nichtweitergabe zur ausgleichenden Weitergabe von Waffen. Das folgt der realistischen Einsicht, dass die Verbreitung von Kernwaffen in einem gewissen Umfang nicht zu vermeiden ist. Die Politik wird übergehen zur potentiellen Nutzbarmachung der Weitergabe für die Interessen der USA und des Westens. „Die Weitergabe von Kern- und anderen Massenvernichtungswaffen ist ein zentraler Aspekt der langsamen, aber unausweichlichen Verteilung der Macht in einer multikulturellen Welt“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stand die Verbreitung der Demokratie ganz oben auf der amerikanischen Agenda, doch alle nichtwestlichen Zivilisationen waren dagegen resistent allen voran der Islam und Asien (Menschenrechtsfrage in China). Der Druck die Wirtschaftsbeziehungen mit den aufstrebenden asiatischen Ländern nicht zu gefährden war letztlich stärker als die Menschenrechts- und Demokratiefrage.

Hinsichtlich des Faktors Migration bezeichnet Huntington ihn als „Motor der Geschichte“. Der Export von Menschen hat schon im 16. und 20. Jahrhundert die wichtigste Dimension beim Aufstieg des Westens gebracht. Gründe waren die Entkolonialisierung und Errichtung neuer Staaten und Politiken, aber auch die Modernisierung und technologische Entwicklung, Verbesserungen des Transports, der Kommunikation erhöhen den Anreiz zur Wahrnehmung wirtschaftlicher Chancen. Im 20. Jahrhundert wurde die Auswanderung durch die wirtschaftliche Entwicklung in nichtwestlichen Gesellschaften gefördert. „Migration hält sich selbst am Laufen“. In den 70er Jahren wurde die Migration noch gerne gesehen, aber in den 80er Jahren vollzog sich ein Wandel. Der nichteuropäische Charakter brachte Befürchtungen, sie basieren auf echten kulturellen Konflikten und Sorgen über die nationale Identität. Das trifft vor allem die muslimische Einwanderung. Die Angst vor einer muslimischen Gemeinschaft quer über alle europäischen Grenzen hinaus, vor einer dreizehnten Nation. Europäische und islamische Parteien radikalisierten sich. In Deutschland wurde der Artikel 16 des Grundgesetzes geändert, der aus politischen Gründen Verfolgten Asyl zusagt und kürzte Leistungen für Asylbewerber. Die Europäer empfinden die muslimische Einwanderung als eine Bedrohung, die Amerikaner die lateinamerikanische und asiatische, primär der mexikanische. 1994 verschärfte die Clinton Regierung die Einwanderungskontrollen, straffte die Gesetze zur Gewährung von politischem Asyl, erweiterte den „Immigration und Naturalization Service“ verstärkte die Grenzpolizei (Border Patrol) und errichtete an der Grenze zu Mexiko massive Barrieren. Das zeigt, dass Präsident Donald Trumps Mauer zwar den Höhepunkt der Entwicklung darstellt, aber keinesfalls der Anfang war. Eine anhaltende Einwanderung ist daher geeignet Länder in eine christliche und in eine muslimische Gemeinschaft zerfallen zu lassen. Aber es gibt auch Kosten für die Restriktion der Einwanderung: direkte fiskalische Kosten von Anti-Einwanderungs-Gesetzen, soziale Kosten einer weiteren Entfremdung der existierenden Einwanderergemeinschaften und die potentiellen langfristigen Kosten von zu niedrigen Wachstumsraten. Als Mittel muss der Westen seine wirtschaftlichen Ressourcen mit anderen Gesellschaften geschickt als Zuckerbrot und Peitsche einsetzen, um seine Einheit zu stärken. Er muss politische Strategien koordinieren, damit nicht ein westlicher Staat gegen den anderen ausgespielt werden kann und muss Differenzen zwischen Nichtwestlichen Staaten fördern und ausnutzen. So Huntington.

Als Konfliktmuster spricht Huntington von einem neuen kulturellen kalten Krieg. Ein Krieg entsteht dann aus der Eskalation von Bruchlinienkonflikten zwischen lokalen Gruppen, wenn verwandte Gruppen, einschließlich Kernstaaten zur Hilfe kommen oder zweitens kann ein Kernstaatenkrieg aus Veränderungen des weltweiten Machtgleichgewichts zwischen den Kulturkreisen resultieren. Das ist wiederum abhängig davon, ob die Kulturen die Politik des Sich- Anhängens oder die Politik des Gegengewichts als Reaktion auf den Aufstieg einer neuen Macht bevorzugen. In asiatischen Kulturkreisen wird die erste Politik, bei den USA, Indien Russland wird ein Gegensteuern gegen den chinesischen Aufstieg erwartet. „Die Dynamik des Islam ist also die fortdauernde Quelle vieler kleiner Bruchlinienkriege; der Aufstieg Chinas ist die potentielle Quelle eines großen interkulturellen Krieges zwischen Kernstaaten. “Der Hauptschauplatz nach dem Kalten Krieg wird laut Huntington Ostasien sein. Während der Bush und erst recht während der Clinton Regierung sprechen beide Seiten (USA und auf der anderen Seite China und Japan) von einem Kalten Krieg. Verweise auf Handelskriege waren gang und gäbe. Also auch hier zeigt sich, dass die Trumpsche Handelspolitik gegenüber den asiatischen Partnern keineswegs neu ist. China ging gar davon aus, dass die USA es spalten und politisch unterwandern, strategische eindämmen und wirtschaftlich frustrieren wolle. Die USA würden keinen mächtigen Gegner in Ostasien tolerieren. Durch die Verbindungen der Kommunikation, des Handels, der Investitionstätigkeit, des Wissens voneinander prallten die Interessen aufeinander. Die wirtschaftliche Entwicklung Ostasiens verschob das Gleichgewicht der Macht, die Asiaten bekräftigten die Gültigkeit ihrer Werte und Institutionen und die Überlegenheit ihrer Kultur. Während die USA nach dem Kalten Krieg vom Sieg ihrer Werte und Institutionen ausging und glaubte die Macht zu besitzen Außen und Innenpolitik asiatischer Gesellschaften zu gestalten. Die Quellen des Konflikts liegen in fundamentalen Unterschieden in Gesellschaft und Kultur und damit der beiden Wirtschaftssysteme. Die „Gouvernante“ Amerika musste sich langsam an das neue Selbstbewusstsein gewöhnen. Die USA trennten Sicherheits- von Handelsfragen, machten Zugeständnisse in Erwartung von Gegenleistungen. Doch Asiaten honorieren Zugeständnisse nicht, sondern nutzen sie aus. Konflikte über Handelsfragen wurden in langen Verhandlungen ausgetragen, die kurz vor dem Scheitern zustande kamen, aber so mehrdeutig formuliert waren, dass die Amerikaner einen Sieg deklarieren konnten, die Asiaten sich aber nicht daran halten mussten. Das Muster erinnert an die Verhandlungen um die nordkoreanischen Nuklearwaffen. Das Ende des Kalten Krieges, die gewachsene Interaktion zwischen Asien und Amerika, der relative Machtverlust der USA brachte den Kampf der Kulturen zwischen den USA und den asiatischen Gesellschaften zum Vorschein, befähigte die Asiaten dem amerikanischen Druck zu widerstehen.

Hinsichtlich China ist die USA nicht bereit die Führungsrolle und Hegemonie Chinas in Asien zu akzeptieren und China nicht die Führungsrolle der USA in der Welt. Geschichte, Kultur, Tradition, Größe und wirtschaftliche Dynamik sowie sein Selbstverständnis treiben China dazu, eine Hegemonialstellung in Ostasien anzustreben. China bringt die Welt aus dem Gleichgewicht. Die Reaktion Gegengewicht oder Anpassung, nach westlicher Theorie ist das Gegengewicht die gewünschte Option, Amerika wird diesen Kurs verfolgen und versuchen China einzudämmen. Das bedeutet engere Beziehungen zu den anderen asiatischen Ländern und eine erhöhte Militärpräsenz. Sollten sie sich aber mit der Hegemonie zufrieden geben, müssen sie hinnehmen, dass ihr Einfluss die Ereignisse in Ostasien mitzugestalten beeinträchtigt ist. Wahrscheinlich ist die Anpassung der anderen asiatischen Staaten. Die Chinesen haben nie eine klare Trennungslinie zwischen inneren und äußeren Angelegenheiten gezogen, die traditionelle Weltsicht der Chinesen ist eine Widerspiegelung der konfuzianischen Vision von einer sorgfältig gegliederten hierarchischen Gesellschaft. Asiaten hatten nie eine Sympathie für multipolare und multilaterale Sicherheitskonzepte, sie sind generell bereit Hierarchie zu akzeptieren. Das asiatische Modell der Machthierarchie unterscheidet sich dramatisch vom europäischen Modell des Machtgleichgewichts. Doch das Ausmaß mit dem die Hegemonie die Interessen der anderen Asiaten bedroht oder die USA, hängt zum Teil davon ab, was in China geschieht. Chinas konfuzianisches Erbe mit seiner Betonung von Autorität und Ordnung, Hierarchie und dem Supremat des Kollektiven vor dem Individuellen legt der Demokratisierung Hindernisse in den Weg. Der gegenwärtige chinesische Präsident Xi Jingping festigt gerade seine Macht nach innen aber auch nach außen. Er erhebt erstmals Großmachtanspruch. Doch während sich westliche Gesellschaften für Konflikt und Gleichgewicht entscheiden, lassen Geschichte, Kultur und Realität erwarten, dass Asien für Frieden und Hegemonie optieren wird.

Bei den möglichen neuen Konstellationen spricht Huntington unter anderem von einer konfuzianisch-islamischen Schiene (Pakistan, Iran, China). Sie könnte zu einer Waffen-Ölachse werden. Auf der anderen Seite würden China und Russland zusammen das eurasische Gleichgewicht zuungunsten des Westens verändern. Ein eng mit dem Westen zusammenhängendes Russland wiederum würde ein Gegengewicht zur konfuzianisch-islamischen Schiene schaffen. Doch Russland hat Probleme mit beiden Nachbarn. Chinas Aufstieg bedroht die russischen Interessen. Seine wirtschaftliche Dynamik hat bereits Sibirien erreicht, die Russen in Sibirien sehen ihre Zukunft eher in Ostasien. Sind die Chinesen bei einer friedlichen Eroberung des russischen fernen Osten? Die sich entwickelnden wirtschaftlichen Beziehungen Chinas zu den früheren Sowjetrepubliken in Zentralasien könnten die Beziehungen zu Russland belasten. Das Konzept der neuen Seidenstrasse spricht dafür.

Russlands Beziehungen zum Islam auf der anderen Seite sind von seinem historischen Erbe der Abwehr durch Kriege gegen Türken, nordkaukasische Völker und zentralasiatische Emirate geprägt. Der Eindämmung der islamischen Bedrohung in Zentralasien gilt die Kooperation mit China und die Annäherung an den Iran. Indien war ein Verbündeter der Sowjetunion, führte Krieg gegen China und Pakistan. Chinas enge Beziehung zu Pakistan wird die Beziehung zu Indien auf Distanz halten. Da auch die Machtexpansion Indiens im 21. Jahrhundert erwartet wird, rechnet man mit einer Rivalität. Eine Expansion Indiens in Südasien kann dem Interesse der USA nicht schaden. Waffenlieferungen halten das Verhältnis zur Sowjetunion eng.

Der Multikulturalismus und der Niedergang des Westens?

Das Argument vom Niedergang des Westens nährt sich nach Huntington wie folgt: der Westen unterscheidet sich von den anderen Kulturen durch seine überwältigende Auswirkung auf die anderen Kulturen. Der westliche Kulturkreis ist zur Sicherheitszone geworden, Kriege innerhalb dessen sind unwahrscheinlich. Er ist mit seinen Institutionen der Kooperation (Staatenbündnissen, Bundesstaaten, Regime), die auf kultureller Ebene die Bindung des Westens an eine demokratisch-pluralistische Politik verkörpern das Äquivalent eines Weltreichs geworden. Die Widerstandsfähigkeit gegen zerstörerische Einflüsse von außen aber auch vor dem inneren Zerfall ist entscheidend für den Erhalt. Wenn die Investitionsrate sinkt, verfällt die Kultur. Das Problem ist, die westliche Kultur wird von Gruppen innerhalb in Frage gestellt. Die nationale Identität der Amerikaner wurde in der Vergangenheit durch ihre Zugehörigkeit zum westlichen Kulturkreis definiert. Hauptpunkte des Credos: Freiheit, Demokratie, Individualismus, Gleichheit vor dem Gesetz, Achtung von Verfassung und Privateigentum. Laut Huntington gerieten nach dem Kalten Krieg beide Aspekte durch eine kleine einflussreiche Minderheit von Intellektuellen und Publizisten unter Beschuss. Im Namen eines Multikulturalismus attackierten sie die Identifikation der USA mit dem westlichen Kulturkreis, leugneten die Existenz einer gemeinsamen amerikanischen Kultur und warben für rassische, ethnische und sonstige subnationale kulturelle Identitäten und Gruppierungen. Ihr Zweck die Amerikaner von dem sündigen westlichen Erbe zu befreien, ihnen erlösende Infusionen nichtwestlicher Kulturen zukommen zu lassen. Multikulturelle Verschiedenheit war ein Hauptziel der Clinton Regierung. Damit sollte ein Land geschaffen werden, das zu keiner Kultur gehört, eines kulturellen Kern ermangelt, sich daher nicht lange als kohärente Gesellschaft halten kann. „Die Ablehnung des Credos und der westlichen Kultur bedeutet das Ende der Vereinigten Staaten von Amerika, wie wir sie gekannt haben. Sie bedeutet praktisch auch das Ende der westlichen Kultur.“ so Huntington. Damit reduziert sich der Westen auf Europa. Der Konflikt zwischen Multikulturalisten und Verteidigern der westlichen Kultur und des amerikanischen Credos ist der eigentliche Kampf im westlichen Kulturkreis. Aktuell wird diese Thematik durch die kürzlichen Äußerungen des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der sich erschrocken zeigt, über die Folgen des Multikulturalismus.

Die Rettung des Westens sieht Huntington zu Folge nur so aus: „Wenn Nordamerika und Europa ihre moralischen Grundlagen erneuern, auf ihre kulturelle Gemeinsamkeit bauen und Formen einer engen wirtschaftlichen und politischen Integration entwickeln, die ergänzend neben ihre Sicherheitszusammenarbeit in der NATO treten, könnten sie eine dritte, europäische Phase des wirtschaftlichen Wohlstands und politischen Einflusses stiften.“ Doch ob der Westen politisch und wirtschaftlich zusammenfindet wird davon abhängen, ob die USA ihre Identität als westliche Nation bekräftigt und ihre Rolle definiert. Den Sieg der westlichen Werte durchsetzen zu wollen ist dagegen falsch, unmoralisch und gefährlich (Krieg der Kulturen). Wichtig ist es einzusehen, dass die Intervention des Westens in Angelegenheiten anderer Kulturkreise wahrscheinlich die gefährlichste Quelle von Instabilität und potentiellem globalen Konflikt in einer multikulturellen Welt ist. Die USA muss die Extreme meiden und eine Atlantik orientierte Politik der engen Zusammenarbeit mit ihren europäischen Partnern verfolgen, um die Interessen und Werte ihrer einzigartigen gemeinsamen Kultur zu schützen und zu fördern. Die Wahrscheinlichkeit eines globalen Kriegs ist nicht hoch. Die Empfehlung Huntingtons sind drei Prinipien: das Prinzip der Enthaltung, das Prinzip der gemeinsamen Vermittlung und das Prinzip der Gemeinsamkeiten.

Und wieder geht es um die Verteilung der Kernwaffen und Institutionen.

Der Wettlauf um die Führungsposition in einer Kultur, der ein Kernstaat fehlt, kann auch zum Wettlauf um Kernwaffen führen. Eine Welt, in der nur eine oder zwei Kernstaaten in jedem großen Kulturkreis Kernwaffen besitzen, die anderen nicht kann eine stabile Welt sein. Der andere Faktor neben Kernwaffen sind die Institutionen, sie sind nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, daher westlich geprägt. Geht die Macht des Westens im Verhältnis zu anderen Kulturen zurück, entstehen Pressionen die Institutionen entsprechend den Interessen der anderen Kulturen umzugestalten (z.B. Sitz im Sicherheitsrat der UN).

Huntington geht davon aus, dass „Multikulturalismus in der Heimat (…) die USA und den Westen (gefährdet); Universalismus im Ausland (…) den Westen und die Welt (gefährdet).“ Die Bewahrung der USA und des Westens erfordert die Erneuerung der westlichen Identität, die Sicherheit der Welt erfordert das Akzeptieren der multikulturellen Welt. Anstatt die vermeintlich universalen Aspekte einer Kultur zu propagieren, gilt es im Interesse der kulturellen Existenz nach dem zu Suchen was den meisten Hochkulturen gemeinsam ist. Dabei ist vorstellbar, dass Modernisierung im Verein mit einer moralischen Entwicklung des Menschen, die durch größere Bildung, Bewusstheit und Kenntnis der menschlichen Gesellschaft und ihrer natürlichen Umwelt herbeigeführt wird, eine stetige Bewegung zu immer höheren Zivilisationsgraden bewirkt. Es ist eigentlich der Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei, die großen Weltkulturen müssen vereint marschieren, um ihn zu gewinnen.

Nach dem realistischen Ansatz und dem kulturellen bleiben aber immer noch viele Fragen offen, vor allem nach einem allgemeingültiger anzuwendendem Ansatz.

Der Faktor Mensch

Wir probieren es mit dem Ansatz der Münchner Schule des Neorealismus von Professor Gottfried-Karl Kindermann. Er sieht im Zentrum den Fundamentalbegriff der Politik: „Es ist vielmehr der Begriff eines differenziert definierten Entscheidungshandelns einerseits unter den Bedingtheiten eines monozentrisch strukturierten Gesellschaftssystems und auf dessen Erhaltung bezogen sowie andererseits bezogen auf das polyzentrische System der Internationalen Politik, das aus der Koexistenz und Interaktion einer zentral nicht gelenkten Vielzahl einzelner Aktions-und Entscheidungssysteme hervorgeht.“
Kurz gesagt Politik ist Entscheidung und Handlung, begrenzt vom Antrieb das eigene System zu erhalten und auf die anderen Akteure und ihrer Handlungen zu antworten. Dabei ist das Grundelement der Politik der handelnde Mensch. Sein Handeln ist an der Erwartung bezüglich der Wirkung orientiert. Die richtige Einschätzung bringt dabei den Erfolg. Sie wiederum beruht auf systematisierbaren Erkenntnissen typischer Verhaltensformen. Dabei liegt der Widerspruch zwischen den menschlichen Fähigkeiten zu naturwissenschaftlichen Beherrschung der Materie und der stagnierenden Fähigkeiten menschlichen Vermögens zu einer entsprechenden Meisterung zwischenmenschlicher Beziehungen.

Die innerstaatliche Primärfunktion der Politik ist Kindermann zufolge ein situationsbedingtes, wertbezogenes und lernfähiges Entscheidungshandeln in öffentlichen Angelegenheiten, um arbeitsteilige Gesellschaftssysteme im Rahmen ihrer staatlichen Organisation durch legitimierte und durchsetzbare Ordnungsgestaltung funktionsfähig zu erhalten, und ihre Beziehungen zu auswärtigen politischen Systemen zu regeln.

Außenpolitik ist dagegen “situationsbedingtes, interessenbezogenes und lernfähiges Entscheidungshandeln der Führungskräfte und Vollzugsorgane einzelner Staaten und sonstiger Aktionssysteme der Internationalen Politik mit der Funktion, die Beziehungen ihres jeweiligen Staates…zu anderen Staaten und Aktionssystemen der Internationalen Politik bei bestmöglicher Wahrung und Durchsetzung der von der eigenen Systemführung definierten Interessen zu regeln. Die inhaltliche Festlegung und Strukturierung dieser Interessen sowie die Verhaltensplanung und der Mitteleinsatz zum Zweck ihrer Verwirklichung werden von den Führungskräften im Regelfall unter doppelseitiger Berücksichtigung sowohl innerstaatlicher Prozesse der politischen Willensbildung als auch internationaler Umweltfaktoren (insbesondere des Verhaltens anderer Staaten) vollzogen.

Nach innen gilt also ein wertbezogenes Handeln, nach außen ein interessenbezogenes.

Die Internationale Politik verkörpert ein vielschichtiges, polyzentrisches und dynamisches Interaktionssystem ohne zentrale Entscheidungs- und Vollzugsorgane sowie ohne erzwingbares Rechtssystem, dessen Struktur und Dynamik aus den außenpolitischen Interaktionsprozessen und Beziehungssystemen zwischen koexistierenden und variabel interdependenten Aktionssystemen (monozentrisch strukturierten Staaten und anderen Systemtypen) gebildet wird.“ Wiederum kurz gesagt ist außenpolitisches Handeln von der Situation abhängig, von den Interessen, den eigenen (der Handelnden/Staaten u.a.) und auch von den äußeren Bedingungen. Die internationale Politik gleicht einem Perpetuum mobile, ist immer in Bewegung, allerdings weil immer ein Input stattfindet. Dieser Ansatz ist natürlich zeitlos anwendbar, solange Menschen die Geschicke der Politik leiten, und nicht künstliche Intelligenz.

Wenden wir uns den äußeren Bedingungen zu. Hier kann das internationale System einen Einfluss auf das Handeln der Staaten haben. Es legt die Bandbreite der außenpolitischen Strategie fest. So führt ein Wandel im außenpolitischen System zu einem veränderten Handeln der Staaten. Mit der Auflösung des Kalten Krieges hat ein zweifacher Wandel stattgefunden: in der Konstellation und in der Dynamik (Funktion).

Die Konstellation betreffend ist durch die Auflösung der Bipolarität (Ost-West-Gegensatz) hinsichtlich des Faktors militärische Macht Unipolarität entstanden, hinsichtlich des Faktors wirtschaftliche Macht Multipolarität. Bei zunehmender Gewichtung des Faktors Wirtschaft und abnehmender des Faktors Militärmacht taucht eine multipolare Weltordnung auf. Das führt dazu, dass die nationalen Interessen einschließlich der Sicherheitsinteressen durch Außenhandel und „Diplomatie“ wahrgenommen werden. Der Nord-Süd-Gegensatz ist dagegen geblieben und verstärkt sich durch den Wandel. Das führt dazu, dass die „ohnmächtigen“ Staaten auf Waffen setzen, genauer auf Massenvernichtungswaffen. Das führt seinerseits zu einem Systemwandel, zu einer Multilateralisierung. Das Beispiel Nordkorea.

Die Dynamik betreffend (Funktion) fand der Wandel bei den Faktoren Wirtschaft und Nichtverbreitung statt. Es sind globale Fragen, sie können bei Kooperation zur Integration führen (z.B. Freihandelsabkommen, Umweltabkommen, Sicherheitsabkommen, z. B. IAEA), dabei auch zu einer Abnahme der Rolle von Staaten und zur Zunahme der Rolle internationaler, regionaler, funktionaler, staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen und Regime. Zur Zunahme der Kooperation ist Informations- und Kommunikationsaustausch zur Vertrauensbildung durch Integrationspolitik notwendig. Die duale Rolle funktionaler Organisationen (z.B. Internationale Atomenergiebehörde) zeigt sich allerdings auch immer wieder. Einerseits sind sie ein Faktor für Integration andererseits aber auch Instrument der mächtigsten nationalen Mitglieder.

Auch hier sind Massenvernichtungsmittel/Kernwaffen und Institutionen die bedingenden Faktoren, hinzu kommt die Kommunikation.

Robert O. Keohane definiert Institutionen als eine Reihe von anhaltenden und verbundenen Regeln (formell und informell), die Verhaltensrollen beschreiben, Aktivitäten begrenzen und Erwartungen gestalten. Für ihren Einfluss auf das staatliche Handeln und für die Ursachen institutionellen Wandels gibt es zwei Bedingungen: Die Akteure müssen gemeinsame Interessen haben, aus der Kooperation gewinnen, die Wandel im Grad der Institutionalisierung üben aber auch ihrerseits Einfluss auf das staatliche Verhalten aus. Die Hauptfunktion der Institutionen ist Information zu erhalten und zu übermitteln. Die nordkoreanische Nuklearkrise der 90er Jahre hätte bei konsequenter Durchführung der Institution der KEDO (Korean Peninsula Energy Development Organization) ein Mittel zur Kooperation liefern können. Leider ist das sowohl an kulturellen als auch an parteipolitischen Differenzen gescheitert.

Ein weiterer Faktor Kooperation zu schaffen ist die zunehmende Vernetzung der Welt durch Kommunikation, der Aufbau einer globalen Gemeinschaft. Als Spiegelbild könnten die Entwicklungen im Social Media Konzern Facebook gesehen werden. Zuckerberg will die soziale Infrastruktur für eine globale Gemeinschaft aufbauen, in der sich alle gegenseitig unterstützen, beschützen, informieren, …er tritt für ein bürgerliches Engagement ein. Facebook will traditionelle Institutionen unterstützen. Da die Bedrohungen global sind, soll eine globale Infrastruktur helfen zu schützen. Das können die Nationalstaaten nicht allein. Zuckerberg will, wie er sagt, eine Gemeinschaft der Völker aufbauen, mit Regeln, die unsere kollektiven Werte reflektieren. Doch bereits bei diesem Punkt gibt es Probleme. Facebook muss sich hin zu regionalen Regeln und sogar persönlichen Kontrollen der Inhalte bewegen. Zuckerberg zufolge soll das ein Modell sein, wie ein kollektiver Entscheidungsprozess auch in anderen Aspekten der globalen Gemeinschaft funktionieren kann. Den neuesten Anweisungen Zuckerbergs zufolge bewegt sich aber Facebook weg vom globalen Ansatz, hin zum Regionalen. Regionale Nachrichten, der regionale Austausch wird bevorzugt auch in den Newsfeed. Spielen doch die kulturellen Differenzen eine zu große Rolle?

Zusammenfassend lässt sich damit ein Ansatz empfehlen, der ein bischen von allem enthält.

Grundelement ist der Mensch, der Politik macht, mittels Entscheidung und Handlung. Sie ist situationsbedingt, er ist lernfähig „nobody is perfect“. Im Innenbereich ist diese Entscheidung wertbezogen, womit Huntington ins Spiel kommt. Nach außen ist sie interessenbezogen, wodurch die realistische Sichtweise einbezogen wird. Der Akteur legt die Interessenprioritäten fest. Da alle Akteure nach innen wertbezogen sind, ist das ihr Input, mit dem sie aufeinander treffen. Nachdem sie aus verschiedenen Kulturen kommen, sind die Werte unterschiedlich, wodurch ein multipolares System von Akteuren entsteht. Auch die Interessen sind unterschiedlich. Die Determinanten sind politisch, wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und auch kulturell. Massenvernichtungswaffen schaffen als Faktor gesehen Multipolarität und sind ein Konfliktpotential. Nichtverbreitungsregime können Integration und damit Kooperation schaffen. Insgesamt sollen Institutionen (im wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen, klimatechnischen Bereich, usw) der Integration bzw. Kooperation dienen. Das Selbe kann auch für die Entwicklung der technologischen Kommunikationsmittel im Rahmen der digitalen Revolution gelten. Doch gibt es dabei Grenzen, wie gezeigt. Diese zu überwinden ermöglicht die Bildung, sie veranlasst die Verschiedenheit zu akzeptieren und Gemeinsamkeiten zu suchen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jürgen Fritz, Florian A. Hartjen, Aleksandra Sowa.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Europa-politik, Multikulturalismus, Donald-trump

Debatte

Groteske Stilblüten der Anti-Trump-Presse

Medium_7996f44299

Mediale Milde für unmenschliche Mörder?

US-Präsident Donald Trump polarisiert. Ungeachtet der jüngsten Erfolge in der Korea- oder Wirtschaftspolitik: Seit dem extrem polemischen Wahlkampf, der ihn ins Amt brachte, ist er für seine Gegner... weiterlesen

Medium_8df5903cb8
von Alexander Graf
27.05.2018

Kolumne

Medium_34504e8e15
von Reinhard Schlieker
27.05.2018

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
25.05.2018
meistgelesen / meistkommentiert