Zu viele Länder folgen immer noch der alten Logik des Kalten Kriegs. Kumi Naidoo

Begegnet euch!

Warum im Zeitalter der sozialen Netzwerke die physische Begegnung und das reelle Eintauchen in eine Kultur mindestens genauso wichtig sind wie der digitale Austausch. Ein Plädoyer für den deutsch-französischen Austausch.

Deutschland, da denken viele an das starke wirtschaftliche Modell, Organisation und Pünktlichkeit; Frankreich wird häufig mit „savoir-vivre“, Lebenslust oder Freigeist verbunden. Die beiden Länder sind und bleiben zwei unterschiedliche Staaten, aber sie dürfen nicht auf Klischees reduziert werden. Diese Stereotype kann man überwinden, wenn man mit der Sprache, der Geschichte und dem Zeitgeschehen des Nachbarlands vertraut ist. Das geht am besten durch die persönliche Begegnung. Beim Austausch entdeckt und erfährt man diese Unterschiede individuell und unmittelbar und bekommt eine besondere Bindung zum Nachbarland. Ein Austausch ist eine Chance, am Abenteuer der deutsch-französischen Freundschaft teilzuhaben. Wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass diese Utopie so schnell Wirklichkeit wird? Und wie geht es weiter?

Perspektive wechseln, Neugier wecken

Wenn Frankreich und Deutschland für die Menschen attraktiv und „exotisch“ bleiben sollen, müssen die Länder ihre Unterschiede pflegen, allerdings ohne an Meinungsverschiedenheiten zu scheitern. Um einen Beitrag zum friedlichen und gerechten Zusammenleben in Europa zu leisten, ist es wichtig, dass sich die Bürger auf Spurensuche begeben und die kulturellen, geschichtlichen und politischen Gegebenheiten im Nachbarland ergründen und vergleichen. Der Kontakt mit dem anderen Land eröffnet neue Perspektiven und birgt oft ungewöhnliche und unerwartete Erkenntnisse, man lernt nicht nur das andere Land, sondern auch sein eigenes kennen.

Wer die Verschiedenartigkeit unserer Schulsysteme erlebt (das eine arbeitet strenger mit Vorgaben, das andere ist auf Partizipation ausgerichtet), unsere Managementkulturen erfahren (dort setzt man auf den Experten, hier bevorzugt man den Generalisten) oder die Organisation unserer Verwaltungen kennengelernt hat (zentralistisch die eine, föderal die andere), vermag sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Diejenigen haben aber vor allem ihren persönlichen Erfahrungsschatz vergrößert und viele Anekdoten zu erzählen.

Wer die Begegnungen mit den Nachbarn verstärken und den europäischen Integrationsprozess ankurbeln will, der muss sich aktiv bewegen: engagiert, kreativ und vernetzt. Der Austausch hat sich durch das Internet und die sozialen Netzwerke gewandelt. Die Kommunikation ist unmittelbarer und schnell möglich. Allerdings bleibt dieser Austausch auf einer virtuellen Ebene. Natürlich ist es wichtig, verstärkt Medien wie das Internet zu nutzen, um die Aktualität der deutsch-französischen Beziehungen zu unterstreichen – gerade weil die „digital natives“ in der heutigen Zeit neue Kommunikationskanäle bevorzugen. Aber gerade deswegen müssen wir uns auch für die tatsächlichen Begegnungen, den persönlichen Austausch und das gemeinsame Erleben stark machen, damit die Kontakte nicht flüchtig sind, sondern sich entfalten und nachhaltig wirken können.

Blick über den Tellerrand

Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) fördert seit 50 Jahren den Jugendaustausch zwischen Deutschland und Frankreich, aber auch mit anderen Ländern Europas und der Welt. Noch immer sind die Begegnungen im „echten Leben“ ein unersetzlicher Antrieb für die Begeisterungsfähigkeit und die Neugier der jungen Menschen. Eine Vielzahl verschiedener Projekte von Schüleraustauschprogrammen, Sport- und Kulturfreizeiten über berufsorientierte Programme bis hin zum Hochschulaustausch bringt jährlich um die 200.000 Menschen zusammen.

Die Fülle der Programme und Austauschmöglichkeiten hat bereits eine tiefe Verbundenheit zwischen den beiden Ländern geschaffen. Diese Verbundenheit kann nur bestehen, wenn auch die zukünftigen Generationen erkennen, dass „hinter der Grenze“ was Interessantes geschieht und die Zusammenarbeit sich positiv auf den Alltag junger Menschen auswirkt. Der Blick über den Tellerrand und die Mobilität junger Menschen muss deswegen so leicht wie möglich gemacht werden. Beispielsweise mit der Angleichung der Bildungssysteme, der flächendeckenden gegenseitigen Anerkennung der Abschlüsse oder einem gemeinsamen Vereinsrecht. Dies würde nicht nur die deutsch-französischen Beziehungen stärken, sondern gleichzeitig den Weg zu einer größeren europäischen Konvergenz und einem stabiles Europa ebnen.

Die Zivilgesellschaft als Stärke der deutsch-französischen Zusammenarbeit

Es muss uns gelingen, die Fackel weiterzureichen und immer wieder neue Jugendliche in Frankreich und in Deutschland mit der Sprache und Kultur des Nachbarlandes vertraut zu machen. Nur so ist gewährleistet, dass auf allen gesellschaftlichen Ebenen genügend Bürger den Schlüssel einer Zusammenarbeit in den Händen halten. Diese Zusammenarbeit gelingt niemals automatisch, sie muss jeder Generation aufs Neue veranschaulicht werden, da sie für ein beständiges und solidarisches Europa dringend notwendig ist. Die Zivilgesellschaft macht die Stärke der deutsch-französischen Zusammenarbeit aus und überdauert so manche Unwägbarkeiten der Politik. Die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen liegt in den Händen der jungen Menschen in Deutschland und Frankreich. Sie sind die künftigen Akteure dieser Beziehungen. Begegnet euch!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hans-Olaf Henkel, Svenja Schulze , The European.

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Kolumne

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von Vincent-Immanuel Herr
15.06.2015
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