Klimawandel

von Beate Wedekind11.04.2010Gesellschaft & Kultur

20 Grad. Wolkenlos. Sonne. Ein Schmetterling schwebt vorbei. Lavendel, Klee und Call, Mimosen, Mohn und Margeriten blühen. Die Katze schnurrt, der Hahn kräht, die Ziegen meckern. KLIMAWECHSEL: Yoga, Pilates, Massage, Trommeln, Tennis, Tango, Botox. Nach 60 Jahren hat Beate Wedekind ihren eigenen Blick auf Ibiza entwickelt und auf die Frauen ihres Alters.

20 Grad. Wolkenlos. Sonne. Ein Schmetterling schwebt vorbei. Ich gönne mir ein paar Tage auf Ibiza. Das erste Mal kam ich mit 16, meinem ersten Freund und Neckermann und Reisen. Seit vielen Jahren besitze ich hier ein kleines Haus, vor 120 Jahren von den benachbarten Bauern für ihren Ziegenhirten erbaut. Einsam gelegen in einer archaischen Landschaft. Rosmarin und Lavendel, Klee und Call, Mimosen, Mohn und Margeriten blühen. Die Katze schnurrt, der Hahn kräht, die Ziegen meckern. Die Sonne schenkt den Strom, das Wasser sammelt sich in der Zisterne. In der Ferne schlägt die Glocke von Sant Mateu neun. Die Kirche ist 1786 geweiht. Die Zeit steht still.

Auch Rückschläge sind Wegweiser

KLIMAWECHSEL: In dieser Woche beginne ich mein 60. Lebensjahr, dankbar für meine Gesundheit und die Chancen, die ich hatte und habe. Mir könnte es nicht besser gehen. Auch Rückschläge sind Wegweiser. Die Nachbarin klopft ans Küchenfenster. Selbst wenn sie ein Telefon hätte, würde sie sich nicht anmelden. Wenn Maria kommt, nehme ich mir Zeit. Sie bringt frische Eier und Avocados, wie ihre Mutter, Großmutter, Urgroßmutter das schon bei meinen Vorgängern, den Ziegenhirten, getan haben. Ihr Mann ist vor einem Jahr gestorben, umgefallen bei der Feldarbeit, hinter seinem Pflug und seinem Maulesel. Sie war bei der Hochzeit 14, er 32, Kinderheirat war damals in dieser verlassenen Gegend die einzige Chance, wenn es in einer Familie zu viele Mädchen gab. Er war ein guter Mann, sagt sie, als ich sie nach ihrem Befinden frage. Über sich selbst zu reden käme ihr nicht in den Sinn. Sie wird das Witwenschwarz zeit ihres Lebens nicht mehr ablegen. Aber dann holt sie mit einem verschmitzten Lächeln ein Stück Papier unter ihrer Schürze hervor, ein Schiffsbillett. Nächste Woche wird sie mit einer Seniorengruppe nach Mallorca fahren, drei Tage. Maria verlässt zum ersten Mal ihre Insel. Sie kichert und freut sich wie ein Kind. Maria ist so alt wie ich. Sie hat ein Leben gelebt und ein anderes vor sich. KLIMAWECHSEL.

Die Sorgen der Anderen

Angelica treffe ich zufällig im Nachbardorf, wo ich Zeitung lesend in meiner Lieblingscafeteria einen Cortado schlürfe. Ungefragt setzt sie sich zu mir (wir haben uns im Leben vielleicht drei, vier Mal gesehen), schwatzt weiter in ihr Mobiltelefon. Dann lehnt sie ihren Kopf an meine Schulter und klagt, sie müsse sich einen neuen Pilates-Lehrer suchen; Dieser göttliche Argentinier hat sie gerade rausgeschmissen, nachdem sie das dritte Mal zu spät gekommen ist. Angelica ist eine dieser auf Ibiza geparkten Frauen, die ihr Leben damit verbringen, sich selbst zu finden, wie sie es nennt. Yoga, Pilates, Massage, Trommeln, Tennis, Tango. Einmal in der Woche lässt sie sich die Karten legen. Ihr Mann, ein Arzt aus dem Rheinischen, der – man sieht es ihr an – mit Botox ein Vermögen gemacht hat, fliegt samstags mittags ein, spielt Golf und Poker mit seinen Kumpels, aber der Sonntag gehört ganz ihr, sie spielen Backgammon mit Meerblick und abends gehen sie lecker essen. Montagmorgens ist er wieder weg. Angelica ist zufrieden mit ihrem Leben. Nur, dass sie sich einen neuen Pilateslehrer suchen muss und dass ihr die neue Kollektion von Versace nicht gefällt. Angelica ist so alt wie Maria und ich. KLIMAWECHSEL – die neue ZDF-Reihe von Doris Dörrie erzählt andere Geschichten über Frauen eines gewissen Alters. Ich amüsiere mich wie Bolle, die Überhöhung der Charaktere finde ich wunderbar, welch krasser Spiegel der Gesellschaft. “Du musst Dich jeden Tag neu erfinden”, hat Doris Dörrie einmal gesagt: Das habe ich mir gut gemerkt. Es wird Zeit.

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