Die furchtbare Stille danach

von Beate Wedekind7.10.2014Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Einfache Antworten auf die Frage nach dem gerechten Krieg gibt es nicht. Geschichten eines Lebens, das sich diesem schlimmsten aller Ereignisse immer wieder bedrohlich näherte.

Beim Italiener in Berlin-Kreuzberg, gute Stimmung, guter Wein. Ein schöner Sommerabend. Das Thema: Urlaub. Ein Freund erzählt, dass er dieser Tage in Tel Aviv am Strand in der Sonne lag und eine Rakete über die Stadt schießen sah.

Er zeigt auf seinem iPhone die Fotos, die er vom Strandleben mit Rakete gemacht hat. Merkwürdige, surreale Bilder. Ich finde sie zutiefst irritierend. Sie erinnern mich an die Fotos, die mein Vater zwischen 1941 und 1943 in Nordafrika gemacht hatte, als er als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg im ­Afrikakorps am Strand irgendwo in Libyen – oder war es Ägypten? – posierte, Erinnerungsfotos für seine junge Frau, meine Mutter.

„Swush“, ahmt der Freund das Geräusch der ­Rakete nach. „Und? Es ist Krieg. Nichts Neues oder?“ Er ist in Haifa geboren, als Technologie-Experte ein Weltenwanderer. Der Großteil seiner Familie lebt in Israel, sein Vater hat an der Seite von Mosche Dajan im Sechstagekrieg gekämpft, seine Großeltern sind in Auschwitz umgebracht worden.

Zuflucht vor Mord und Totschlag

In der Pause einer Veranstaltung zum Thema Entwicklungspolitik diskutieren junge Akademikerinnen über ihre Ratlosigkeit. Sie fühlen sich durch die Medien nicht ausreichend informiert, stattdessen von Meinungen geradezu überschwemmt. Pro Israel, gegen Hamas. Pro Hamas, gegen Israel. ­Gefühle hegen sie für die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten. Eine sagt: „Krass, was da passiert, lässt mich kalt, für mich ist das nur ein weiterer tödlichen Konflikt, einer von vielen. Syrien, Irak, Nigeria, Mali, Ukraine. Hab ich was vergessen?“

Mein netter Taxifahrer ist aus Afrika. Vor 40 Jahren als Student aus Somalia nach Deutschland ­gekommen, hat er eine Deutsche geheiratet. Sie haben drei Kinder. Wir sprechen über die Situation in seiner Heimat. Er lässt mich wissen, dass er aus dem Puntland komme, wo es immer friedlich gewesen sei. Er macht sich Sorgen um einen Sohn, der im letzten Jahr nach Juba ging, wo ein Studienkollege von ihm, Eritreer, ein Hotel gekauft hatte, ausgerechnet in die Hauptstadt des Südsudan, dem Bürgerkriegsland. Auch die Mutter hatte ihn nicht abhalten können. „Er macht richtig viel Geld,“ berichtete er Vater. „Die Amerikaner haben ganze Etagen angemietet.“ Die Amerikaner, damit meint er die UN-Truppen.

Im März war ich selbst in Juba, unterwegs mit Dr. Gerd Müller, dem Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Wir haben uns viele Stunden lang in einem Flüchtlingslager auf dem Gelände des UN-Hauptquartiers umgesehen, wo mehr als 25.000 Zivilisten – Kinder und Alte, Männer und Frauen – Zuflucht suchten vor Mord und Totschlag, dem Bürgerkrieg zweier verfeindeter Stämme.

Gefahr lag in der Luft, die Gefahr vor Cholera, die Gefahr vor einer Eskalation. Mangelnde Hygiene, bedrückende Enge, Sorgen um die Zukunft, Hoffnungslosigkeit, Langeweile, Angst. Ein Mann berichtet, dass er Zeuge von Erschießungen war und sich nur hatte retten können, weil er sich tot stellte.

An diesem Tag kam sie nach vielen Jahren wieder hoch, die Erinnerung an das, was ich selbst gesehen und erfahren hatte, als ich Mitte der 1970er-Jahre eine Zeit lang in Äthiopien lebte. Direkt nach der Revolution, der Zerschlagung des Feudalismus von Kaiser Haile Selassie I. durch den kommunistischen Diktator Mengistu, erlebte ich den Beginn des Roten Terrors, der das Land über Jahrzehnte erschütterte. Ich wurde Augenzeugin, als Tausende von Studenten des Nachts in Lastwagenkolonnen aus der Hauptstadt Addis Abeba deportiert wurden, hörte Schüsse und Todesschreie und die furchtbare Stille danach; erfuhr vom Verschwinden von Verwandten der Kollegen und beobachtete, wie sie es voreinander verschwiegen, aus Angst vor Denunziation.

Maschinengewehre im Kamin

Ich verspürte damals durchaus so etwas wie ein Gefühl von Abenteuer, in der festen Überzeugung, dass ich als Deutsche nicht in Gefahr wäre. Bis eines Nachts die Milizen unser Haus stürmten, auf der Suche nach einem Mitbewohner, von dem wir glaubten, dass er ein Archäologe war. Ken Williamson, so nannte sich der Amerikaner, der Hauptmieter des Hauses, war aber ein CIA-Agent. Und im Kamin unseres Gemeinschaftsraumes fanden die Soldaten Maschinengewehre hoch oben im mannshohen Schacht an Ketten aufgehängt. Ken hatte uns gesagt, dass der Kamin noch nie funktioniert hätte, er sich aber demnächst endlich darum kümmern wolle. Er ist nie wieder aufgetaucht. Und ich hatte in dieser Nacht zum ersten Mal in meinem Leben Angst.

Damals, ich war 25 Jahre alt, kam mir der ­Gedanke, dass ich ja so etwas wie ein Nachkriegskind bin. Geboren 1951 als Tochter eines Vaters, der Wehrmachtssoldat war, als Enkelin eines Großvaters, der im Ersten Weltkrieg als Ulan, als Lanzenreiter, gekämpft hatte. „Der Krieg“, das war ein ­Begriff, den ich in meiner Kindheit immer wieder hörte, zum Beispiel, wenn die Verwandten sich zum sonntäglichen Kaffeekränzchen versammelten und über dies und das und immer wieder auch über „den Krieg“ redeten. Allerdings: Da war keine Spur von Verherrlichung, von Abenteuer, es ging immer im Verlust von geliebten Menschen, um die Zerstörung, den Wiederaufbau.

Wir Kinder fanden das langweilig. Wir spielten lieber im Sandkasten im Garten unseres neu erbauten Einfamilienhauses. Und die Fotos von meinem Vater am Strand in Afrika, die fand ich einfach nur schön. Ich besitze noch eine Kiste mit Negativen von Bildern, die mein Vater im Krieg in Nordafrika gemacht hat. Ich werde sie jetzt endlich entwickeln lassen.

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